Phil Collins

Der Herzschlag einer Ära: Phil Collins und die unendliche Reise eines Schlagzeugers

In einem hellen Interviewraum, umgeben von Vitrinen und Erinnerungsstücken, sitzt ein Mann, der die Musikgeschichte der letzten fünfzig Jahre geprägt hat wie kaum ein anderer. Doch wer ihn fragt, wer er eigentlich ist, erhält eine entwaffnend schlichte Antwort: „Ich bin Phil Collins und ich bin Schlagzeuger“. Es ist diese Identität, die über allem steht – über den Millionen verkauften Alben, den Welttourneen als Sänger und den Grammys. Für Collins ist das Singen eine Facette, das Schlagzeugspiel hingegen sein Fundament, sein eigentliches Zuhause. In einem ausführlichen Gespräch blickt er zurück auf eine Karriere, die mit einer Plastiktrommel begann und ihn zu einer der ikonischsten Figuren der Pop- und Rockgeschichte machte.

Die Anfänge: Von der Plastiktrommel zum West End

Alles begann in einem Wohnzimmer, als Phil gerade einmal drei Jahre alt war. Zu Weihnachten bekam er eine Plastiktrommel, ein Geschenk, das eine lebenslange Obsession auslöste. Er erinnert sich lebhaft daran, wie er als kleiner Junge vor dem Fernseher saß und im Takt der Sendungen mitschlug – so laut, dass er schließlich ins Schlafzimmer verbannt wurde. Mit fünf Jahren bauten ihm seine Eltern ein kleines Schlagzeug aus Querholz, ausgestattet mit einer Triangel und einem Becken. Es war der bescheidene Beginn eines Weges, der ihn bald vor die Wahl zwischen zwei Talenten stellen sollte: der Schauspielerei und der Musik.

Obwohl sein Vater besonders stolz darauf war, dass Phil als „Artful Dodger“ im Musical Oliver! im West End auftrat, entschied sich der 17-jährige Collins gegen die Bühne und für die Stöcke. Er wollte Schlagzeuger werden. Er antwortete auf Anzeigen im Melody Maker und wurde zum „professionellen Vorsprecher“. Doch trotz vieler Versuche schien er zunächst keinen Erfolg zu haben – bis er mit einem Freund zum Vorsprechen für eine Band namens Genesis ging.

Genesis: Die Geburt einer Prog-Ikone

Als Phil Collins 1970 zu Genesis stieß, war es für ihn zunächst einfach nur ein Job. Die Band suchte jemanden mit einem Gespür für akustische Musik. Peter Gabriel erinnerte sich später, dass er in dem Moment, als er Phil auf dem Schlagzeughocker sitzen sah, wusste: Das ist unser Mann. Die frühen Jahre waren geprägt von harter Arbeit in provisorischen Proberäumen wie „The Maltings“, einem Ort voller Taubendreck, den die Band umsonst nutzen durfte.

Hier entwickelte Collins seinen komplexen, technisch anspruchsvollen Stil, der ihn heute als „wahre Prog-Ikone“ auszeichnet. Stücke wie The Musical Box zeigen seine Fähigkeit, fast an der Grenze zum Metal zu spielen, lange bevor dieses Genre seine heutige Form fand. Er war ein technisches Kraftpaket, das es verstand, extreme Komplexität musikalisch und songorientiert zu verpacken. Alben wie Selling England by the Pound gelten heute als Meisterklassen des Schlagzeugspiels. Für Collins selbst war dies seine „Billy Cobham-Periode“, inspiriert vom Mahavishnu Orchestra. Doch trotz seiner technischen Brillanz blieb er bescheiden: „Es war nie diese Egotrommelei. Es war immer das Trommeln im Songkontext“.

Der Unfall, der zum Welterfolg wurde: Der Gesang

Der wohl entscheidendste Wendepunkt in Collins‘ Karriere war der Ausstieg von Peter Gabriel im Jahr 1975. Die Band suchte händeringend nach einem neuen Sänger, doch die Suche blieb erfolglos. Phil, der bereits während der Castings die Lieder für die Bewerber vorsang, klang schließlich besser als alle anderen. Dass er den Job übernahm, war keine geplante Karriereentscheidung: „Es war nicht meine Absicht, Sänger zu werden. Es ist nur so, dass niemand sonst den Job wirklich haben wollte“.

Seine Erfahrung als Kinderschauspieler half ihm dabei, die Nervosität zu überwinden und die Rolle des Frontmanns einzunehmen. Dennoch fühlte er sich hinter dem Schlagzeug stets wohler und vermisste es, dort zu sitzen. Um die Lücke zu füllen, die er am Schlagzeug hinterließ, wenn er sang, holte die Band Musiker wie Bill Bruford und später Chester Thompson dazu. Besonders mit Thompson entwickelte Collins eine legendäre Chemie, die in den berühmten Schlagzeug-Duetten gipfelte – Momente, in denen er wieder ganz er selbst sein konnte.

Die Erfindung des Sounds der 80er: Gated Reverb

In den frühen 80ern zementierte Phil Collins seinen Status nicht nur als Performer, sondern auch als Klangpionier. Durch einen Zufall während der Aufnahmen zu Peter Gabriels Song Intruder entdeckten Collins und der Tontechniker Hugh Padgham den „Gated Reverb“-Effekt. Wenn man Mikrofone in den Ecken eines Steinraums platziert und das Signal stark komprimiert, entsteht dieser massive, explosive Schlagzeugsound, der zum Markenzeichen eines ganzen Jahrzehnts wurde.

Dieser Sound bildete das Fundament für seinen größten Solo-Hit: In The Air Tonight. Interessanterweise enthielt das ursprüngliche Demo des Songs überhaupt kein echtes Schlagzeug, sondern nur einen Drum-Computer. Der berühmte Drum-Fill, den heute jeder Luftschlagzeuger der Welt mitspielen kann, war eine spontane Improvisation im Studio. Collins erinnert sich, dass er einfach spielte, was ihm in diesem Moment in den Sinn kam – ein magischer Augenblick, der nicht geplant war. Die Wirkung dieses Fills ist bis heute ungebrochen: Bei Live-Konzerten stieg die Spannung im Publikum ins Unermessliche, bis Collins schließlich zum Schlagzeug eilte, um diesen einen Part zu spielen. Einmal verpasste er fast den Einsatz, weil sein Schlagzeug auf einem Lift im Bühnenboden feststeckte und er in letzter Sekunde in das Loch springen musste, um zu spielen.

Der Getriebene: Solo-Karriere und musikalische Grenzgänge

Collins‘ Erfolg in den 80ern war, wie er selbst sagt, fast „obszön“. Er produzierte Hits für Künstler wie Frida von ABBA, spielte für Robert Plant und Eric Clapton und war omnipräsent in den Charts. Ein besonderes Highlight war die Zusammenarbeit mit Philip Bailey für Easy Lover, ein Song, der in einer einzigen Nacht aus purer Energie und Spielfreude entstand.

Doch Collins suchte auch immer wieder den Ausgleich zum Pop-Olymp. Mit der Fusion-Band Brand X lebte er seine Liebe zu komplexen Instrumentalstücken aus, auch wenn diese Musik damals kaum zeitgemäß war. Später erfüllte er sich einen Lebenstraum und gründete eine eigene Big Band. Anstatt seine Pop-Hits zu singen, setzte er sich wieder ans Schlagzeug und spielte Jazz-Standards und neu arrangierte Genesis-Stücke. Es war ein mutiger Schritt, der viele Fans, die nur den „Pop-Phil“ kannten, irritierte, ihm selbst aber enorme Befriedigung verschaffte. Eine Anekdote aus dieser Zeit zeigt seinen Respekt vor den Größen des Genres: Als er mit Legenden wie Buddy Rich und Tony Williams bei einem Grammy-Event auftreten sollte, war er so eingeschüchtert von den komplexen Notenblättern, dass er fast das Handtuch geworfen hätte – denn Phil Collins kann bis heute keine Noten lesen. Er nutzt stattdessen seine eigene „Comic-Schrift“ für Rhythmen.

Der Preis der Perfektion: Die körperlichen Folgen

Jahrzehnte des harten, körperbetonten Schlagzeugspiels haben jedoch ihre Spuren hinterlassen. Collins beschreibt seinen Körper heute wie die Federung eines Autos, das 100.000 Meilen gefahren ist – irgendwann ist das Material erschöpft. Eine schwere Nackenoperation, resultierend aus jahrelanger Fehlhaltung am Schlagzeug, führte zu Nervenschäden. Heute hat er in einem Fuß kein Gefühl mehr und kann die Stöcke nicht mehr so kontrollieren wie früher. Es ist ein tragischer Schicksalsschlag für einen Mann, dessen gesamtes Leben durch seine Hände und Füße definiert wurde. „Es bricht mir das Herz“, sagt er über die Tatsache, dass er heute nicht mehr spielen kann. Doch sein Kampfgeist bleibt ungebrochen; er bewundert andere Musiker, die trotz körperlicher Gebrechen weitermachen.

Die Fackel wird weitergereicht: Nicholas Collins

In den letzten Jahren seiner Karriere gab es jedoch einen Lichtblick, der Phil Collins sichtlich mit Stolz erfüllt: Sein Sohn Nick Collins hat den Platz am Schlagzeug eingenommen. Nick wuchs mit der Musik seines Vaters auf und lernte das Spielen fast instinktiv. Phil unterrichtete ihn nicht auf herkömmliche Weise, sondern gab ihm „Geheimnisse“ mit auf den Weg – kleine technische Kniffe, wie das Laufenlassen der Hi-Hat während Tom-Fills.

Bei der letzten Genesis-Tour war es Nick, der die komplexen Parts seines Vaters mit einer Energie spielte, die Phil an seine eigene Jugend erinnerte. Für Phil war es ein unbeschreibliches Gefühl, vorne auf der Bühne zu stehen, sich umzudrehen und seinen Sohn dort sitzen zu sehen, wo er selbst Jahrzehnte verbracht hatte. Es senkte nicht nur das Durchschnittsalter der Band erheblich, wie Phil scherzhaft bemerkte, sondern sicherte auch das musikalische Erbe. Nick spielt die Parts nicht nur nach, sondern bringt seine eigene Note ein, während er gleichzeitig das tiefe Verständnis für den Groove bewahrt, das er von seinem Vater geerbt hat.

Ein zeitloses Vermächtnis

Heute blickt Phil Collins auf ein Werk zurück, das Generationen von Musikern beeinflusst hat. Von den progressiven Anfängen über die Pop-Dominanz bis hin zum Soundtrack von Disneys Tarzan hat er bewiesen, dass ein Schlagzeuger auch ein begnadeter Songwriter und Produzent sein kann. Er sieht sich selbst als einen der Glücklichen, der fast alles erreicht hat, was er sich vorgenommen hatte. Seine Musik wird bleiben, lange nachdem die letzte Show gespielt ist.

Man kann sich Phil Collins’ Karriere wie ein gewaltiges Orchesterstück vorstellen, in dem er nacheinander jedes Instrument übernahm. Er begann als der Rhythmusgeber im Hintergrund, wurde zur tragenden Melodie im Rampenlicht und endete als der erfahrene Dirigent, der die Stöcke an die nächste Generation weiterreicht, während der Nachhall seines berühmten Gated-Reverb-Sounds noch immer durch die Stadien der Welt schwingt. Es ist ein Lebenslauf, der zeigt, dass wahre Meisterschaft nicht nur aus technischem Können besteht, sondern aus der Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden, ohne dabei den eigenen Herzschlag zu verlieren.

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