Münsters erster niedergelassener Endokrinologe: Prof. Zitzmann eröffnet eigene Praxis am Bült

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Nach Jahren in der Universitätsmedizin wagt Prof. Dr. Dr. h.c. Michael Zitzmann den Schritt in die Selbstständigkeit. Der renommierte Hormonmediziner, dessen Forschung an der Schnittstelle von Endokrinologie, Andrologie und Adipositas international Beachtung findet, eröffnet seine eigene Praxis am Bült in Münster und wird damit nach eigener Aussage zum einzigen niedergelassenen Endokrinologen der Stadt. Im Gespräch erklärt er, warum dieser Schritt für ihn und für die Patientenversorgung in der Region ein wichtiger ist, und räumt mit hartnäckigen Mythen rund um Hormone und Testosteron auf.

Vom Klinikalltag in die eigene Praxis

Der Wechsel kommt nicht von ungefähr. „Nach vielen Jahren in der Universitätsmedizin war für mich der richtige Zeitpunkt gekommen, meine Erfahrung noch unmittelbarer in die Versorgung von Patientinnen und Patienten einzubringen“, sagt Zitzmann. In der eigenen Praxis könne er sich für komplexe hormonelle und metabolische Fragestellungen mehr Zeit nehmen und Medizin so gestalten, wie er sie verstehe: präzise, persönlich und interdisziplinär.

Für Münster bedeutet das ein neues, spezialisiertes Versorgungsangebot außerhalb der Klinik. Endokrinologische Erkrankungen, so Zitzmann, würden oft spät erkannt, weil ihre Symptome unspezifisch seien: Müdigkeit, Gewichtszunahme, Leistungsabfall, Zyklusstörungen, Libidoverlust oder Knochenschwäche. „Für Münster und die Region entsteht damit ein zusätzliches spezialisiertes Angebot außerhalb der Klinik, das Patientinnen und Patienten einen direkteren Zugang zu hormonmedizinischer Diagnostik und Behandlung ermöglicht.“

Hormone als Orchester, nicht als Einzelspieler

Seine Praxisschwerpunkte umfassen Hormon- und Stoffwechselstörungen, Schilddrüse, Hypophyse und Nebenniere, Adipositas, Osteoporose, Andrologie, sexuelle Gesundheit, Kinderwunschfragen, Menopause und unklare Erschöpfungszustände. Der entscheidende Unterschied zur Klinik liege in der Kontinuität: „Ich möchte Beschwerden nicht isoliert betrachten, sondern Zusammenhänge erkennen, zwischen Hormonen, Herz-Kreislauf-System, Gewicht, Schlaf, Psyche und Lebenssituation.“

Diese ganzheitliche Sichtweise prägt auch seine Forschung. Auf die Frage, wie Endokrinologie, Andrologie und Adipositas-Forschung zusammenhängen, greift Zitzmann zu einem Bild: „Hormone sind keine Einzelspieler, sondern eher ein Orchester: Sie beeinflussen Energie, Gewicht, Muskulatur, Sexualität, Fruchtbarkeit, Stimmung und Stoffwechsel gleichzeitig.“ Adipositas sei eben nicht nur eine Frage von Kalorien, sondern ein hormonelles und entzündliches Geschehen.

Testosteron zwischen Mythos und Medizin

Kaum ein Hormon ist öffentlich so umstritten wie Testosteron, zwischen Lifestyle-Hype und Pauschalverdacht. Zitzmann widerspricht beiden Extremen: „Das größte Missverständnis ist, Testosteron entweder als Lifestyle-Mittel oder als grundsätzlich gefährlich zu betrachten.“ Eine Behandlung gehöre nur dann in Betracht, wenn Beschwerden, Laborwerte und die medizinische Gesamtsituation tatsächlich zusammenpassten. „Es geht nicht um mehr Männlichkeit, sondern um eine seriöse Diagnostik und eine verantwortungsvolle Therapie.“

Dabei betont der Mediziner ausdrücklich, dass Hormonmedizin kein reines Männerthema ist. „Hormone betreffen Frauen und Männer gleichermaßen, nur oft in unterschiedlichen Lebensphasen und mit unterschiedlichen Symptomen.“ Bei Frauen spielten Zyklus, Kinderwunsch, Schwangerschaft, Menopause und Schilddrüse eine zentrale Rolle, bei Männern häufiger Testosteron, Fruchtbarkeit sowie Muskel- und Knochenstoffwechsel. Sein Credo: Gute Hormonmedizin dürfe nicht in Schubladen denken, sondern müsse den ganzen Menschen sehen.

Vom Laborwert zum Gesamtbild

Das Verständnis von Hormonmedizin habe sich in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt, beobachtet Zitzmann. Früher seien Hormone oft isoliert betrachtet worden, ein Wert, ein Organ, eine Diagnose. „Heute wissen wir viel besser, dass Fettgewebe selbst ein hormonell aktives Organ ist und dass Adipositas, Diabetes, Entzündung, Schlaf, Leberstoffwechsel, Sexualhormone und Herzgesundheit eng miteinander verbunden sind.“ Moderne Hormonmedizin sei deshalb immer auch Präventions- und Stoffwechselmedizin.

Diese Erkenntnis zieht sich auch durch seine über 160 wissenschaftlichen Publikationen. Besonders geprägt habe ihn dabei eine Einsicht, die über reine Datenanalyse hinausgeht: „Wissenschaftliche Daten werden oft erst dann wirklich bedeutsam, wenn man sie mit den Geschichten der Patientinnen und Patienten verbindet.“ Viele Menschen kämen mit Beschwerden, die lange nicht ernst genommen wurden, weil einzelne Laborwerte scheinbar noch normal gewesen seien. Forschung habe ihm gezeigt, wie wichtig es sei, nicht nur Werte, sondern Verläufe, Muster und Zusammenhänge zu verstehen.

Ursachen statt Symptome

Genau dieser Ansatz prägt auch sein neues Praxiskonzept. Integrative Hormonmedizin unterscheide sich grundlegend von einer rein symptomorientierten Behandlung, erklärt Zitzmann. Während Letztere oft nur das behandle, was im Vordergrund stehe, also Müdigkeit, Gewicht, Libido, Schlaf oder Stimmung, frage die integrative Medizin tiefer: „Warum ist dieses Symptom entstanden, welche Systeme sind beteiligt, und wie hängen Hormone, Stoffwechsel, Herz-Kreislauf-System, Ernährung, Schlaf und Lebensumstände zusammen?“ Ziel sei nicht, Beschwerden zu überdecken, sondern Ursachen und Wechselwirkungen zu erkennen.

Zum Abschluss richtet sich Zitzmann direkt an künftige Patientinnen und Patienten, die oft mit Unsicherheit oder Scham eine endokrinologische Praxis aufsuchen. Sein Appell ist klar: „Niemand muss sich für hormonelle Beschwerden schämen.“ Themen wie Sexualität, Gewicht, Erschöpfung, Stimmung, Fruchtbarkeit oder Wechseljahresbeschwerden seien sehr persönlich, aber medizinisch erklärbar und verdienten eine sachliche, respektvolle Abklärung. „Mein wichtigster Rat ist: Kommen Sie lieber früh und offen; oft lässt sich viel verbessern, wenn man die richtigen Zusammenhänge erkennt.“

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