Farben, Schnitte, ein voller Kleiderschrank – und trotzdem das Gefühl, nicht richtig anzukommen. Typberaterin Heidi Kamen kennt dieses Gefühl aus unzähligen Beratungen. Ihr Ansatz trägt einen Namen: „Der rote Faden.“ Im Interview erklärt sie, warum es bei ihrer Arbeit selten wirklich um Kleidung geht, welche Lebenssituationen Menschen zu ihr führen – und warum ein aufgeräumter Kleiderschrank manchmal der Anfang von etwas viel Größerem ist.
Viele Menschen denken bei Typberatung zuerst an Farben und Kleidung. Du sagst, es geht eigentlich um viel mehr. Was steckt wirklich dahinter?
Für mich steht immer die Persönlichkeit im Mittelpunkt – das begleitet mich schon seit meiner Kindheit, das ist noch mal eine eigene Geschichte. Entscheidend ist, welcher Mensch vor mir sitzt und wohin seine persönliche Reise gehen soll. Farben und Kleidung sind am Ende nur die Werkzeuge dafür.
Was sind die typischen Situationen, in denen Menschen zu dir kommen? Gibt es einen Auslöser, der bei den meisten deiner Klientinnen und Klienten ähnlich ist?
Manchmal ist eine Stilberatung schlicht ein Geschenk. Meistens aber haben sich die Lebensumstände verändert: der Job, die Karriere, das Mutterwerden oder -sein, eine Trennung, eine allgemeine Unzufriedenheit. Die bisherige Kleidung passt dann nicht mehr – weder zum neuen Lebensabschnitt noch zur eigenen Persönlichkeit. Gemeinsam klären wir dann eine zentrale Frage: Wie möchte ich wirken, welche Ausstrahlung möchte ich erreichen, um mich als Person wohlzufühlen?
Dein Ansatz heißt „Der rote Faden“. Was bedeutet das konkret, und wie läuft eine Typberatung bei dir ab?
Ich nenne es den roten Faden, weil sich von der ersten Minute an alles um eine zentrale Frage dreht: In welcher Lebenssituation steckt der Klient oder die Klientin gerade, und was möchte diese Person verändern oder für sich klären? Mal sind es die Farben, mal die Schnitte, mal geht es darum, sich von der alten Garderobe zu lösen, um wieder zu sich selbst zu finden. Meine Beratung läuft in drei Schritten ab:
1. Farb-, Stil- und Typanalyse
Wir betrachten die gesamte Erscheinung – von Kopf bis Fuß. Welche Farben, Muster und Ausschnitte harmonieren? Welche Brille und Frisur passt zur Gesichtsform? Welche Accessoires ergänzen den jeweiligen Farbtyp optimal?
2. Stilberatung
Im Zentrum stehen die individuellen Körperproportionen – die von Geburt an gegeben sind, unabhängig von ein paar Kilo mehr oder weniger. Es geht um Formen, nicht um Zahlen. Ich nehme die Körpermaße dabei besonders einfühlsam, weil viele Menschen mit ihrem Körper hadern.
3. Garderobenanalyse
Klientinnen und Klienten bringen Kleidungsstücke mit, zu denen sie Fragen haben: Lieblingsteile, aber auch Kleidung, die seit Jahren ungetragen im Schrank hängt. Das gibt bereits wertvolle Hinweise auf die gewünschte Stilrichtung. Wir besprechen, was stört, entdecken neue Kombinationsmöglichkeiten und klären, welche kleinen Änderungen an Länge, Weite oder Passform sinnvoll sind – immer wertschätzend, empathisch und mit Freude an der Sache.
Bereits vor dem Termin erstelle ich erste Stil-Inspirationen. Daraus entwickeln wir gemeinsam eine individuelle Einkaufsliste mit den Basic-Teilen, die das stabile Fundament einer vielseitigen, stimmigen Garderobe bilden.
Du sprichst oft davon, dass Ausstrahlung von innen kommt. Wie hängen für dich innere Haltung und äußeres Erscheinungsbild zusammen?
Ausstrahlung ist für mich das entscheidende Thema. Wenn es mir egal ist, wie ich aussehe, strahle ich genau das aus. Fühle ich mich wohl, mag mich selbst und bin innerlich im Gleichgewicht, wird das sichtbar – genau wie umgekehrt jede Unsicherheit sich in der Ausstrahlung spiegelt. Kleidung allein verändert keinen Menschen. Aber sie kann dazu beitragen, dass wir uns authentisch, sicher und wohl in unserer Haut fühlen. Genau das macht den Unterschied.
Gibt es ein Beispiel aus deiner Praxis, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist, weil sich bei jemandem durch die Beratung wirklich etwas verändert hat?
Bei den meisten verändert sich der Blick auf die eigene Garderobe – und auf sich selbst. Nach der Beratung gehen sie mit ihrem persönlichen Farbpass nach Hause und werfen oft als Erstes einen neuen Blick in den Kleiderschrank. Vieles wird direkt aussortiert. Von Teilen, von denen sich jemand noch nicht trennen kann, verabschieden wir uns nicht sofort – sie bleiben zunächst ein Jahr im Schrank. Danach zeigt sich meist von selbst, ob sie wirklich noch gebraucht werden. Der schönste Moment ist immer das tiefe Durchatmen nach dem Aussortieren: Ein reduzierter Kleiderschrank schafft nicht nur Übersicht, sondern auch Leichtigkeit.
Eine Kundin wurde einen Tag nach ihrer Farb-, Stil- und Typberatung – inklusive meiner Begleitung zum Friseur – von ihrem Chef und mehreren Kolleginnen und Kollegen angesprochen. Man fragte sie, was anders sei, sie strahle plötzlich etwas ganz Besonderes aus. Mit dieser Resonanz hatte sie überhaupt nicht gerechnet. Mit nur wenigen, gezielten Veränderungen wurde aus einer zurückhaltenden Frau eine selbstbewusst auftretende, attraktive Persönlichkeit.
Was würdest du jemandem raten, der spürt, dass die eigene Kleidung nicht mehr zur eigenen Persönlichkeit passt, aber nicht weiß, wo er anfangen soll?
Den ersten Schritt machen und sich bewusst Zeit für sich selbst nehmen. Oft geht es gar nicht darum, den gesamten Kleiderschrank auszutauschen, sondern herauszufinden, was wirklich zur eigenen Persönlichkeit, zum aktuellen Lebensabschnitt und zur gewünschten Ausstrahlung passt. Und ganz unkompliziert: ein kostenloses Erstgespräch führen oder mein Buch lesen. Gemeinsam finden wir heraus, wo man steht, was sich verändern soll und welcher Weg der richtige ist – ganz ohne Verpflichtung.

