Roswitha Gronemann zeigt in Ilshofen, wie Erosion, Schichtung und Wandel nicht nur Naturphänomene sind, sondern auch das beschreiben, was in uns selbst vorgeht. Ein Gespräch über abstrakte Malerei, Farbpsychologie und die Momente, in denen Kunst Menschen wirklich trifft.
Die Pfarrscheuer in Ilshofen ist kein gewöhnlicher Ausstellungsort. Holzbalken, warmes Licht, eine Atmosphäre, die zwischen Bodenständigkeit und Aufbruch pendelt. Genau der richtige Rahmen für TERRA INTIMA, die dritte Einzelausstellung der Malerin Roswitha Gronemann in Ilshofen seit 2014. Mehr als 40 Werke, rund 70 Prozent davon im vergangenen Jahr entstanden, zeigen eine Künstlerin auf der Höhe ihres Schaffens. Wir haben mit ihr gesprochen.
Landkarten von innen
Roswitha, deine Vernissage hat vergangene Woche stattgefunden. Was steckt hinter dem Titel TERRA INTIMA, und was war dein Ausgangspunkt?
TERRA INTIMA bedeutet das Innere der Erde. Die Ausstellung verbindet äußere Landschaften mit inneren Landschaften und Erfahrungsräumen. Meine Bilder erzählen von Erosion und Schichtung, von tektonischen Verschiebungen und stillen Ablagerungen. In der Natur wie in uns selbst.
Der Ausgangspunkt war eine Beobachtung, die mich nicht losgelassen hat. Die Umbrüche, die wir in Klima, Natur und Lebensräumen erleben, spiegeln sich auch in uns. In unseren Haltungen, in unserem Verhalten, im Umgang miteinander. Ich wollte diesen Zusammenhang nicht erklären, sondern sichtbar machen. So sind Bilder entstanden, die innere Landkarten sind. Spuren von Wandel, Verletzlichkeit und Erneuerung.

Farbe als Sprache
Du arbeitest mit dem ArtColor Resonanzprofil®. Was verbirgt sich dahinter?
Das ArtColor Resonanzprofil® ist die Verbindung von Farbpsychologie, Persönlichkeit und Raum. Farben wirken auf uns, lange bevor wir sie bewusst wahrnehmen. Sie sprechen etwas in uns an, das tiefer liegt als der Verstand.
Im Resonanzprofil schaue ich, welche Farbwelten zu einem Menschen und seinem Raum passen. Beruflich wie privat. Es geht nicht um Dekoration, sondern um Stimmigkeit. Ein Bild, das wirklich zu jemandem gehört, verändert einen Raum. Und manchmal auch die Art, wie man sich darin fühlt. Diese Arbeit fließt unmittelbar in meine Malerei ein, weil ich Farbe nie nur als Oberfläche verstehe, sondern als Sprache.
Zwischen Kontrolle und Loslassen
Wie würdest du deinen künstlerischen Stil beschreiben?
Ich male gestisch und abstrakt. Mit expressiver Geste, lebendigen Farbflächen und spannungsreichen Kompositionen. Mein Hauptmaterial ist Ölfarbe, dazu kommen ungewöhnliche Stoffe. Marmormehl, Kreide, Beton, Wachs, Pigmente und manchmal Goldpigment. Vieles davon kommt aus der Erde, und genau das ist mir wichtig. Ich arbeite in Schichten, bis ein Bild eine eigene Tiefe bekommt.
Kontraste sind für mich der Kern. Licht und Dunkel, Dichte und Transparenz, Kontrolle und Loslassen. Das sind für mich keine Gegensätze, sondern Ausdruck innerer Freiheit. In TERRA INTIMA wird das unmittelbar sichtbar. Gerade dort, wo das Dunkle Halt gibt und das Lebendige hervorbricht.
Als Künstlerin, Natur- und Landschaftsführerin und Coach bewege ich mich zwischen Welten. Dem Gelände draußen und dem Gelände in uns. Diese doppelte Vertrautheit prägt meine Arbeit.



Ein Raum, kein Inhalt
Was möchtest du bei den Betrachtenden auslösen?
Ich möchte keinen festen Inhalt vermitteln, sondern einen Raum öffnen. Meine Bilder laden ein, die eigenen Landschaften zu erkunden. Jene Orte, an denen Erde und Körper, Klima und Emotion sich berühren.
Wenn jemand vor einem Werk stehen bleibt und plötzlich an etwas Eigenes denkt. An eine Erfahrung, einen Wandel, eine Sehnsucht. Dann ist das genau der Moment, für den ich male. Kunst entsteht für mich nicht an der Wand, sondern im Dazwischen. Zwischen dem Bild und dem Menschen, der davor steht.
Über siebzig Gäste, feuchte Augen
Wie war die Resonanz auf die Vernissage?
Überwältigend. Über siebzig Gäste sind gekommen, und es entstand diese besondere Stille, die man spürt, wenn Menschen sich wirklich Zeit für ein Bild nehmen. Petra Schmidt, Diplompsychologin der Vereinten Nationen und Mitgründerin von KunSt International, hat in ihrer Einführung Worte gefunden, die mich tief berührt haben. Bürgermeister Martin Blessing hat die Gäste begrüßt, Manfred Bretter hat den Abend musikalisch begleitet.
Was mich besonders bewegt hat: Es standen mehrfach Menschen vor den Bildern, lasen die dazugehörigen Texte und hatten feuchte Augen. Manche blieben über eine Stunde. Die Gespräche, die daraus entstanden, waren tiefgründig, ohne ins Therapeutische abzudriften. Genau diese Art von Begegnung wünscht man sich als Künstlerin.
Was mich überrascht hat: Wie viele Unternehmerinnen und Selbständige sich in den Werken wiedergefunden haben. Menschen, die selbst durch Umbrüche gegangen sind, haben in den Rissen und im Leuchten ihre eigene Geschichte erkannt. Diese Resonanz hat mir gezeigt, dass die Themen der Ausstellung weit über die Kunst hinausreichen.
Barcelona, Rilke und ein Buchprojekt
Was kommt als Nächstes?
Es kommt einiges zusammen. Zunächst stehen drei Gruppenausstellungen an, gefolgt von einer Ausstellung im MEAM, dem Museu Europeu d’Art Modern, in Barcelona. Dass meine Werke dort gezeigt werden, freut mich besonders.
Ein Herzensprojekt ist die Arbeit zum hundertsten Todestag von Rilke. Dazu ist ein abstraktes Ölgemälde zu einem seiner Gedichte entstanden. Der Rilke-Bildband erscheint im Oktober. Am 25. September wird zudem in Hannover das Buch Gefühlsduselei vorgestellt, bei dem ich Co-Autorin mit zwei Bildern und 2 Artikeln dabei bin.
Und dann ist da noch ein Unternehmensprojekt mit dem Titel „Wie abstrakte Kunst Stimmung verändert“. Darin verbinde ich meine Malerei mit meiner Erfahrung als Coach und Unternehmerin. Wie wirkt Kunst auf Räume und auf die Menschen darin? Das knüpft unmittelbar an das ArtColor Resonanzprofil® an und führt es weiter.
Zur Person
Roswitha Gronemann ist zeitgenössische Künstlerin mit Schwerpunkt auf gestischer und abstrakter Malerei in Öl, Acryl und Wachs. Sie studierte an der Haller Akademie der Künste, der Freien Kunstakademie Augsburg (Meisterklasse bei Prof. Jo Bukowski) sowie der Freien Akademie für Malerei Düsseldorf. Ihre Werke wurden weltweit gezeigt, unter anderem in Barcelona, Florenz, Mailand, Rom, Paris und New York. Zu ihren Auszeichnungen zählen der Frida Kahlo Prize (Mailand, 2020), der International Prize Paris (2022), der Botticelli Prize (Florenz, 2024) und der Internationale Leonardo da Vinci Prize (Mailand, 2024). Sie lebt und arbeitet in Ilshofen und Crailsheim in Hohenlohe.
Die Ausstellung TERRA INTIMA ist noch bis zum 5. Juli 2026 in der Pfarrscheuer Ilshofen (Pfarrberg 3, 74532 Ilshofen) zu sehen. Öffnungszeiten: Sonntag, 27. Juni und 5. Juli jeweils von 14 bis 17 Uhr sowie nach individueller Vereinbarung. Eintritt frei.

