Anzeige
Img728x90 neue standardbanner new tde 1742992361697

Ehrenamt im Sport NRW: Interview mit Jens Wortmann vom Landessportbund NRW

Anzeige
Westenergie AG

Ehrenamt im Sport NRW steht nach Einschätzung von Jens Wortmann vor einer paradoxen Lage: Die Mitgliederzahlen der Sportvereine erreichen einen neuen Rekord, während gleichzeitig die Zahl der Engagierten seit der Coronapandemie spürbar zurückgegangen ist. Jens Wortmann ist Vizepräsident des Landessportbunds Nordrhein-Westfalen und in Personalunion Vorsitzender der Sportjugend Nordrhein-Westfalen. Im schriftlichen Interview mit regionalupdate.de erklärt er, wie der Landessportbund NRW dem Rückgang im Ehrenamt begegnet, welche Rolle Digitalisierung und Social Media im Vereinsalltag inzwischen spielen, wo bei der Nachwuchsförderung noch Lücken bestehen und welche gesellschaftliche Wirkung Sportvereine gerade in Zeiten zunehmender Polarisierung entfalten. Die Antworten werden im Folgenden unverändert wiedergegeben.

Zur Person: Jens Wortmann

Jens Wortmann ist Vizepräsident des Landessportbunds Nordrhein-Westfalen und in Personalunion Vorsitzender der Sportjugend Nordrhein-Westfalen. In dieser Funktion verantwortet er zentrale Themen des Kinder- und Jugendsports in NRW, von Kooperationen der Sportvereine mit Kitas und Schulen über die Qualifizierung junger Engagierter bis zur Förderung von Nachwuchsführungskräften und Digitalisierung im Sport.

Das Interview

Sie sind Vizepräsident des Landessportbunds NRW. Was sind Ihre persönlichen Schwerpunkte in dieser Rolle und was treibt Sie persönlich an?

Jens Wortmann: „Ich bin als Vizepräsident zuständig für die Sportjugend Nordrhein-Westfalen, deren Vorsitzender ich in Personalunion bin. Damit verantworte ich zahlreiche Themen des Kinder- und Jugendsports, beispielsweise die Kooperationen von Sportvereinen mit Kitas und Schulen, die gerade angesichts des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung noch wichtiger werden, die Qualifizierung junger Engagierter, z.B. zu Sporthelfer*innen, oder die Umsetzung eines Kinderbewegungsabzeichens für die Jüngsten. Daneben sind Sportvereine auch Orte der Persönlichkeitsentwicklung für junge Menschen: Auf einer Vereinsfahrt lernt man grundlegende Regeln des Zusammenlebens, als Mannschaftssprecher*in kann man im Kleinen Verantwortung übernehmen, internationale Sportbegegnungen stärken die interkulturelle Kompetenz und erweitern den Horizont. Daneben interessieren mich insbesondere die Förderung von Nachwuchsführungskräften im Sport sowie Innovation und Digitalisierung im Sport. Durch mein ehrenamtliches Engagement kann auch ich fortlaufend meinen Horizont erweitern, spannende Erfahrungen sammeln und mich persönlich weiterentwickeln.“

Der organisierte Sport steht unter Druck: sinkende Mitgliederzahlen in manchen Bereichen, Rückgang im Ehrenamt. Wie begegnet der Landessportbund NRW diesen Herausforderungen konkret?

Jens Wortmann: „Unsere Mitgliedszahlen sinken nicht – im Gegenteil: mit knapp 5,6 Millionen Mitgliedschaften in rund 17.200 Sportvereinen hat die Bestandserhebung 2026, bei der die Vereine ihre Mitglieder an den Landessportbund melden, einen neuen Mitgliederrekord ergeben, und dies im zweiten Jahr in Folge. Selbst im Kinder- und Jugendbereich steigt die Mitgliederzahl noch leicht – und das bei zurückgehenden Geburtenzahlen. Langfristig wird es aufgrund des demografischen Wandels aber wohl kaum noch Wachstumspotenziale geben. Der Fokus sollte bei vielen Vereinen daher zukünftig auf einer stärkeren Mitgliederbindung statt der reinen Mitgliedergewinnung liegen. Anders ist es bei den Ehrenamtlichen: Je nach Studie haben wir während der Coronapandemie 10 bis 20 Prozent der Engagierten verloren – und diese „Delle“ konnte noch nicht wieder vollständig ausgeglichen werden. Als Landessportbund und Sportjugend haben wir unter anderem „Auffrischungsschulungen“ für Menschen angeboten, die früher mal als Übungsleitung tätig waren, aber dann länger nicht mehr. Daneben beraten wir Vereine, wie sie ehrenamtliches Engagement strategisch fördern können. Und schließlich hat das Land in diesem Jahr mit der Übungsleiter*innen-Offensive ein Förderprogramm aufgelegt, um neue Trainer*innen und Übungsleiter*innen auszubilden. Dieses Programm erfreut sich bei den Vereinen zurecht größter Beliebtheit.“

Digitalisierung, KI, Social Media – wie verändert das die Vereinsarbeit und welche Unterstützung bietet der LSB NRW den Vereinen dabei?

Jens Wortmann: „Immer mehr Vereine digitalisieren ihre Vereinsverwaltung und entlasten so ihre Ehrenamtlichen. Allerdings bedarf es dafür einmalig eines größeren Aufwands, wenn man es vernünftig machen will – und vielleicht auch des ein oder anderen investierten Euros. Aber das sollte es den Vereinen wert sein, denn so bleiben sie für Engagierte attraktiv. Wir unterstützen sie dabei unter anderem mit einem Vergleichsportal für Vereinssoftware, vor allem aber durch kostenlose Infoveranstaltungen und individuelle Vereinsberatungen zum Thema Digitalisierung. Neben der Digitalisierung der Vereinsverwaltung sollten Vereine wissen, dass der Vereinsalltag mittlerweile auch im digitalen Raum gelebt wird, und somit das Vereinsheim – ob gewollt oder nicht, mittlerweile auch einen digitalen Anbau hat: In Chatgruppen und auf Social Media findet direkter Austausch und Informationsvermittlung statt. Vereine sollten dies aktiv begleiten, im Jugendbereich auch medienpädagogisch.“

Nachwuchsförderung ist ein Dauerthema. Was funktioniert in NRW gut – und wo sehen Sie noch Nachholbedarf?

Jens Wortmann: „Mit dem Sporthelfer*innenprogramm, das in diesem Jahr immerhin sein 25-jähriges Bestehen feiert, führen wir jedes Jahr mehr als 8.000 junge Menschen an ein Ehrenamt im Sport heran. Daneben haben wir für diejenigen, die langfristig Verantwortung übernehmen wollen, Nachwuchsführungskräfteprogramme und auch Stipendien, um die Vereinbarkeit von Ehrenamt, familiären Verpflichtungen und Studium bzw. Berufsausbildung zu erhöhen. Diese Programme sind sehr gut, auch wenn man immer mehr tun kann. Wo wir ein Problem haben: Die Wechsel zwischen Vereinen, die z.B. bei einem studienbedingten Umzug passieren können, laufen wenig systematisch ab. Und wenn junge Menschen mal kürzer treten wollen, werden sie oft dafür kritisiert, statt dass man ihnen ihnen für die geleistete Arbeit zu dankt. So verprellt man Engagierte.“

Sport hat eine enorme gesellschaftliche Funktion – Integration, Gesundheit, Gemeinschaft. Wo sehen Sie die größte Wirkung des Sports in NRW gerade?

Jens Wortmann: „Sportvereine sind die Orte, wo Menschen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen – weltanschaulich, mit ihren unterschiedlichen Lebenserfahrungen, unterschiedlichen Altersgruppen, wirtschaftlich oder vom Bildungsgrad her – zusammenkommen und gemeinsam sinnvoll ihre Freizeit gestalten. Das ist ein unglaublicher Mehrwert in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung. Diversität ist eine wesentliche Stärke des Sports. In unseren Sportvereinen besteht die Chance, die eigene Bubble zu verlassen und Gemeinschaft mit ganz anderen Menschen zu erleben. Das ist ein großer Beitrag zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft.“

Was wünschen Sie sich für den Sport in NRW in den nächsten fünf Jahren – was muss sich verändern, damit Vereine und Verbände stark bleiben?

Jens Wortmann: „Die Liste ist lang: Zuerst brauchen wir für den Sport funktionierende Sportstätten. Die aktuellen Förderprogramme von Bund und Land sind hier ein Schritt in die richtige Richtung, werden aber absehbar nicht ausreichen, um den Modernisierungsbedarf vollständig zu beheben. Es gilt hier also, dranzubleiben. Daneben sollte das Ehrenamt weiter viel stärker von bürokratischen Pflichten entlastet werden. Für Unternehmen hat das Land NRW beschlossen, sämtliche Berichtspflichten und Schriftformerfordernisse zum Jahresende 2026 wegfallen zu lassen, wenn sie bis dahin nicht neu beschlossen werden. So etwas würde ich mir auch für den Bereich der gemeinnützigen Organisationen wünschen. Und es muss gelten: Informationen, die der Staat von Vereinen einmal bekommen hat, sollten diese nicht erneut bei anderen staatlichen Stellen einreichen müssen. Es kann nicht die Aufgabe von Ehrenamtlichen sein, fortlaufend Meldungen an unterschiedliche staatliche Register abzugeben. Sie sollten sich auf die Vereinsentwicklung konzentrieren können, und natürlich vor allem darauf, dass Menschen Sport treiben und Gemeinschaft erleben.“

Ehrenamt im Sport NRW: Zahlen und Programme im Überblick

Die von Jens Wortmann genannten Eckdaten zeigen, wie sich Ehrenamt im Sport NRW aktuell entwickelt: Auf der einen Seite steht ein neuer Mitgliederrekord, auf der anderen Seite eine seit der Coronapandemie spürbare Lücke bei den Engagierten, die der Landessportbund NRW mit mehreren gezielten Programmen schließen will.

Als externe Einordnung verweist der Landessportbund NRW auf seiner eigenen Website regelmäßig auf aktuelle Zahlen und Förderprogramme rund um Vereine, Ehrenamt und Sportentwicklung in Nordrhein-Westfalen.

Über den Landessportbund NRW und die Sportjugend NRW

Der Landessportbund Nordrhein-Westfalen ist der Dachverband des organisierten Sports in NRW. Die Sportjugend Nordrhein-Westfalen ist als Jugendorganisation des Landessportbunds für Themen des Kinder- und Jugendsports zuständig, etwa Kooperationen mit Kitas und Schulen, die Qualifizierung junger Engagierter und die Förderung von Nachwuchsführungskräften. Jens Wortmann ist als Vizepräsident des Landessportbunds und Vorsitzender der Sportjugend NRW in Personalunion für beide Bereiche verantwortlich. Kontakt: Telefon 0162 340 6321, E-Mail [email protected].

FAQ

Sinken die Mitgliederzahlen der Sportvereine in NRW?
Nein, laut Jens Wortmann ist das Gegenteil der Fall: Die Bestandserhebung 2026 ergab mit knapp 5,6 Millionen Mitgliedschaften einen neuen Rekord, im zweiten Jahr in Folge.

Warum ist Ehrenamt im Sport NRW seit der Coronapandemie schwieriger geworden?
Weil je nach Studie 10 bis 20 Prozent der ehrenamtlich Engagierten während der Pandemie verloren gingen und diese Lücke bislang nicht vollständig ausgeglichen werden konnte.

Welche Programme fördern neue Übungsleiter*innen in NRW?
Unter anderem Auffrischungsschulungen für ehemalige Übungsleiter*innen sowie die vom Land aufgelegte Übungsleiter*innen-Offensive zur Ausbildung neuer Trainer*innen.

Was wünscht sich der Landessportbund NRW von der Politik?
Vor allem eine spürbare Entlastung des Ehrenamts von bürokratischen Pflichten sowie funktionierende, ausreichend geförderte Sportstätten.

Weiterlesen

Jetzt den kostenlosen Regionalupdate-Newsletter abonnieren.

Gefällt dir’s? Dann teil’s doch!

Facebook
LinkedIn
WhatsApp
Email

Weitere Artikel