Der typische Geschäftsführer im Mittelstand kennt seine Maschinen, seine Kunden und seinen Markt seit zwanzig Jahren. Das Unternehmen funktioniert, die Auftragsbücher sind gefüllt und die Prozesse eingespielt. Trotzdem beschleicht ihn seit Monaten das Gefühl, dass sich die Spielregeln ändern.
Dieses Gefühl wird immer mehr zur messbaren Zäsur und diese schiebt sich langsam in die Wettbewerbslogik, bis sie irgendwann unübersehbar ist. Rund 80 Prozent der nordrhein-westfälischen Unternehmen nutzen Künstliche Intelligenz bereits in irgendeiner Form, aber ernsthaft investiert nur jedes vierte. Was diese Lücke für den Mittelstand in Mönchengladbach, Viersen und Krefeld bedeutet, verdient einen nüchternen Blick.
Der Mittelstand am Niederrhein ist mit Umbrüchen vertraut
Die Region hat schon Schlimmeres überstanden. Um 1800 vollzog die Textilindustrie rund um Krefeld und Mönchengladbach den Sprung vom Heimwebstuhl zur mechanisierten Fabrik und ein Betrieb, der damals auf den Webstuhl im Keller setzte, verlor. Ein Betrieb, der früh auf die neue Mechanik umstieg, baute ein Imperium. Diese Geschichte hat sich seitdem mehrfach wiederholt, mit der Montanindustrie, mit der Logistikrevolution und mit der Digitalisierung der 2000er Jahre.
Heute dominieren in der Region Metall, Maschinenbau, Logistik, Chemie und ein breites Spektrum an Dienstleistern. Diese Branchen stehen jetzt wieder an so einem Punkt. Denn Prozess-KI, also KI, die Disposition optimiert, Wartungsbedarfe vorausberechnet oder Angebote kalkuliert, entfaltet ihre stärksten Effekte dort, wo viele Daten auf viele Wiederholungsprozesse treffen. Das ist der industrielle Mittelstand. Das ist der Niederrhein.
Wettbewerber werden schneller, günstiger und zuverlässiger
Jetzt wird es konkret. Ein Maschinenbauer in Krefeld, der KI in der Wartungsplanung einsetzt, erkennt Ausfälle, bevor sie passieren. Predictive Maintenance nennt sich das und der Effekt ist simpel, nämlich weniger Stillstand, geringere Kosten, bessere Liefertreue.
Derselbe Betrieb, der KI in die Angebotskalkulation integriert, gibt Angebote in Stunden statt in Tagen ab und wenn dann noch die Supply Chain optimiert wird, sinken Lagerkosten und Lieferzeiten gleichzeitig. Gegenüber einem Wettbewerber ohne diese Systeme ist das kein kleiner Vorteil mehr, vielmehr ist es ein struktureller.
Drei Felder sind es, in denen diese Verschiebung gerade stattfindet:
- Das erste ist die Prozessautomation. Routinearbeiten in Verwaltung, Buchhaltung, Disposition und Qualitätssicherung werden automatisiert, was Preismodelle vom Stundensatz hin zu Pauschalen und Ergebnisverträgen verschiebt.
- Das zweite sind datengetriebene Entscheidungen, denn KI-gestützte Planung macht klassische Bauchentscheidungen schwerer verteidigbar, weil schlicht ein anderes Unternehmen mit besserem Datenfundament schneller richtig liegt.
- Das dritte sind neue Services, bei denen Unternehmen mit guter digitaler Infrastruktur datenbasierte Dienstleistungen anbieten können, die Wettbewerber ohne KI technisch schlicht nicht möglich wären.
Diesen Verdrängungsdruck kennt man aus einer ganz anderen Branche ebenfalls sehr gut. Im Glücksspiel ist Book of Ra Deluxe, einst das Aushängeschild jeder stationären Spielhalle, heute auch online verfügbar, rund um die Uhr, ohne Anfahrt, ohne Wartezeit. Beim Glücksspiel gilt es, verantwortungsvoll zu handeln – das bedeutet, klare Grenzen zu setzen, informiert zu bleiben, Anzeichen von Spielsucht ernst zu nehmen und nicht mehr zu riskieren als vertretbar ist.
Bei der KI-Transformation gilt das genauso. Der Konkurrenzdruck für die stationären Anbieter ist enorm. Ein Geschäftsmodell, das allein auf Ortsgebundenheit oder gewachsener Kundenbindung fußt, ist kein verlässlicher Schutzwall.
Veränderungen durch KI im Mittelstand
Die Zahlen aus der NRW-KI-Studie 2025, für die 651 Geschäftsführer befragt wurden, erzählen eine Geschichte mit zwei Gesichtern. Über 80 Prozent der nordrhein-westfälischen Unternehmen setzen bereits auf Künstliche Intelligenz, wenn auch in unterschiedlicher Intensität. Das klingt beeindruckend.
Bis man hört, was nutzen in vielen Fällen konkret bedeutet, nämlich ein ChatGPT-Fenster für Textentwürfe, vielleicht ein bisschen automatisierte E-Mail-Sortierung. Generative KI wie ChatGPT nutzen 78,2 Prozent der Befragten, aber KI-gestützte Business Intelligence kommt nur auf 21,7 Prozent und Chatbots auf 20,9 Prozent.
Das primäre Ziel beim KI-Einsatz ist für 60,7 Prozent der Unternehmen die Kostensenkung. Neue Geschäftsmodelle nennen dagegen nur 24,4 Prozent als Ziel. Das ist das eigentliche Problem. Ein Unternehmen, das KI ausschließlich als Rasenmäher für Kosten begreift, wird irgendwann feststellen, dass der Wettbewerber nebenan KI als Wachstumsmotor gebaut hat.
Der größte Hemmschuh ist fehlendes internes Know-how, das bei größeren Unternehmen mit 54,7 Prozent sogar noch stärker ausgeprägt ist als bei kleinen mit 45,9 Prozent und 33,4 Prozent der NRW-Unternehmen haben schlicht kein KI-Budget eingeplant. Keines. Null Euro.
AI Act, Datenschutz, Mitarbeitende: Die unterschätzten Baustellen
Seit dem 2. Februar 2025 gilt die erste Stufe des europäischen AI Act und der Compliance-Stand in NRW ist dabei besorgniserregend, denn nur 17,2 Prozent der Unternehmen haben einen KI-Kompass entwickelt, nur 13,5 Prozent einen KI-Beauftragten ernannt und lediglich 5,2 Prozent können einen KI-Kompetenz-Nachweis vorweisen. Die regulatorische Zäsur ist also bereits eingetreten. Viele Betriebe wissen es nur noch nicht.
Rechtliche Klarheit beim Datenschutz ist mit 77,8 Prozent der meistgenannte politische Wunsch der Wirtschaft. Gleichzeitig ist Datenschutz nicht allein eine politische Forderung, er ist auch ein konkretes Betriebsrisiko.
Ein Unternehmen, das sensible Daten ungefiltert in externe KI-Plattformen eingibt, gefährdet aktiv Betriebsgeheimnisse und es gibt Mitarbeitende, die KI als Bedrohung wahrnehmen, solange niemand ernsthaft mit ihnen darüber spricht. Schulungen und offene Kommunikation sind keine netten Extras, sie sind Grundvoraussetzung dafür, dass neue Prozesse überhaupt funktionieren.
Das kann der Mittelstand in Mönchengladbach, Viersen und Krefeld jetzt tun
Es gibt konkrete Unterstützung und die kostet oft nichts. Das Zukunftszentrum KI NRW, gefördert durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales, das Land NRW und den Europäischen Sozialfonds Plus, richtet sich explizit an kleine und mittlere Unternehmen und bietet praxisnahe Beratung sowie Qualifizierung an.
Das Mittelstand-Digital Zentrum Ruhr-OWL hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Betriebe durch Potenzialanalysen, Workshops und Transferprojekte begleitet. Die IHK Mittlerer Niederrhein und das Förderprogramm „Mittelstand Innovativ & Digital“ des Landes NRW ergänzen das Angebot für Unternehmen in der Region.
Der sinnvollste Einstieg folgt einer klaren Logik. Zunächst sollte kein Unternehmen den unbedarften KI-Einsatz um jeden Preis anstreben, vielmehr gilt es, einen, maximal zwei abgegrenzte Anwendungsfälle zu definieren, Angebotskalkulation, Service-Chat oder Produktionsplanung etwa.
Im nächsten Schritt lohnt es sich, die vorhandenen Förderangebote aktiv zu nutzen, statt alle Ressourcen intern zu binden. Langfristig entscheidend ist, KI nicht als reine Sparmaßnahme einzuordnen, vielmehr als Instrument für neue Dienstleistungen und ein differenzierteres Angebot am Markt.