Brückenbauer in Sarajevo: Wie der Dialog der Religionen den Frieden in Bosnien sichert

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Der Balkan gilt seit jeher als eine Region, in der Geschichte nicht nur geschrieben, sondern tief durchlebt wird. Inmitten dieser historisch bedeutsamen Landschaft liegt Sarajevo, eine Stadt, die wie kaum eine andere für das friedliche Miteinander, aber auch für das tiefe Leid des Krieges steht. Am 10. April 2026 beendete Bischof Dr. Bertram Meier, der Vorsitzende der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, seinen viertägigen Besuch in der bosnisch-herzegowinischen Hauptstadt. Sein Ziel war es nicht, als Lehrer aufzutreten, sondern als Lernender. Im Zentrum seiner Reise stand eine fundamentale Frage: Wie gelingt das Zusammenleben verschiedener Religionsgruppen mehr als drei Jahrzehnte nach einem verheerenden Krieg?

Ein Erbe des Friedens und die Narben der Vergangenheit

Sarajevo wird oft als das „Jerusalem Europas“ bezeichnet. Hier stehen Moscheen, katholische Kathedralen, orthodoxe Kirchen und Synagogen oft nur wenige Schritte voneinander entfernt. Bischof Meier betonte während seines Besuchs, dass der interreligiöse Dialog in dieser Region keine bloße theoretische Spielerei ist, die in akademischen Zirkeln diskutiert wird. Er ist eine gelebte Realität, die bereits Jahrhunderte überdauert hat. Doch diese Idylle ist zerbrechlich. Die Schatten des Bosnien-Krieges, der von 1992 bis 1995 tobte, liegen noch immer über dem Land.

Besonders die fast vierjährige Belagerung von Sarajevo hat sich tief in das kollektive Gedächtnis der Menschen eingebrannt. In seinen Gesprächen mit Zeitzeugen wurde dem Bischof deutlich, dass die Wunden der Vergangenheit zwar oberflächlich verheilt sein mögen, die Narben aber weiterhin das gesellschaftliche Gefüge prägen. In Bosnien und Herzegowina definieren sich die drei großen Volksgruppen – die muslimischen Bosniaken, die orthodoxen Serben und die katholischen Kroaten – maßgeblich über ihre religiöse Zugehörigkeit. Wenn Religion so eng mit der nationalen Identität verknüpft ist, wird jede religiöse Geste automatisch zu einem politischen Statement.

Bischof Meier hob hervor, dass es nach wie vor eine der größten Herausforderungen ist, das Leid der jeweils anderen Gruppe anzuerkennen. Oft herrscht eine Konkurrenz der Opferrollen vor, die eine gemeinsame Sicht auf die Geschichte erschwert. Dennoch gibt es einen Lichtblick: Das Bewusstsein, dass der Frieden mühsam errungen wurde und nicht leichtfertig verspielt werden darf, ist bei allen Beteiligten stark ausgeprägt. Der Dialog ist hier kein Luxus, sondern ein überlebenswichtiges Instrument der Friedenssicherung.

Praktische Versöhnung: Von kleinen Schritten und großen Hoffnungen

Wie sieht dieser Dialog nun konkret aus? Ein zentrales Element ist der Interreligiöse Rat, den die Gemeinschaften nach dem Krieg ins Leben gerufen haben. Dieser Rat arbeitet nicht nur in der fernen Hauptstadt, sondern ist in 19 regionalen Räten im ganzen Land aktiv. Bischof Meier traf sich mit dem Exekutivausschuss dieses Gremiums sowie mit hochrangigen Vertretern wie Großmufti Husein Kavazovic. Die einhellige Botschaft aller Beteiligten war klar: Versöhnung braucht Vertrauen, und Vertrauen braucht Zeit.

Ein besonders beeindruckendes Beispiel für praktische Zusammenarbeit ist das Interreligiöse Studienprogramm. Seit fast einem Jahrzehnt arbeiten die islamischen, katholischen und orthodoxen theologischen Fakultäten zusammen, um junge Menschen gemeinsam auszubilden. Wenn angehende Imame und Priester gemeinsam im Hörsaal sitzen, lernen sie die Traditionen der anderen aus erster Hand kennen. Sie bauen Vorurteile ab, bevor diese sich verfestigen können. Bischof Meier bezeichnete solche Initiativen treffend als „Samen der Hoffnung“. Sie sind die Basis dafür, dass Religion nicht mehr als Trennendes, sondern als verbindendes Element wahrgenommen wird.

Trotz dieser positiven Ansätze bleibt die Lage der katholischen Kirche vor Ort schwierig. In Gesprächen mit Erzbischof Tomo Vuksic und Kardinal Vinko Puljic wurden ernste Sorgen laut. Die katholischen Kroaten sind die kleinste der drei konstitutiven Volksgruppen und fürchten um ihre politische Repräsentation. Hinzu kommt ein Problem, das viele Länder Südosteuropas teilen: Die massive Abwanderung junger Menschen nach Westeuropa. Wenn die Jugend geht, verliert die Kirche – und mit ihr die Gesellschaft – ihre lebendigste Kraft. Dennoch bleibt die katholische Kirche ein zentraler Akteur im sozialen Bereich, etwa durch das Jugendpastoralzentrum Johannes Paul II., das Bischof Meier ebenfalls besuchte.

Die europäische Perspektive und die Rolle der Weltgemeinschaft

Die Reise des Bischofs war jedoch nicht nur religiöser Natur. Durch Treffen mit dem Hohen Repräsentanten Christian Schmidt und dem deutschen Botschafter Alfred Grannas wurde die politische Dimension des Friedensprozesses beleuchtet. Bosnien und Herzegowina steht an einem Scheideweg. Viele Menschen im Land sehnen sich nach einer Zukunft in der Europäischen Union. Sie hoffen, dass die Integration in die europäische Staatengemeinschaft die wirtschaftliche Not lindert und die politische Stabilität festigt.

Damit dieser Weg gelingen kann, muss sich jedoch auch das politische System im Inneren weiterentwickeln. Die aktuelle Verfassung, die auf dem Abkommen von Dayton basiert, hat zwar den Krieg beendet, sorgt aber oft für politische Blockaden. Bischof Meier zeigte sich überzeugt, dass der interreligiöse Dialog eine Schlüsselrolle dabei spielen kann, die gesellschaftlichen Spaltungen zu überwinden, die einer demokratischen Weiterentwicklung im Weg stehen. Wenn die religiösen Führer den Weg der Verständigung vorleben, kann dies eine Signalwirkung für die gesamte Politik haben.

Abschließend unterstrich der Bischof die Solidarität der katholischen Kirche in Deutschland mit den Menschen in der Region. Die Unterstützung wird nicht nur ideeller, sondern auch praktischer Natur bleiben. Sarajevo, einst ein Synonym für Krieg und Belagerung, hat sich wieder zu einem Ort der Begegnung gewandelt. Der Weg zur vollständigen Versöhnung mag noch weit sein, doch die Reise von Bischof Meier hat gezeigt, dass der Dialog jede Anstrengung wert ist. Denn am Ende dient er dem höchsten Gut: dem dauerhaften Frieden in einem gemeinsamen Europa.

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