Wien. Zeigende Finger in Gemälden der Renaissance und des Barock lenken nicht nur symbolisch den Blick – sie beeinflussen tatsächlich die Wahrnehmung der Betrachtenden. Das belegt ein Eyetracking-Projekt der Universität Wien unter Leitung der Kunsthistorikerin Temenuzhka Dimova.
Im Zentrum der Untersuchung stand die Frage, ob sogenannte deiktische Gesten in Gemälden – also bewusst eingesetzte Zeigebewegungen – die Bildwahrnehmung messbar beeinflussen. Die Studie ist Teil des FWF-geförderten Projekts „Following the Festaiuolo“, das am CReA Lab, dem „Labor für Kognitive Forschung in der Kunstgeschichte“, durchgeführt wurde.
Wenn der Zeigefinger führt
Dimova testete 165 Personen in drei Gruppen: Laien ohne Kunstausbildung, Kunstgeschichte-Studierende und gehörlose Personen, die Gebärdensprache beherrschen. Mit Eyetracking wurde untersucht, welche Bildbereiche zuerst erfasst und wie lange diese betrachtet wurden.
Besonderes Augenmerk galt dem Vergleich von Originalgemälden mit markanten Zeigegesten und bearbeiteten Versionen ohne diese Gesten. Das überraschende Ergebnis: Bereits ein halber Blick auf eine Zeigebewegung reichte aus, um die Aufmerksamkeit auf relevante Bildbereiche zu lenken. Ohne diese Hinweise konzentrierten sich Laien deutlich weniger auf die zentralen Inhalte.
Warum die Zeigegesten eine entscheidende Rolle spielen, erfahren Sie im weiteren Verlauf.
Während Kunstgeschichte-Studierende und Gehörlose detailreichere Scanmuster aufwiesen, zeigten Laien eine deutlich eingeschränktere Bildwahrnehmung. Gehörlose analysierten Gemälde ähnlich präzise wie Expert:innen – ein Ergebnis, das Dimova der visuellen Sprachkompetenz durch Gebärdensprache zuschreibt. „Sie sehen Bilder ähnlich an wie Leute, die genau wissen, was an einem Gemälde wichtig ist“, erklärt sie.
Ziel des Projekts war es nicht nur, kunsthistorische Theorien zu überprüfen, sondern auch neue Impulse für die barrierefreie Kunstvermittlung zu liefern. Dimova ermutigt Gehörlose, stärker in kunsthistorische Berufe einzusteigen – als Forschende, Vermittler:innen oder Kurator:innen.
Quelle: Scilog – Das Wissenschaftsmagazin des FWF. Fotos: © T. Dimova, CReA Lab / Web Gallery of Art

