Es gibt Bands, die einfach existieren. Und es gibt Bands, die ein Gefühl verkörpern – ein dunkles, unerbittliches, zeitloses Gefühl. Danzig gehört zur zweiten Kategorie. Seit fast vier Jahrzehnten steht der Name für schwere Riffs, düstere Texte, okkulte Ästhetik und vor allem für eine Stimme, die sich ins Gehör brennt wie kaum eine andere im Rock. Die Geschichte dieser Band ist die Geschichte eines Mannes, der sich konsequent weigerte, Kompromisse zu machen – und damit zu einer der einflussreichsten Figuren zwischen Hard Rock, Heavy Metal und Dark Rock wurde.
Von den Misfits zu Samhain: Die Vorgeschichte eines Ausnahmekünstlers
Um Danzig zu verstehen, muss man weiter zurückgehen. Glenn Danzig – bürgerlicher Name Glenn Allen Anzalone, geboren 1955 in Lodi, New Jersey – war schon vor seiner gleichnamigen Band eine Legende. Als Gründer und Frontmann der Misfits hatte er ab 1977 den Horror-Punk miterfunden: eine Mischung aus Punk-Rohe, B-Movie-Ästhetik und melodischen Hooklines, die bis heute Generationen von Musikern beeinflusst. Songs wie „Skulls“, „Hybrid Moments“ oder „Danzig“ – ein Track, der später seinen Bandnamen inspirieren sollte – wurden zu Hymnen einer ganzen Subkultur.
1983 verließ Glenn die Misfits im Streit und gründete Samhain, ein dunkleres, experimentelleres Projekt, das den Gothic- und Doom-Einflüssen mehr Raum gab. Mit dabei: Bassist Eerie Von, ein enger Vertrauter, der Glenns weiteren Weg entscheidend prägen würde. Samhain war weniger kommerziell, aber musikalisch wegweisend – und wurde zum direkten Vorläufer von Danzig.
Der entscheidende Wendepunkt kam im Juli 1986. Rick Rubin, damals auf der Suche nach neuen Bands für sein Label, sah Samhain bei einem Konzert im New Yorker Ritz und war von Glenn Danzigs kraftvollem Bühnenauftritt und seiner Stimme so beeindruckt, dass er ihn ansprach. Rubin wollte Glenn ursprünglich als Sänger für eine von ihm geplante Hard-Rock-Supergroup gewinnen – doch Danzig weigerte sich, ohne Eerie Von zu unterschreiben. Das Ergebnis: Eine neue Band, ein neuer Name, ein neues Kapitel. WikipediaWikipedia
Das Debütalbum 1988: Rick Rubin, Def American und ein Sound für die Ewigkeit
1987 nahm die Band mit dem Gitarristen John Christ und dem Hardcore-Drummer Chuck Biscuits (bekannt von D.O.A., Black Flag und Circle Jerks) ihre endgültige Besetzung an – und benannte sich nach Glenns Nachnamen, um künftige Lineup-Wechsel abzufedern. Wikipedia
1988 erschien das selbstbetitelte Debütalbum auf Rubins neuem Label Def American – mit polierter Produktion, schweren Blues-Riffs und Danzigs kraftvollem, melodischem Gesang, einem deutlichen Kontrast zur rauen, ungefilterten Produktion der Samhain-Alben. Das Ergebnis war ein Album, das sofort unverwechselbar klang: weder rein Metal noch rein Rock, weder Punk noch Blues – sondern alles davon gleichzeitig, verdichtet zu etwas vollkommen Eigenem. Wikipedia
Songs wie „Mother“, „Twist of Cain“, „Am I Demon“ und „She Rides“ wurden zu Eckpfeilern eines neuen Subgenres. Glenns Gesang wurde mit Legenden wie Roy Orbison und Elvis Presley verglichen – ein ungewöhnlicher Referenzrahmen für eine Heavy-Metal-Band, der aber sofort einleuchtet, wenn man hört, wie er Melodien formt und Emotionen trägt. Das Debüt war das erste Album überhaupt, das auf dem Def American Label erschien – ein historisches Datum in der Musikgeschichte. Cleopatra Records
Die goldene Ära: Vier Alben, eine Originalbesetzung, ein Sound
Auf das Debüt folgten drei weitere Alben mit der Originalbesetzung, die gemeinsam als die goldene Ära der Band gelten.
„Danzig II: Lucifuge“ erschien 1990, erneut produziert von Rick Rubin, und setzte den Stil des Debüts konsequent fort. Videos wie „Her Black Wings“ liefen in der MTV-Sendung Headbangers Ball und machten die Band einem breiteren Publikum bekannt. Wikipedia
1992 folgte „Danzig III: How the Gods Kill“ – das Album mit dem berühmten Cover des Schweizer Künstlers H.R. Giger und bis dahin den höchsten Chartplatzierungen der Bandgeschichte. Es erreichte unter anderem Platz 24 der Billboard-Charts und gilt vielen Fans als künstlerischer Höhepunkt. Songs wie „Dirty Black Summer“ und der Titeltrack „How the Gods Kill“ zeigten eine Band auf dem absoluten Zenit ihres Schaffens. GoOut
1993 folgte die EP „Thrall-Demonsweatlive“ mit Live-Aufnahmen und neuen Studio-Tracks – und einem Live-Mitschnitt von „Mother“, der auf Hard-Rock-Radiosendern einschlug und die Band in den Mainstream katapultierte. Ein neues Musikvideo aus Live-Footage wurde auf MTV zum Hit, was zu zwei Gold-Auszeichnungen für das Debütalbum und die EP führte. „Mother“ – ursprünglich auf dem Debüt von 1988 – wurde so erst fünf Jahre nach seiner Veröffentlichung zum größten Hit der Band. Eine Karriere-Kuriosität, die bis heute einzigartig ist. Wikipedia
1994 erschien „Danzig 4″, das letzte Album mit der Originalbesetzung, das von Kritikern durchaus gelobt wurde und mit „Cantspeak“ die zweiterfolgreichste Single der Band hervorbrachte. Wikipedia
Zerfall und Neustart: Die Jahre des Wandels
Der Zerfall begann 1994, als Drummer Chuck Biscuits die Band wegen eines Streits über Tantiemen verließ. Er wurde durch Joey Castillo ersetzt, der später bei Queens of the Stone Age spielen sollte. 1995 verließen dann John Christ – unzufrieden mit seinem fehlenden kreativen Einfluss – und Eerie Von die Band, was Glenn Danzig als einziges verbliebendes Originalmitglied zurückließ. Rate Your Music
In einer komplett neu aufgestellten Besetzung entstand 1996 „Blackacidevil“ – ein Album mit Industrial-Rock-Einflüssen und verzerrtem Gesang, das nicht den kommerziellen Erfolg der Vorgänger erzielte. An drei Tracks war Jerry Cantrell von Alice in Chains beteiligt. Das Album polarisierte: Für manche war es ein mutiger Schritt, für andere eine Entfremdung vom Kern-Sound der Band. Wikipedia
Es folgten Jahre des konstanten Lineup-Wechsels, in denen Glenn Danzig die einzige Konstante blieb. „Satan’s Child“ (1999), „777 – I Luciferi“ (2002), „Circle of Snakes“ (2004) und nach sechsjähriger Pause „Deth Red Sabaoth“ (2010) zeigten eine Band, die ihren Weg suchte – mal näher am klassischen Sound, mal experimenteller. Wikipedia
## Das Vermächtnis: Einfluss, Besetzung und das ewige „Mother“
Das Gesamtwerk umfasst zwölf Studioalben, dazu Live-Veröffentlichungen, EPs und Raritäten. Die aktuelle Besetzung rund um Glenn Danzig umfasst mit Tommy Victor (Gitarre, seit 2008 wieder dabei – sein dritter Stint in der Band), Steve Zing (Bass) und Johnny Kelly (Schlagzeug, zeitweise) langjährige Weggefährten. Tommy Victor war ursprünglich Gitarrist und Sänger von Prong, bevor er zu einem festen Bestandteil des Danzig-Universums wurde. Cleopatra RecordsRate Your Music
Zuletzt zeigte sich Glenn Danzig auch mit den Original Misfits – gemeinsam mit Bassist Jerry Only und Gitarrist Doyle Wolfgang von Frankenstein. Im April 2025 traten die Original Misfits als Headliner beim Coachella Festival auf – ein bemerkenswertes Comeback für eine Band, die als Urväter des Horror-Punk gilt. 7thhouse
Der kulturelle Einfluss von Danzig ist kaum zu überschätzen. „Mother“ taucht immer wieder in Filmen, Serien und Spielen auf: Der Song war in „Hangover 3″, in der Serie „Paper Girls“ und als Radiosong in Grand Theft Auto: San Andreas zu hören. Das Danzig-Logo – ein gehörnter Schädel, ursprünglich von einem Marvel-Comic-Cover übernommen – ist eines der wiedererkennbarsten Symbole der gesamten Metal-Kultur. WikipediaWikipedia
Warum Danzig bis heute relevant ist
Was macht eine Band wie Danzig zeitlos? Es ist die Kompromisslosigkeit. Glenn Danzig hat nie versucht, radio-freundlicher, zugänglicher oder moderner zu klingen, als er wollte. Er hat ein Universum erschaffen – düster, theatralisch, okkult, bluesgeprägt – und ist darin konsequent geblieben, egal welche Musiker gerade mit ihm auf der Bühne standen.
Das Debütalbum von 1988 klingt heute nicht wie ein Artefakt vergangener Zeiten, sondern wie ein zeitloser Referenzpunkt. Es beeinflusste Generationen von Bands: von Type O Negative über Rob Zombie bis hin zu neueren Vertretern des Dark Metal und Gothic Rock. Die Verbindung von Heavy Riffs mit echter melodischer Stärke, okkulter Lyrik mit Blues-Seele – das ist das Danzig-Prinzip, und es funktioniert noch immer.
Wer Danzig noch nicht kennt: Mit „Mother“ anfangen, dann „Twist of Cain“, „Am I Demon“, „Her Black Wings“, „How the Gods Kill“. Wer danach mehr will, wird feststellen: Es gibt eine ganze Welt dahinter.

