Wie ein Schulabbrecher aus Schöneberg zur Ikone des Berliner Undergrounds wurde
Er trat barfuß auf Metalschrott, wohnte in einem Hinterzimmer seines eigenen Ladens und kaufte neben Iggy Pop beim Supermarkt ein. Blixa Bargeld, Frontmann der Einstürzenden Neubauten und langjähriges Mitglied der Bad Seeds von Nick Cave, ist eine der schillerndsten Figuren der deutschen Musikgeschichte. Ein Gespräch über Friedhöfe, fliegende Metallteile und 45 Jahre radikale Kunst.
Vom Schöneberger Friedhof auf die Weltbühne
Die Ursprungsgeschichte klingt wie ein Gleichnis. Blixa Bargeld verlässt mit 17 Jahren sein Elternhaus in Friedenau – ohne Schulabschluss, ohne Plan. Das Arbeitsamt schickt ihn in eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme: Torfschaufeln auf dem Schöneberger Friedhof, unter der Aufsicht eines sadistischen Vorarbeiters. Wenige Meter entfernt liegt Marlene Dietrich begraben. Heute, Jahrzehnte später, hat Bargeld sich dort bereits ein Ehrengrab gesichert. Der Kreis schließt sich – mit einer gehörigen Portion schwarzem Humor.
„Blixa – das ist genauso bescheuert wie Iggy“
Ende der 70er Jahre ist West-Berlin ein Magnet für Außenseiter und Avantgardisten. Bargeld wohnt in der Langenscheidtstraße in Schöneberg. Nur wenige Häuser weiter, in der Hauptstraße, leben David Bowie und Iggy Pop. Man begegnet sich – beim Einkaufen bei „Bolle“, im schwulen Café „Anderes Ufer“. Es sind keine großen Momente, sondern kleine: Iggy Pop kommentiert trocken Bargelds ungewöhnlichen Vornamen und die beiden kommen ins Gespräch. Pop erzählt von einer unveröffentlichten Session mit Tangerine Dream und Klaus Schulze – Geschichten, die sonst niemand kennt.
Zur gleichen Zeit eröffnet der Club SO36, und die Punk-Bewegung rollt auch durch Berlin. Bargeld ist dabei, aber er bezeichnet sich selbst nicht als Punk. „Die Punks haben früher eher Bierdosen nach der Band geworfen“, sagt er. Sein eigentlicher Hintergrund liegt im Krautrock, bei Ton Steine Scherben – in einer ernsteren, politischeren Tradition.
Eisengrau: Das Herz eines Dutzends
1979 gehört Bargeld der Laden „Eisengrau“ – und er lebt dort auch, in einem Hinterraum mit Hochbett. Was heute wie eine Romanszene klingt, war der reale Mittelpunkt der West-Berliner Underground-Szene. Diese Szene besteht damals aus kaum mehr als einem Dutzend Menschen, die sich alle kennen, ständig neue Bands gründen und Formationen tauschen wie andere Menschen Jacken. Im Keller des Ladens probt die Band Mania D, aus der später Malaria! hervorgehen wird.
Bargelds künstlerisches Selbstverständnis ist von Anfang an radikal. Bei einem Interview verweigert er schlicht die Antworten und spielt stattdessen Kinderklavier. Seine Frisur – unregelmäßig ausrasierte Stellen, die er selbst „Mondlandschaft“ nennt – ist kein Stilmittel, sondern eine bewusste Absage an modischen Sinn. Diese Haltung bringt ihm schließlich auch Filmrollen ein, etwa in Kalt wie Eis.
Wie die Neubauten den Sound der 80er prägten
Die Frage, ob die Einstürzenden Neubauten den Sound von Depeche Mode beeinflusst haben, beantwortet Bargeld mit charakteristischer Genauigkeit. Die Verbindung läuft über den Produzenten Gareth Jones, der gemeinsam mit Bargeld an dem Fad-Gadget-Stück „Collapsing New People“ arbeitete – ein Titel, der eine direkte Anspielung auf die Neubauten war. Jones produzierte später Depeche Mode, und so entstand das Gerücht über gesampelte Neubauten-Klänge. Rechtlich war das damals ohnehin Neuland.
Die technischen Möglichkeiten der frühen 80er sind bescheiden: Ein Gerät namens „Login“ erlaubt es gerade einmal, eine Sekunde Tonmaterial festzuhalten. Geld für erfahrene Studiotechniker gibt es nicht. Also lernt die Band alles selbst – und aus den zwangsläufigen Fehlern entstehen klingende Zufälle, die den unverwechselbaren Sound der Neubauten mitprägen.
Barfuß auf der Bühne – und warum das kein Gimmick ist
Auch heute noch tritt Bargeld bei Konzerten der Einstürzenden Neubauten barfuß auf. Der Grund ist pragmatisch: Die Band verständigt sich über die Vibrationen des Bodens. Gleichzeitig ist es für ihn ein ritueller Akt – das Ablegen der Schuhe markiert den Übergang aus dem „normalen Raumzeitkontinuum“ in den „heiligen Bezirk“ der Bühne. Angesichts der fliegenden Metallteile, die bei Neubauten-Konzerten zum Inventar gehören, verlässt sich Bargeld auf das, was er eine „telepathische Übereinstimmung“ innerhalb der Band nennt. Narben und Knieverletzungen hat er trotzdem davongetragen.
45 Jahre – und immer noch in den Charts
Das klingt alles nach Legende, nach Geschichte. Ist es auch. Aber es ist keine abgeschlossene. Das bislang letzte Album der Einstürzenden Neubauten, Rampen (Alien Pop Music), erreichte Platz 5 der deutschen Charts. Aus dem Ausland gibt es goldene Schallplatten, Kollaborationen mit Künstlern wie dem Rapper Casper, Auftritte im Planetarium mit Neuinterpretationen von Bowie-Stücken.
Gefragt, wie er sich heute verorten würde, antwortet Bargeld schlicht: als Berliner. Und als Europäer.
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe seiner Geschichte – dass ein Schulabbrecher vom Grazer Damm, der einmal auf einem Friedhof Torf schaufeln musste, am Ende genau dort gelandet ist, wo er hinwollte: in der Stadt, die ihn gemacht hat.
