Mit „Magnifica Humanitas“ hat Papst Leo XIV. die erste päpstliche Enzyklika zur Künstlichen Intelligenz vorgelegt und damit eine Debatte angestoßen, die weit über die Kirchenmauern hinausreicht. Am Ludwig-Windthorst-Haus (LWH) in Lingen haben sich KI-Experte und Studienleiter Michael Brendel sowie der Studienbeauftragte Pfarrer Dr. Jochen Reidegeld eingehend mit dem Dokument befasst. Ihr Urteil: eine ungewöhnlich konkrete und zeitgemäße Orientierungshilfe, verfasst von einem Papst, der Tolkien zitiert und die KI aus der Science-Fiction in die Gegenwart holt.
Nicht zu spät, sondern genau richtig
Ist die Kirche beim Thema KI zu spät? Brendel verneint das entschieden. „Bei der KI ist noch so viel offen und in der Entwicklung, da kommt dieser Impuls aus dem Vatikan genau richtig.“ Reidegeld ergänzt den historischen Kontext: Schon Leo XIII. habe mit seiner Sozialenzyklika „Rerum Novarum“ nicht am Beginn der Industrialisierung reagiert, sondern nach Jahrzehnten, als sich die gesellschaftlichen Folgen klar abzeichneten. Heute sei die Digitalisierung der vergleichbare Umbruch. Und Papst Leo XIV. habe sich bewusst an seinen Vorgänger angelehnt: Der gewählte Name ist Programm.
Babel oder Jerusalem?
Im Zentrum der Enzyklika steht nach Einschätzung beider Experten die Frage nach dem Menschenbild. Der Papst stellt zwei Alternativen gegenüber: Babel als Symbol für grenzenloses Optimierungsstreben und Machtanhäufung, Jerusalem als Modell des gemeinsamen Aufbaus einer menschlichen Gesellschaft. „Die Frage ist also nicht, ob KI gut oder schlecht ist, sondern: Nutzt sie dem Guten?“, fasst Reidegeld zusammen. Diese Weichenstellung sei keine philosophische Spielerei, sondern habe konkrete gesellschaftliche Folgen, bis hin zu autoritären Systemen, die den „perfekten Menschen“ anstrebten.
Brendel hebt besonders die Aussagen zur menschlichen Endlichkeit hervor. Gerade Schwäche, Verletzlichkeit und Begrenztheit machten Mitgefühl und Nächstenliebe möglich. Damit stelle die Enzyklika transhumanistischen Vorstellungen, die den Menschen technisch perfektionieren wollen, eine klare Absage aus. „KI kann nicht empfinden, und Empathie kann sie nicht nachempfinden, weil Empathie immer eine Spiegelung ist“, sagt Brendel. Persönliche Beziehung setze gemeinsame Erinnerungen, Emotion und unmittelbare Wahrnehmung voraus, alles Dinge, zu denen KI strukturell nicht fähig sei.
Algorithmen, Wahrheit und soziale Medien
Konkret wird die Enzyklika auch bei der Frage der Algorithmen. Reidegeld warnt vor der „Manipulation der Wahrheit“ durch intransparente Systeme, die primär wirtschaftlichen Interessen folgen: „Wenn Wahrheit keine verlässliche Größe mehr ist, verlieren wir die Grundlage des menschlichen Zusammenlebens.“ Der Papst fordere deshalb nicht nur technische Regulierung, sondern spreche sich ausdrücklich für den Schutz Jugendlicher vor ungehindertem Zugang zu sozialen Medien aus.
Auch die Vorstellung von KI als Heilsversprechen nimmt die Enzyklika ins Visier. Brendel sieht hier eine reale gesellschaftliche Gefahr: „Das Credo aus Silicon Valley heißt: Du brauchst dieses Gadget und jenes Widget, um ein vollkommener Mensch zu sein.“ Dass ein Co-Founder von Anthropic bei der Vorstellung der Enzyklika zugegen war, wertet er nicht als „Popewashing“, sondern als konsequentes Signal: Die KI-Industrie brauche einen ethischen Kompass, keine Vorschriften. „Da hilft kein Regelwerk, aber es braucht eine Orientierung.“
Auftrag an Bildung und Gesellschaft
Für das LWH selbst ist die Enzyklika auch ein konkreter Arbeitsauftrag: Der Papst richtet einen klaren Appell an alle Bildungseinrichtungen, KI-Kompetenz zu fördern und zu vermitteln. Brendel: „Er spricht über Lehrkräfte, die das lernen müssen, und über uns alle als Nutzende, die Mitverantwortung dafür tragen, wie KI eingesetzt wird.“ Das LWH, das bereits seit Jahren Angebote zur KI-Bildung entwickelt, sieht sich damit in seiner Arbeit bestätigt.
Reidegeld zieht ein klares Fazit: Die Enzyklika sei kein technisches Regelwerk, sondern eine ethische Orientierungshilfe, nahbar, konkret und in einer langen Tradition kirchlicher Soziallehre verankert. Und Brendel ergänzt mit einem Schmunzeln: „Welcher Papst hat bitte schon Gandalf aus ,Herr der Ringe‘ zitiert?“
Michael Brendel ist Studienleiter und KI-Experte am Ludwig-Windthorst-Haus in Lingen (Ems). Pfarrer Dr. Jochen Reidegeld ist dort Studienbeauftragter für Konfliktforschung und christliche Friedensethik.
Das vollständige Interview sowie Audio- und Videomaterial sind über das LWH erhältlich: www.lwh.de

