
Emsland. In der Region gibt es Ausbildungsplätze im Überfluss: Rund 2.450 offenen Lehrstellen im Agenturbezirk Nordhorn standen im Sommer 2025 etwa 550 Jugendliche gegenüber, die noch keinen Platz gefunden hatten. Und doch beginnt fast jeder fünfte Schulabgänger keine Ausbildung, sondern will nach eigenen Angaben „erst mal arbeiten“. Warum das ausgerechnet in einer Region mit vielen freien Stellen zum Problem werden kann.
Anlass für den Blick auf die Region ist eine neue Auswertung des Statistischen Bundesamtes: 10,0 Prozent der 20- bis 24-Jährigen in Deutschland waren 2025 weder in Ausbildung noch in Beschäftigung. Der Wert liegt zwar unter dem EU-Durchschnitt von 12,9 Prozent, ist aber seit Jahren steigend – 2022 waren es noch 8,8 Prozent.
Fast fünf Stellen je Bewerber
Das Mengenverhältnis in Emsland und Grafschaft Bentheim lag damit bei etwa eins zu 4,7. Für den Landkreis Emsland allein weist die Arbeitsagentur im August 2026 rund 1.660 unbesetzte Ausbildungsplätze aus. Nach Angaben der IHK Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim konnten 43 Prozent der Betriebe nicht alle Ausbildungsplätze besetzen. Hauptgrund ist die Demografie: Die Zahl der Schulabgänger in der Region liegt rund 10 Prozent unter dem Wert von vor zehn Jahren.
Der schnelle Verdienst und was er später kostet
Wo Arbeitskräfte knapp sind, findet auch ohne Abschluss jeder eine Stelle. Für einen 18-Jährigen ist die Rechnung im ersten Moment eindeutig: Ungelernte Arbeit bringt sofort mehr Geld als eine Ausbildungsvergütung. Die Kosten fallen erst Jahre später an – bei der ersten Krise am Arbeitsmarkt, bei der ersten Beförderung, für die ein Abschluss verlangt wird, oder wenn ein Rückweg in die Ausbildung mit Familie und laufenden Verpflichtungen kaum noch machbar ist.
Die IHK nennt daneben Orientierungsprobleme als Grund: Auch Jugendliche mit guten Schulnoten täten sich bei der Berufswahl schwer. Es geht also nicht nur um fehlende Motivation, sondern um fehlende Entscheidungshilfe.
Betreuungspflichten als struktureller Grund
Einen weiteren häufigen Grund für den Nichterwerbsstatus junger Menschen hebt das Statistische Bundesamt eigens hervor: Betreuungspflichten. Betroffen sind vor allem junge Eltern, überwiegend Mütter. Wer Kinder betreut und keine verlässliche Betreuung findet, kann eine Vollzeitausbildung schlicht nicht antreten. Teilzeitausbildung wäre das naheliegende Instrument – sie ist rechtlich möglich, wird aber selten angeboten.
Der Nachbar macht es besser
Für eine Grenzregion ist ein Detail der EU-Statistik interessant: Am seltensten sind junge Menschen in den Niederlanden betroffen, mit 5,6 Prozent knapp die Hälfte des deutschen Wertes. Den höchsten Anteil weist Rumänien mit 22,8 Prozent auf.
Was die Zahlen nicht hergeben
Eine regionale Quote lässt sich aus den vorliegenden Daten nicht bilden. Die Bundesquote erfasst alle jungen Menschen ohne Ausbildung und Beschäftigung, auch solche, die bei keiner Behörde registriert sind. Die 550 unversorgten Bewerber sind dagegen nur diejenigen, die sich bei der Agentur für Arbeit gemeldet haben. Wer sich gar nicht meldet, taucht in dieser Zahl nie auf – und macht bundesweit den größeren Teil aus.
Quellen: Statistisches Bundesamt (Pressemitteilung Nr. N058 vom 17. August 2026, Datenbasis Eurostat), IHK Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim, Agentur für Arbeit Nordhorn.

