Nordhorn. Mitten in der Grafschaft Bentheim, nur wenige Kilometer von der niederländischen Grenze entfernt, sitzt die deutsche Niederlassung eines italienischen Weltmarktführers: Ficep.de GmbH. Das Unternehmen baut Maschinen für den Stahlbau, mit denen meterlange Stahlträger gesägt, gebohrt und für Industriehallen, Stadien oder Flughäfen vorbereitet werden. Geschäftsführer Tomas Golz hat die Niederlassung vor 18 Jahren gegründet und führt sie bis heute von Nordhorn aus, obwohl er selbst im niederländischen Hengelo wohnt. Im Interview mit regionalupdate.de spricht er über Mentalitätsunterschiede im internationalen Vertrieb, die Tücken globaler Lieferketten und die Bürokratie vor der eigenen Haustür.
Zwischen zwei Geschäftswelten
Herr Golz, Ficep ist ein italienischer Maschinenhersteller mit langer Tradition. Was bedeutet es, die deutsche Niederlassung zu führen, und wie unterscheidet sich der deutsche Markt vom internationalen?
Golz, gelernter Maschinenbauingenieur aus Wuppertal, kam über Umwege zu Ficep. Vor 28 Jahren zog er nach Hengelo und arbeitete dort als Vertriebsleiter bei einem Maschinenbauer, der eng mit Ficep zusammenarbeitete. Nach zehn Jahren gründete er die deutsche Niederlassung in Nordhorn, obwohl er sich nach eigener Aussage nie als Unternehmer gesehen hatte.
Aus seiner Zeit im internationalen Vertrieb berichtet er von deutlichen Mentalitätsunterschieden: Deutsche, Niederländer und Briten eint demnach der Drang, Prozesse immer weiter zu optimieren. Das mache den Verkauf neuer Technik in Deutschland teils schwieriger, weil bestehende Lösungen schon mit viel Kreativität sehr effektiv genutzt würden. Gleichzeitig sei genau dieser Anspruch für den Maschinenbau wertvoll: Ein Großteil der Innovationen der vergangenen Jahre sei aus Verbesserungsvorschlägen deutscher Kunden entstanden.
Leben in der Grenzregion
Nordhorn als Standort einer internationalen Industrieniederlassung, was schätzen Sie daran, und was fehlt manchmal im Vergleich zu größeren Industriestandorten?
Golz lebt bewusst in der Grenzregion, obwohl ein zentralerer Standort für den deutschen Vertrieb naheliegender gewesen wäre. Er schätzt die herzliche Art der Menschen auf beiden Seiten der Grenze und die kleinen Orte, ein bewusster Kontrast zu seiner Heimatstadt Wuppertal.
Als Nachteile nennt er die lange Anfahrt zu den Flughäfen Düsseldorf oder Amsterdam, eine fehlende vernünftige Zuganbindung sowie eine teils sehr lückenhafte Mobilfunk- und Internetversorgung im Industriegebiet, was er allerdings als bundesweites und nicht als Nordhorn-spezifisches Problem einordnet.
Familienbetriebe als Kundschaft
Wer sind Ihre typischen Kunden in Deutschland, und was suchen sie bei Ihnen?
Ficep liefert Anlagen für den Stahlbau, mit denen gewalzte Stahlprofile von bis zu 24 Metern Länge gesägt, gebohrt und mit Blechteilen versehen werden, Grundlage für Industriehallen, Ställe, aber auch Fußballstadien und Flughäfen. Die typischen deutschen Kunden sind familiengeführte Stahlbaubetriebe mit 30 bis 100 Mitarbeitern, bei denen der Inhaber häufig gleichzeitig Geschäftsführer, Vertriebs- und Einkaufsleiter ist.
Golz hebt hervor, dass selbst der größte deutsche Stahlbauer und langjährige Ficep-Kunde mit rund sieben Milliarden Euro Umsatz weiterhin dem heute 86-jährigen Gründer gehört. Im Gegensatz zu börsennotierten Wettbewerbern etwa aus Großbritannien stehe bei deutschen Familienunternehmen seltener die schnelle Rendite, sondern langfristige Qualität im Vordergrund. Als Grund für die Innovationskraft von Ficep nennt er die hohe Fertigungstiefe des Unternehmens mit eigenem Steuerungsbau, eigener Software-Entwicklung und eigener Fräsfertigung.
Lieferketten unter Druck
Wie hat sich das Geschäft mit Werkzeugen und Verschleißteilen in den letzten Jahren verändert, Stichwort Lieferketten und Digitalisierung?
Golz beschreibt die wiederkehrenden Lieferkettenkrisen seiner Karriere, von der Finanzkrise über Corona bis zu Engpässen im Suezkanal und im Persischen Golf. Kleine, aber teure Verschleißteile für Plasmaschneiden oder Bohren würden mittlerweile teils per Luftfracht aus den USA oder China eingeflogen, weil ein Transport per Containerschiff zu lange dauere und zu viel Kapital binde.
Im Online-Verkauf von Verschleißteilen sieht er sich heute Hunderten Wettbewerbern gegenüber. Statt über den Preis zu konkurrieren, setzt Ficep auf Service: ausreichende Lagerbestände, Versand häufig noch am Bestelltag sowie kostenfreie technische Unterstützung durch einen Zerspanungsspezialisten, solange Kunden ihre Verschleißteile bei Ficep beziehen.
Mehr als nur Maschinenbau
Was macht einen guten Industriepartner aus Ihrer Sicht aus, jenseits von Preis und Lieferzeit?
Für Golz ist Beratung der Kern des Geschäfts. Ficep verkaufe kein isoliertes Bauteil, sondern müsse die gesamten Prozesse der Kunden verstehen, vom einzelnen Bohrer bis zur automatisierten Anlage im Millionenbereich. Er beobachtet bei deutschen Industriebetrieben die Tendenz, zu stark zu automatisieren, wenn es nicht zur betrieblichen Praxis passt.
Jeder Stahlbaubetrieb habe eine Art eigene Betriebs-DNA, wie Abläufe am besten funktionieren. Diese gelte es zu verstehen und in der Steuerungssoftware abzubilden, statt Kunden in standardisierte Prozesse zu zwingen.
Wünsche an den Standort
Was wünschen Sie sich für den Industriestandort Grafschaft Bentheim in den nächsten zehn Jahren?
An erster Stelle nennt Golz verlässlichen Mobilfunkempfang und bezahlbare Glasfaseranbindung im Industriegebiet. Eine ICE-Anbindung erwartet er nicht, witzelt aber über mögliche Flugtaxis zum Flughafen.
Kritischer äußert er sich zu bürokratischen Hürden vor Ort: Für die Genehmigung von Ladesäulen auf dem öffentlichen Grünstreifen vor dem Bürogebäude habe es zwei Jahre gedauert, inklusive einer förmlichen Ortsbegehung. Auch ein geplanter Abstellplatz für einen Anhänger sei an Vorschriften zur Mindestbreite gescheitert. Bei der Firmengründung vor 18 Jahren habe sich zudem niemand von der Wirtschaftsförderung für das junge Unternehmen interessiert, ein Kontakt sei bis heute nicht zustande gekommen, obwohl Ficep.de inzwischen elf Mitarbeiter beschäftigt und nach eigenen Angaben rund 200.000 Euro Gewerbe- und Körperschaftssteuer an die Stadt abgeführt hat.

