Rheder Markt: Fast 800 Jahre Handelstradition an der Ems lebt weiter

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Wenn im September die Anhänger aus dem gesamten Emsland, aus Ostfriesland und den Niederlanden in Rhede vorfahren, dann wiederholt sich ein Schauspiel, das es an der Ems schon gab, als es Deutschland in seiner heutigen Form noch gar nicht gab. Der Rheder Markt zählt zu den ältesten Volksfesten Norddeutschlands und hat sich in den vergangenen Jahren vom Fast-Verschwinden zurück an die Spitze gekämpft. Heute gilt er als größter Pferdemarkt Norddeutschlands und zieht Besucher weit über die Grenzen des Emslandes hinaus an.

Warum Rhede zum Handelsort wurde

Was machte ausgerechnet Rhede zu einem so bedeutenden Marktort?

Die Lage war entscheidend. Rhede liegt im Dreiländereck von Münsterland, Friesland und Holland, direkt an der Ems, die früher bis hierhin schiffbar war. Seeschiffe mussten ihre Fahrt an dieser Stelle beenden, was Rhede automatisch zu einem Umschlagplatz machte. Schon die Römer nutzten die Übergangsstelle an der Ems, und der Ort lag genau an der alten Stammesgrenze zwischen Sachsen und Friesen. Mehrere historische Handelswege kreuzten sich hier, darunter die hillge Laan und der Osseweg, über den einst römische Heere landeinwärts zogen.

Die erste Erwähnung im Jahr 1231

Wann taucht der Rheder Markt zum ersten Mal in den Geschichtsbüchern auf?

1231, in einer Urkunde über einen Pferde- und Viehmarkt im Kirchdorf an der Ems. Überliefert ist aus jenem Jahr auch eine handfeste Auseinandersetzung zwischen Emsländern und Ostfriesen. Der frühere Rheder Bürgermeister Gerhard Conens brachte es später mit einem Augenzwinkern auf den Punkt, kein Fest sei damals komplett gewesen ohne eine ordentliche Prügelei. Schon im Mittelalter ging es auf dem Markt turbulent zu, mit Pferden, Kühen, Schafen und Schweinen, dazwischen Geflügel, Eier, Gemüse, Keramik und Werkzeug.

Der Markt als emsländische Getreidebörse

Beschränkte sich die Bedeutung des Marktes tatsächlich nur auf den Tierhandel?

Keineswegs. Der Rheder Markt war offiziell als Getreidebörse für das gesamte Emsland anerkannt. Behördlich wurde hier der Wertsatz für Roggen festgelegt, an dem sich Abgaben und Gefälle in der weiteren Umgebung orientierten. Auch die allgemeine Schuldenreglung fand an den Markttagen statt. Zusätzlich diente Rhede als offizielle Eichstätte für Goldwaagen und Gewichte, was das Vertrauen zeigt, das man dem Marktplatz entgegenbrachte. Auch der Linnenmarkt hatte einen guten Ruf und zeugte vom hohen Stand der Weberei an der Ems.

Blütezeit zwischen Emsland und Holland

Wer kam damals eigentlich alles nach Rhede, um Geschäfte zu machen?

Das gesamte Emsland, der Hümmling, Ostfriesen und Holländer gaben sich hier ein Stelldichein. Besonders der Pferdemarkt machte Rhede über die Region hinaus bekannt, das Marktgeschehen erstreckte sich entlang der alten Ems von der Brücke bis zur Brualer Straße. Vor allem Fohlen und zweijährige Tiere wechselten den Besitzer, mit denen die Bauern aus Emsland und Ostfriesland ihre Arbeitspferde für das kommende Jahr ergänzten. Neben dem Geschäft kam auch das Vergnügen nicht zu kurz, in den Wirtschaften wurde getanzt, getrunken und gefeiert.

Der Niedergang im 20. Jahrhundert

Was brachte diese jahrhundertealte Tradition fast zum Erliegen?

Die Mechanisierung der Landwirtschaft. Das Pferd wandelte sich vom unverzichtbaren Arbeitstier zum Luxus- und Freizeittier, und mit dieser Entwicklung schwand auch der Pferdehandel auf dem Rheder Markt. Im Jahr 2010 war auf dem Markt kaum noch ein Tier zu sehen. Ohne ein beherztes Eingreifen wäre eine fast 800-jährige Tradition damals still und leise ausgelaufen.

Die Rettung durch engagierte Bürger

Wie gelang es, den Markt wieder zum Leben zu erwecken?

Der damalige Bürgermeister Gerhard Conens fand, es müsse sich etwas ändern, und tat sich mit engagierten Bürgern aus Rhede zusammen. 2011 wurden erstmals wieder Pferde, Rinder, Schafe und Kleinvieh in größerer Zahl aufgetrieben, und es wurde tatsächlich gehandelt. Ein Jahr später standen bereits rund 100 Tiere auf dem Markt, im Jahr darauf schon etwa 240 Pferde. Seit 2013 lebt zusätzlich der Krammarkt mit Gütern des Alltags wieder auf. Heute kommen rund 200 Pferde von Händlern aus dem Emsland, aus Ostfriesland, der Grafschaft Bentheim, dem Oldenburger Land und den Niederlanden nach Rhede.

Der Markt heute für die ganze Familie

Was erwartet Besucherinnen und Besucher außerhalb des reinen Tierhandels?

Ein zweitägiges Programm mit Kram- und Trödelmarkt, Gaststätten mit Tanz und Musik sowie der Emsland Speed Rodeo Cup, bei dem sich erfahrene Reiterinnen und Reiter auf dem Rodeo-Parcours messen. Für Kinder gibt es Ponyreiten, Autoscooter, Kinderkarussells und Kamelreiten, vielfach kostenlos dank der Unterstützung des örtlichen Handels. Seit 2008 gehört zudem der Rheder Marktlauf fest zum Programm, und auch Drachenbootrennen auf der Ems haben inzwischen ihren Platz gefunden.

Feierliche Rituale zum Marktstart

Gibt es feste Bräuche, mit denen der Markt traditionell eröffnet wird?

Ja, das Marktwochenende beginnt sonntagmorgens mit einem katholischen Gottesdienst. Um acht Uhr wird ein Fass Freibier angezapft, um zehn Uhr folgt eine große Verlosung mit zahlreichen Hauptpreisen. Zum festen Ritual gehört auch der niederländische Stadtausrufer aus Winschoten, der mit seiner Glocke zum Markt ruft, ein kleines, aber sprechendes Zeichen für die engen Beziehungen in der Grenzregion.

Ein Stück Heimat, das verbindet

Warum bedeutet der Markt vielen Menschen in der Region so viel mehr als nur ein Volksfest?

Weil er seit Jahrhunderten der Anlass ist, in die Heimat zurückzukehren und Freunde sowie Familie wiederzusehen. Diese Tradition war mit dem Rückgang des Marktes zwischenzeitlich etwas in Vergessenheit geraten, seit der Wiederbelebung 2011 erfreut sie sich aber wieder wachsender Beliebtheit. Von der ersten urkundlichen Erwähnung 1231 bis zum heutigen Titel als größter Pferdemarkt Norddeutschlands zeigt der Rheder Markt, wie sich eine jahrhundertealte Tradition wandeln kann, ohne ihren Kern zu verlieren.

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