Evann Normandin: Ein Brief rettet eine Liebe. Zehn Jahre später wird er zum Fundament eines Romans.

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Evann Normandin, Debütautorin und Lektorin im Bildungsverlag, hat mit „Enough for Half a Lifetime“ eine Geschichte geschrieben, die an die Grenzen des Erinnerbaren geht. Im Interview mit Regionalupdate spricht sie über die Entstehung des Buches, über Edinburgh als Ort der Verwandlung und über die Frage, wann Liebe endet.

Der Brief als Ausgangspunkt

Vor zehn Jahren schickte Normandins Ehemann ihr einen Brief. Er rettete ihre Beziehung. Doch die Autorin ließ sich Zeit, bevor sie diesen Moment in Literatur verwandelte. In diesen Jahren lebten die beiden in verschiedenen Ländern, bekamen ein Kind, wurden zu neuen Versionen ihrer selbst. „Zeit lehrte uns, dass wir jede neue Version gleichermaßen lieben konnten, wenn auch anders“, sagt Normandin. Erst von diesem glücklichen Ausgang aus fühlte es sich sicher an, die Gegenfragen zu stellen: Was wäre gewesen, wenn der Brief nie ankam? Wenn sie Nein gesagt hätte?

Wenn das Gedächtnis ausgelöscht wird

Im Roman entscheidet sich Protagonistin Rose dafür, alle Erinnerungen an ihr früheres Leben durch eine Pille löschen zu lassen. Kein Verblassen, kein langsames Vergessen, sondern ein totaler Schnitt. Diese radikale Entscheidung war für Normandin inhaltlich notwendig. Sie habe sich in Studium und Masterarbeit intensiv mit literarischer Traumatheorie beschäftigt, erzählt sie. Das Kernthema des Romans lautet: Der Körper erinnert sich an das, was der Geist nicht mehr weiß. Um das zu erzählen, brauchte Rose einen vollständig leeren Anfang.

Hinzu kommt ein erzählerisches Paradox, das Normandin bewusst eingesetzt hat. Die wichtigste Nebenwirkung der Pille ist ein überwältigendes Hoffnungsgefühl. Vernichtung und Schöpfung, Vergessen und Neuanfang gehören im Roman zusammen.

Zwei Perspektiven, eine Asymmetrie

Landon kennt Rose. Rose kennt Landon nicht mehr. Wie erzählt man diese Ungleichzeitigkeit, ohne dass eine Stimme die andere erdrückt? Normandin löst das über eine doppelte Zeitebene und zwei abwechselnde Perspektiven. In der Vergangenheit entfaltet sich, wer Rose für Landon war. In der Gegenwart versucht er, sie erneut zum Verlieben zu bewegen. „Ich habe versucht, Echos der Gegenwart in der Vergangenheit zu hinterlassen und umgekehrt“, sagt die Autorin. So bleibt alles miteinander verbunden, auch wenn es getrennt erzählt wird.

Edinburgh als Ort der Verwandlung

Viele Szenen des Romans sind ohne Normandins Zeit in Edinburgh nicht denkbar. Die schottische Stadt war für sie ein Ort, an dem sie zur neuen Version ihrer selbst wurde. Ausgerechnet dort studierte sie im Masterprogramm und nahm nebenbei einen Job als Aktzeichenmodell an, zunächst mit Schrecken, dann als befreiende Erfahrung. Im Roman begegnet Landon Rose in einem solchen Zeichenkurs. Sie ist das Modell. Für Normandin war klar: Die neue Rose, befreit von ihrer Vergangenheit, würde in dieser Situation die gleiche Freiheit finden.

Vergleiche mit „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“

Der Roman wird häufig mit dem Film von Michel Gondry verglichen. Normandin sieht solche Vergleiche pragmatisch. Als Leserin nutze sie selbst Vergleichstitel, um neue Bücher zu entdecken. Was einenge, sei die Erwartung, ein Buch müsse alle Punkte abhaken, die man am Referenzwerk schätze. Ihre Geschichte ist eine andere: Rose und Landon tragen ihre eigenen Eigenheiten, ihre eigene Freundschaft, ihren eigenen Umgang mit Trauer und Verlust.

Liebe als radikale Verletzlichkeit

„Enough for Half a Lifetime“ lautet der Titel, und er ist wörtlich gemeint. Das Buch behauptet, dass eine Liebe episch sein kann, auch wenn sie nicht ewig währt. Menschen kommen ins Leben, und sie gehen wieder. Liebe, so Normandin, ist immer auch ein Vorgriff auf Trauer. Ob das Buch eine Antwort auf die Frage liefert, wann Liebe an ihre Grenzen stößt, lässt die Autorin bewusst offen. Allerdings lasse sie Landon mit der Idee spielen, dass Zeit vielleicht nicht so linear sei, wie wir denken.

„Enough for Half a Lifetime“ von Evann Normandin erscheint im Heyne Verlag.

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