Die wohnortnahe Arzneimittelversorgung in Deutschland steht an einem kritischen Wendepunkt. Nachdem die Finanzkommission Gesundheit ihre „Empfehlungen zur Stabilisierung des GKV-Beitragssatzes“ vorgelegt hat, warnt Thomas Preis, Präsident des Apothekerverbandes Nordrhein und Vorstandsmitglied der ABDA (Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände), eindringlich vor den Folgen eines „Sparwahns“ zulasten der Patienten. In einer Zeit, in der das Apothekensterben bereits historische Ausmaße annimmt, könnten weitere Einsparungen das Ende der flächendeckenden Versorgung einläuten.
Honorarstillstand seit 2013: Die wirtschaftliche Basis bricht weg
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: In den vergangenen 13 Jahren hat Deutschland bereits ein Fünftel seiner Apotheken verloren. Der Hauptgrund hierfür ist laut ABDA eine chronische Unterfinanzierung. Während die Kosten für Personal, Energie und Miete stetig gestiegen sind, wurde das Apothekenhonorar seit 2013 nicht mehr erhöht.
Zwar hat sich die schwarz-rote Koalition im Koalitionsvertrag dazu bekannt, das Honorar in dieser Legislaturperiode auf 9,50 Euro anzuheben, doch die Umsetzung lässt auf sich warten. Thomas Preis stellt klar, dass minimale oder schrittweise Anpassungen nicht ausreichen werden: „Erneut würden die Apotheken von der wirtschaftlichen Gesamtentwicklung abgekoppelt. Die Folge wäre, dass das Apothekensterben ungebremst weiterginge.“
Pharmazeutische Dienstleistungen: Prävention unter Beschuss
Besonderes Augenmerk legt die ABDA auf die sogenannten pharmazeutischen Dienstleistungen (pDL). Diese Angebote – wie etwa die Blutdruckmessung, die Beratung bei Inhalationen oder Medikationsanalysen – werden von den Patienten zunehmend geschätzt und spielen eine zentrale Rolle bei der Früherkennung und Prävention.
Die Empfehlungen der Finanzkommission, die Honorierung für diese Leistungen zur Disposition zu stellen, bezeichnet Preis als „fatales Signal“. Die Ironie dabei: Diese Dienstleistungen sparen den Krankenkassen langfristig hohe Behandlungskosten ein, indem sie Komplikationen und Fehlmedikationen verhindern. Ein Entzug der Mittel würde dazu führen, dass immer weniger Apotheken diese zeitintensiven, aber medizinisch wertvollen Leistungen noch erbringen können.
Appell an Ministerin Nina Warken: Worten müssen Taten folgen
Der Blick der Apothekerschaft richtet sich nun erwartungsvoll auf Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU). Die Ministerin hatte bei der Vorstellung der Empfehlungen betont, das hohe Versorgungsniveau in Deutschland nicht gefährden zu wollen. Mehrfach versicherte sie öffentlich, die Apotheken vor Ort stärken zu wollen.
Thomas Preis nimmt die Ministerin beim Wort: „Nina Warken weiß: Eine funktionierende, starke, heilberufliche Vor-Ort-Versorgung gibt es nur mit wirtschaftlich stabilisierten Apotheken.“ Die Forderung ist eindeutig: Die versprochene Honorarerhöhung muss schnellstmöglich kommen, um den Abwärtstrend zu stoppen. Nur mit einer stabilen finanziellen Basis können Apotheken ihren Auftrag als niedrigschwellige Gesundheitsanker in den Städten und im ländlichen Raum weiterhin erfüllen.
