Im Wadersloher Ortsteil Liesborn, im Süden des Kreises Warendorf, liegt eines der wichtigsten Kunst- und Kulturgeschichtsmuseen des Münsterlandes. Das Museum Abtei Liesborn ist in den erhaltenen barocken Gebäuden einer ehemaligen Benediktinerabtei untergebracht. Träger ist der Kreis Warendorf, das Haus versteht sich als Museum des Kreises und verweist auf „eine der bedeutendsten Sammlungen Westfalens“. Der Eintritt ist frei. (Quelle: museum-abtei-liesborn.de)
Die Anfänge des Museums waren bescheiden: 1966 wurde es anlässlich des 500-jährigen Jubiläums des Liesborner Altars als „Heimathaus des Kreises Beckum“ in zwei Räumen eingerichtet. Im Zuge der Regionale 2004 wurde das Haus erheblich erweitert und im Juli 2004 wiedereröffnet; beide Bauphasen plante der Architekt Dieter Georg Baumewerd. Nach der Rückkehr des Liesborner Evangeliars folgte ein Teilumbau mit neu gestalteter Dauerausstellung, die im Mai 2023 eröffnet wurde. Seit Juli 2021 leitet der Historiker und Numismatiker Sebastian Steinbach das Museum. (Quelle: de.wikipedia.org)
Zwölf Jahrhunderte Klostergeschichte
Der Ort hat eine lange geistliche Vergangenheit. Die Forschung datiert die Gründung eines Damenstifts in Liesborn auf den Anfang des 9. Jahrhunderts; die Überlieferung, Karl der Große habe es 799 gegründet, gilt als Legende. 1130/31 wandelte Bischof Egbert das Frauenstift in ein Benediktinerkloster um. Die Gründe dafür sind umstritten: Die Urkunde nennt eine angebliche Disziplinlosigkeit der Kanonissen, vermutlich spielten aber auch politische Motive im Umfeld des Investiturstreits eine Rolle. Rund 700 Jahre lang lebten Mönche in der Abtei, geleitet von insgesamt 36 Äbten. Am 3. Mai 1803 hoben preußische Beamte das Kloster auf. (Quelle: museum-abtei-liesborn.de)
Ihre heutige barocke Gestalt erhielt die Klosteranlage 1727. Nach der Säkularisation wurden die Gebäude weltlich genutzt, Teile später abgebrochen. Erhalten sind die Kirche, das dreiflügelige Abt- und Repräsentationsgebäude aus der Barockzeit und das Kutschenhaus. Die Abteigeschichte ist heute einer der Sammlungsbereiche des Museums, der das klösterliche Leben vom Konvent um 800 bis zur Aufhebung 1803 nachzeichnet. (Quelle: muensterland.com)
Das Liesborner Evangeliar
Das bedeutendste Einzelstück des Hauses ist das Liesborner Evangeliar. Die Handschrift wurde zu Beginn des 11. Jahrhunderts von drei Schreibern an einem unbekannten Ort angefertigt und zählt zu den ältesten vollständig erhaltenen Evangelienhandschriften Westfalens. Im Widmungsgedicht wird Äbtissin Berthildis als Stifterin genannt, die um 1040 amtierte. Nach der Klosteraufhebung verließ der Codex Liesborn und ging durch die Hände mehrerer Privatsammler in Europa und Übersee. 2017 erwarb der Kreis Warendorf die Handschrift mit Unterstützung zahlreicher Förderer zurück, 2018 wurde sie zum Kulturgut der Bundesrepublik Deutschland erklärt, 2023 kehrte sie an ihren ursprünglichen Bestimmungsort zurück. (Quelle: museum-abtei-liesborn.de)
Heute ist das Evangeliar Leitobjekt der neuen Dauerausstellung und wird in einem eigenen Evangeliarraum in einer eigens gebauten Klimavitrine gezeigt. Wer die Seiten genauer betrachten möchte, kann sie über die digitale Klosterbibliothek des Museums virtuell durchblättern, ergänzt um Transkription und deutsche Übersetzung.
Eine der größten Kreuzsammlungen Europas
Ein zweiter Schwerpunkt, für den Liesborn weit über die Region hinaus bekannt ist, ist die Kreuzsammlung. Nach Angaben des Museums umfasst sie mehr als 1.200 Kreuze, Kruzifixe und andere Passionsdarstellungen aus der Zeit vom 5. Jahrhundert bis zur Gegenwart und macht so die Darstellung des Kreuzestodes Jesu über rund 1.500 Jahre nachvollziehbar. Die Objekte bestehen unter anderem aus Bronze, Holz, Elfenbein und Textil. Begonnen hat die Sammlung mit Wegekreuzen und verschiedenen Kreuzformen aus Westfalen; inzwischen gehören auch einige der ältesten erhaltenen Kreuze sowie Arbeiten international bekannter Künstler wie Marc Chagall, Francis Bacon, Joseph Beuys und Salvador Dalí dazu. Eine Auswahl ist mit hochauflösenden Fotos in der Deutschen Digitalen Bibliothek zugänglich. (Quelle: museum-abtei-liesborn.de)
Malerei, Grafik und Alltagskultur
Neben Abteigeschichte und Kreuzsammlung gliedern sich die Bestände in mehrere Kunstsammlungen und einen Bereich zur Alltagskultur. Zur Barockmalerei gehören niederländische und flämische Landschaften, Stillleben und Genreszenen. Das Grafische Kabinett besitzt eine Sammlung von über 400 Rinderdarstellungen der niederländischen Kunst. Weitere Bereiche widmen sich der Malerei des 19. Jahrhunderts von der Romantik bis zum Realismus sowie der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. Die Alltagskultur zeigt westfälische Wohnkultur mit Möbeln und Interieurs sowie Textilien, Kleidung und Haushaltsgegenstände des 19. und 20. Jahrhunderts. (Quelle: museum-abtei-liesborn.de)
Zu den Beständen gehören außerdem Tafeln aus der Werkstatt des Meisters von Liesborn, die für die mittelalterliche westfälische Tafelmalerei stehen, mittelalterliche Skulpturen, Paramente und Goldschmiedearbeiten sowie eine Gedenkstätte für den plattdeutschen Dichter Augustin Wibbelt (1862–1947) mit Teilen seiner Wohnungseinrichtung. (Quelle: de.wikipedia.org)
Sonderausstellungen und Veranstaltungen
Das Museum zeigt regelmäßig Sonderausstellungen. Für den Herbst 2026 sind laut Museumsseite unter anderem die Ausstellung „MALEREI 26“ in Zusammenarbeit mit der Kunstakademie Münster (4. Oktober bis 29. November 2026) und „Chodowiecki x Rincklake“ (16. Oktober bis 31. Dezember 2026) angekündigt. Zum Jahresprogramm gehören außerdem Handwerkstage, Flachsfeste, Vortragsreihen und ein Kinderweihnachtsmarkt. (Quelle: museum-abtei-liesborn.de)
Eine lange Tradition haben die Liesborner Museumskonzerte, eine Kammermusikreihe, die seit 1972 im Mai und Juni stattfindet. (Quelle: de.wikipedia.org)
Angebote für Familien und Schulen
Für Schulklassen aller Schulformen bietet das Museum kostenlose Programme an, die in der Regel etwa zwei Stunden dauern und eine Pause einschließen. Die Angebote sind nach Altersstufen gegliedert: Für Kita- und Kindergartengruppen führt der Abteikater Theophil durchs Haus, für die Primar- und die Sekundarstufe I wechseln sich Führung und eigenes Tun ab, für die Sekundarstufe II und Studierende gibt es Exkursionen für Kunst-, Religions- und Geschichtskurse. Nach Angaben des Museums ist eine Übernahme der Buskosten über die NRW-Stiftung möglich. (Quelle: museum-abtei-liesborn.de)
Familien können die Ausstellungen gemeinsam entdecken oder in Workshops selbst aktiv werden. Daneben gibt es öffentliche Führungen zu wechselnden Themen, Gruppenführungen für Vereine, Atelierkurse sowie Tagesangebote. Da viele Radwege nach Liesborn führen, bietet sich der Besuch auch als Ziel einer Radtour an. (Quelle: museum-abtei-liesborn.de) Gegenüber der Abtei liegt zudem ein frei zugänglicher Garten mit rund 11.000 Quadratmetern Fläche und 20 Erlebnisstationen. (Quelle: muensterland.com)
Öffnungszeiten und Eintritt
Museum Abtei Liesborn, Abteiring 8, 59329 Wadersloh-Liesborn
Das Museum ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Montags und an allen Feiertagen bleibt es geschlossen, ebenso am 24. und 31. Dezember. Der Eintritt ist frei. Für die öffentlichen Führungen durch Dauer- und Sonderausstellungen wird eine Teilnahmegebühr von 4 Euro pro Person erhoben, eine vorherige Anmeldung ist erforderlich. Parkplätze sind vorhanden; mit dem Bus ist Liesborn über die Linie R73 ab Lippstadt (Haltestelle „Lippstädter Straße“) erreichbar. Hunde dürfen mit Ausnahme von Blinden- und Therapiehunden nicht in die Ausstellung, Fotografieren ohne Blitz ist erlaubt. (Quelle: museum-abtei-liesborn.de)
Öffnungszeiten, Führungstermine und Preise können sich ändern. Besucher sollten die aktuellen Angaben vor der Anreise auf der offiziellen Website des Museums prüfen.
Fazit
Das Museum Abtei Liesborn verbindet einen historischen Ort mit Sammlungen von überregionalem Rang. Mit dem zurückgekehrten Liesborner Evangeliar besitzt das Haus ein Objekt, das eng mit der Geschichte der Abtei verknüpft ist, die Kreuzsammlung gehört nach Angaben des Museums zu den umfangreichsten ihrer Art in Europa. Hinzu kommen Malerei, Grafik und Alltagskultur, ein breites Programm für Schulen und Familien sowie der freie Eintritt. Für Kulturinteressierte im Kreis Warendorf und darüber hinaus lohnt sich der Weg in den Wadersloher Ortsteil.
