Die Geschichte von Alphaville ist weit mehr als eine bloße Aneinanderreihung von Synthie-Pop-Hits; sie ist eine Odyssee zwischen bürgerlicher Enge und radikaler Freiheit. Alles begann im ostwestfälischen Herford, wo der junge Hartwig Schierbaum gegen die Erwartungen seines Vaters rebellierte und stattdessen im extravaganten Stardust-Look durch die Einkaufspassagen von Bielefeld flanierte. Nach einem abrupten Ende seiner Zeit bei der Bundeswehr landete er ohne Plan am Berliner Bahnhof Zoo … ein Ort, der ihn zwischen Obdachlosigkeit, besetzten Häusern und der düsteren Realität der Drogenszene formte und schließlich die Inspiration für Welthits wie „Big in Japan“ lieferte. Erst der Umzug ins „Exil“ nach Münster, in eine verschworene Musik-Kommune, ermöglichte es der Band, aus reinem Dilettantismus und mithilfe von Synthesizern einen Sound zu kreieren, der von Westfalen aus die ganze Welt erobern sollte.
Marian, wenn wir über die Geschichte von Alphaville sprechen, müssen wir ganz am Anfang beginnen … in der ostwestfälischen Provinz. Sie wurden 1954 als Hartwig Schierbaum in Herford geboren. Wie hat diese Umgebung Ihren Weg zur Musik geprägt?
Marian Gold: Ich komme aus einer klassischen Unternehmerfamilie; mein Vater Karl hatte eine sehr erfolgreiche Klimatechnikfirma. Eigentlich war vorgesehen, dass ich den Betrieb irgendwann übernehme. Doch schon früh gab es Spannungen, da ich mich eher für Kunst und Kultur interessierte, was mein Vater nicht wirklich verstand. Ich war ein intelligentes, aber auch rebellisches Kind. Ein prägender Moment war meine Zeit im Madrigalchor am Friedrichs-Gymnasium in Herford. Dort entdeckte ich, dass ich eine gute Stimme hatte. Aber die Provinz war eng. Ich erinnere mich, wie ich mit Freunden völlig geschminkt im Ziggy-Stardust-Look durch die Einkaufspassagen in Bielefeld gelaufen bin. Die Leute dort waren zum Glück ruhig, aber wir sahen für die damalige Zeit extrem außergewöhnlich aus.
Dieser Drang nach Freiheit führte Sie schließlich weg aus Herford. Der Weg nach Berlin war jedoch kein geplanter Karriereschritt, sondern eher eine Flucht, oder?
Marian Gold: Absolut. Es begann mit dem Desaster bei der Bundeswehr. Ich bin nach zehn Monaten rausgeflogen, weil ich mit diesem „Befehl und Gehorsam“ nicht klarkam. In einem Moment der Rebellion weigerte ich mich, bei Regen in eine Pfütze zu springen, nur weil ein Vorgesetzter es befahl. Danach hatte ich keinen Plan. Ich stieg in Plön einfach in den nächsten Zug, der zufällig von Paris nach Warschau fuhr, und landete am Bahnhof Zoo in West-Berlin. Das war Ende der 70er Jahre. Berlin war damals ein isolierter Ort, umringt von der Mauer, ein geografisches Exil. Wenn man dort ankam, ließ man sein voriges Leben einfach hinter der Tür.
In Berlin erlebten Sie eine sehr extreme Zeit. Sie waren zeitweise obdachlos und lebten in der besetzten Häuserszene in Kreuzberg. Wie hat diese Phase den späteren Sound von Alphaville beeinflusst?
Marian Gold: Es war eine vollkommen nihilistische Zeit. Ich hing mit Punks ab, die eigentlich gar nichts vorhatten, außer Spaß zu haben. Wir lebten in besetzten Häusern, aber ohne politischen Anspruch. Um zu überleben, arbeitete ich unter anderem als Bauhelfer in einer Akkordkolonne in Kreuzberg. Der Bahnhof Zoo mit seinen Junkies, Prostituierten und verlorenen Seelen wurde zur Kulisse für das, was später mein erster großer Hit werden sollte: „Big in Japan“. Ich schrieb den Song bereits 1979 in Berlin. Er handelt von einem Junkie-Pärchen, das sich prostituiert und von einem besseren Leben in Japan träumt, um der harten Realität der Berliner Drogenszene zu entfliehen.
In dieser instabilen Berliner Zeit trafen Sie auch auf Ariane Mohnat, die für Ihre persönliche und künstlerische Entwicklung entscheidend war.
Marian Gold: Ariane war mein „Spiritus Rektor“. Ich war damals sehr instabil, und sie gab mir Halt. Wir lebten in einer Musik-Kommune in Neukölln. Als die Kommune pleiteging, zog die ganze Gruppe, sieben Leute, um nach Münster, weil wir dort im Haus von Arianes Großmutter umsonst wohnen konnten. Dieses „Exil“ in Münster dauerte dreieinhalb Jahre und war die Geburtsstunde von Alphaville.
Münster gilt oft als der Ort, an dem Alphaville den Sprung zum Weltruhm vorbereitete. Wie sah das Leben in dieser Kommune aus?
Marian Gold: Es war eine sehr intensive, fruchtbare Zeit. Wir hatten einen Probenkeller, den wir mit Decken und Socken ausstopften, damit die Nachbarn nichts hörten. Wir waren Amateure; keiner von uns konnte ein Instrument richtig spielen. Deshalb nutzten wir Rhythmusmaschinen und Synthesizer … nicht aus einer ideologischen Überzeugung für elektronische Musik, sondern weil es die einzige Möglichkeit war, überhaupt Musik zu machen. Wir teilten alles: Das Geld wurde durch sieben geteilt, egal wer was geschrieben hatte. Ich war ein Verfechter dieser Idee, weil wir es nur durch die Unterstützung aller so weit geschafft hatten.
1984 kam dann der massive Durchbruch mit dem Debütalbum „Forever Young“. Wie haben Sie diesen plötzlichen Erfolg erlebt?
Marian Gold: Es war wie ein Sprung in ein Krokodilbecken. Im Januar 1984 erschien „Big in Japan“ und ging sofort auf die Eins. Plötzlich waren wir in der Dortmunder Westfalenhalle bei „Thommys Pop Show“, einer der wichtigsten Sendungen damals. Mein Vater, zu dem ich fünf Jahre lang keinen Kontakt hatte, erfuhr durch einen Anruf eines Geschäftsfreundes, dass ich im Fernsehen war. Er dachte zuerst, wenn ich im Fernsehen bin, müsse es etwas Kriminelles sein, weil es noch nicht Zeit für die Nachrichten war.
Auf den Erfolg von „Big in Japan“ folgte „Sounds Like a Melody“. Sie haben einmal erwähnt, dass Sie diesen Song anfangs gehasst haben. Warum?
Marian Gold: Das war eine reine Marketing-Entscheidung der Plattenfirma Warner. Sie wollten einen Hit für das Weihnachtsgeschäft und schickten Leute nach Münster, die uns drängten, schnell etwas zu schreiben. Wir haben das Stück in nur zwei Tagen verfasst. Ich fand den Text hirnlos und mochte das Stück jahrzehntelang nicht, weil es nicht aus einem inneren Bedürfnis entstanden war. Erst Mitte der 90er Jahre überzeugte mich mein Musical Director, es wieder ins Repertoire aufzunehmen, und ich merkte, dass es eigentlich ein guter Song ist. Die Aufnahme war allerdings eine stimmliche Herausforderung; der Produzent hatte die Tonart so hoch gejazzt, dass ich fast in den Bereich eines Countertenors vordringen musste.
Und dann ist da natürlich „Forever Young“, der Song, der zum Synonym für die Band wurde. Wie ist dieser Klassiker entstanden?
Marian Gold: Das ist kurios: Der Song entstand 1982 in meinem alten Kinderzimmer in Herford, während eines Besuchs bei meinen Eltern. Ich hatte diese Melodie im Kopf und schrieb den Text innerhalb von 45 Minuten. Der Text ist eigentlich eine Art Collage aus verschiedenen Versatzstücken und Filmzitaten, wie „Diamonds Are Forever“. Ich wollte den Song so schnell wie möglich singen, deshalb habe ich die Zeilen fast „zusammengesampelt“. Interessanterweise wollte ich die Melodie des Chorus später noch ändern, weil sie mir zu „billig“ vorkam, aber Bernhard Lloyd rettete den Song, indem er darauf bestand, es so zu lassen. Heute ist es einer der am meisten gecoverten Songs der Popgeschichte.
Trotz des Erfolgs gab es auch Brüche. Frank Mertens, eines der Gründungsmitglieder, verließ die Band schon nach neun Monaten.
Marian Gold: Der Ruhm forderte seinen Tribut. Franks Sicht auf die Dinge änderte sich so stark, dass es nicht mehr mit unserem Kollektivgedanken vereinbar war. Er wollte das Geld nicht mehr teilen. Es war ein Ende mit Schrecken, und wir verloren dadurch ein Stück unserer Unschuld. Ricky Echolette kam dann als Nachfolger dazu. Über die Jahrzehnte hatte die Band viele Gesichter, und heute bin ich das einzige verbliebene Gründungsmitglied.
Sie sind heute Vater von sieben Kindern von vier verschiedenen Frauen. Wie lässt sich dieses turbulente Privatleben mit der Karriere eines Weltstars vereinbaren?
Marian Gold: Ich bin wahnsinnig stolz auf meine Kinder; das Jüngste ist vier, das Älteste neunzehn. Wir sind eine außergewöhnliche Patchwork-Familie, die in Berlin-Grunewald ihr Zentrum hat. Es gibt keine Streitereien; wir Eltern ziehen an einem Strang. Vielleicht liegt meine lockere Einstellung zum Geld auch an meiner privilegierten Kindheit. Geld bedeutet mir nicht viel, weshalb ich es immer gerne geteilt habe. Das macht einen Mann vielleicht auch attraktiv.
Wenn Sie heute zurückblicken, von Herford über die besetzten Häuser Berlins bis hin zu den großen Weltbühnen … wie fühlen Sie sich, wenn Sie heute noch Touren durch die ganze Welt unternehmen?
Marian Gold: Ich habe glücklicherweise nie Lampenfieber. Wenn ich auf der Bühne stehe, bin ich eins mit diesen Songs; ich werde zu der Person in den Liedern. Es ist erstaunlich: Wir spielen immer noch etwa 30 Konzerte im Jahr, von Singapur bis Südafrika. In Ländern wie Lettland ist unsere Musik der 80er Jahre immer noch sehr präsent, weil sie dort mit der Zeit des Aufbruchs und des Endes des Kommunismus verbunden wird. Ich versuche mit jedem neuen Album, das Bisherige noch zu toppen. Es macht mir nach 35 Jahren immer noch einen Heidenspaß.
Zum Abschluss: Haben Sie Frieden mit Ihrer Herkunft und Ihrem Vater geschlossen?
Marian Gold: Ja, wir haben uns vor seinem Tod ausgesöhnt. Heute lebe ich in Berlin in einem Haus, das fast wie ein Museum ist, voll mit den Kunstwerken und Antiquitäten, die mein Vater gesammelt hat. Es ist eine Art „Papa-Museum“ geworden. Ich bin zwar als Hartwig Schierbaum gestartet und als Marian Gold weltberühmt geworden, aber am Ende kommen diese beiden Welten doch irgendwie zusammen.
Heute, über drei Jahrzehnte nach dem kometenhaften Aufstieg, ist Marian Gold das letzte verbliebene Gründungsmitglied einer Band, die Musikgeschichte geschrieben hat. Sein heutiges Leben in Berlin-Grunewald, geprägt von einer außergewöhnlichen Patchwork-Familie mit sieben Kindern und der geerbten Kunstsammlung seines Vaters, wirkt wie eine späte Aussöhnung zwischen dem einstigen Aussteiger und seinen Wurzeln. Während Hymnen wie „Forever Young“ längst ein globales Eigenleben führen und in Stadien von Paris bis Riga gefeiert werden, bleibt Gold ein Künstler, der bei jedem Auftritt aufs Neue in seinen Songs verschwindet. Alphaville bleibt damit kein bloßes Relikt der 80er Jahre, sondern das fortwährende Lebensprojekt eines Mannes, der den „maßlosen Anspruch“ auf ewige Jugend bis heute mit unbändiger Leidenschaft und Charisma füllt.
