Ein Kondensatormikrofon steht in einem Aufnahmestudio

Lingen: Israels Ex-Botschafter Shimon Stein hält Frieden derzeit für kaum erreichbar

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Einen Friedensvertrag zwischen Israelis und Palästinensern hält Shimon Stein auf absehbare Zeit für unrealistisch. Vorrang habe etwas anderes: überhaupt erst wieder die Voraussetzungen für gegenseitiges Vertrauen zu schaffen. Das sagt der frühere israelische Botschafter in Deutschland in der neuen Folge des Podcasts „Friedensreiter“, den das Ludwig-Windthorst-Haus in Lingen gemeinsam mit dem Institut für Theologie und Frieden in Hamburg produziert.

Zwei Gesellschaften, die sich beide als Opfer sehen

Steins Diagnose setzt bei der Geschichte an. Auf jüdischer Seite stehe eine über Jahrhunderte gewachsene Verfolgungserfahrung, die in der Schoah gipfelte und durch Kriege und Terror immer wieder aufgefrischt wurde; auf palästinensischer Seite Flucht und Vertreibung seit 1948 und ein unerfülltes Streben nach nationaler Selbstbestimmung. Beiden Seiten falle es deshalb zunehmend schwer, das Leid der jeweils anderen wahrzunehmen. Für Stein folgt daraus ein Grundsatz: „Sie, genauso wie wir als Volk, haben das Recht auf Selbstbestimmung.“

Der Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 habe die jüdische Verfolgungserfahrung, die „zum Teil kollektiv in den Knochen“ stecke, erneuert. Die israelische Gesellschaft sei noch immer traumatisiert und kaum bereit, über einen Ausgleich mit den Palästinensern nachzudenken. Über die Wahrnehmung des Krieges in Gaza sagt Stein: „Wir sind blind. Wenn man mit dem eigenen Leid so befasst ist, hat man fast keinen Raum für das Leid der anderen.“

Zwischenziele statt großer Entwürfe

Weil das gegenseitige Vertrauen auf einem Tiefpunkt sei, spricht Stein lieber von Zwischenzielen als von einem Friedensvertrag. Podcast-Host Jochen Reidegeld nennt das im Gespräch „Frieden auf Vorrat“: die Voraussetzungen für eine spätere Lösung wenigstens nicht endgültig zu zerstören. Ein Status quo bleibe nämlich nicht stehen – Siedlungsbau und mögliche Annexionen schafften Tatsachen, die eine politische Lösung später schwerer machen. Die Frage, die Israel nach Steins Auffassung zu lange verdrängt hat, lautet deshalb: „Was wollen wir? Wohin gehen wir?“

Warum er trotzdem nicht resigniert

Gegen Fatalismus hilft Stein die eigene Erfahrung. Nach dem Jom-Kippur-Krieg 1973 habe niemand damit gerechnet, dass Ägyptens Präsident Anwar al-Sadat vier Jahre später nach Jerusalem reisen würde. Es folgten die Friedensverträge mit Ägypten und später mit Jordanien. „Die Hoffnung stirbt als Letzte“, sagt Stein.

Er weiß, wovon er spricht: Als 19-jähriger Fallschirmjäger kämpfte er 1967 im Sechstagekrieg, verlor enge Kameraden und entging selbst nur knapp dem Tod. Krieg hinterlasse „Spuren für das ganze Leben“. Später wurde er Diplomat mit Schwerpunkt Abrüstung und Rüstungskontrolle und vertrat Israel von 2001 bis 2007 als Botschafter in Deutschland.

Was das mit Europa zu tun hat

Europa dürfe den Nahen Osten nicht als hoffnungslosen Fall abschreiben und sich nur dann damit beschäftigen, „wenn es brennt“, fordert Stein. Stabilität in Europa und im Nahen Osten hingen zusammen und lägen im gegenseitigen Interesse. Politische Bemühungen seien auch dann nötig, wenn die Gewalt gerade nicht eskaliere – militärische Stärke allein schaffe keine Sicherheit.

Der Podcast aus Lingen und Hamburg

„Friedensreiter“ ist ein Gemeinschaftsprojekt des Ludwig-Windthorst-Hauses, der katholisch-sozialen Akademie des Bistums Osnabrück in Lingen, und des Instituts für Theologie und Frieden in Hamburg. Der Name geht auf die Vermittler zurück, die bei den Verhandlungen zum Ende des Dreißigjährigen Krieges zwischen den Delegationen in Münster und Osnabrück pendelten. Hosts sind LWH-Direktor Marcel Speker-Underbrink und der stellvertretende ithf-Leiter Pfarrer Dr. Jochen Reidegeld.

Seit der ersten Folge im Oktober 2024 kommt der Podcast nach Angaben der Macher auf mehr als 250.000 Aufrufe. Zu Gast waren unter anderem der Politikwissenschaftler Carlo Masala, der Historiker Michael Wolffsohn, die Korrespondentin Juliane Schäuble, Bundespräsident a. D. Christian Wulff und Erzbischof Georg Gänswein. Die Folge mit Shimon Stein ist ab Donnerstag, 27. August 2026, als Video-Podcast auf YouTube und auf den gängigen Audio-Plattformen verfügbar; die Übersicht steht unter linktr.ee/friedensreiter.

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