Die Familie Kuhr im Jahr 1923, sechste Person von links: Heinrich Kuhr

Heinrich Kuhr: Der „rote Heinrich“ aus dem Emsland

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Heinrich Kuhr zählt zu den prägendsten Persönlichkeiten der emsländischen Sozial- und Politikgeschichte des 20. Jahrhunderts. Der Heuermann, Siedler und Politiker wurde am 28. Juni 1892 als ältestes von acht Kindern einer Heuermannsfamilie in Bramhar im Kreis Meppen geboren.

Vom Heuermannssohn zum Kriegsversehrten

Kuhr besuchte die Volksschule in Bramhar und absolvierte anschließend eine landwirtschaftliche Ausbildung auf dem elterlichen Hof. Vor dem Ersten Weltkrieg arbeitete er als Verwalter in verschiedenen Betrieben, bevor er bis 1918 am Krieg teilnahm und dabei schwer verwundet wurde. Nach seiner Rückkehr heiratete er 1920 Josephine Hilbers, eine Heuermannstochter aus Bramhar im Kreis Lingen, und arbeitete zunächst selbstständig als Heuermann auf dem Hof seines Schwiegervaters. Bereits 1923 erwarb er einen Hektar Ödland im Bienerfeld, kultivierte es und errichtete dort ein Wohn- und Wirtschaftsgebäude mit der Haus-Nr. 53.

Aufstieg im Verein Christlicher Heuerleute

Kuhrs Weg in das öffentliche Leben begann nach dem Ersten Weltkrieg im Bramharer Bauernrat, der als Gegengewicht zu den städtischen Arbeiterräten fungierte. Bereits 1919 setzte er sich dort gegen Zentralisierungsversuche des Meppener Arbeiter- und Soldatenrats zur Wehr und forderte eine eigenständige bäuerliche Interessenvertretung auf Kreisebene. Angesichts der sozialen Notlage der Heuerleute, die sich durch Inflation und unflexible, meist nur mündlich geschlossene Heuerverträge weiter verschärfte, trat er im Juni 1919 dem neu gegründeten Verein Christlicher Heuerleute, Kleinbauern und Pächter (VCH) bei. Durch sein rhetorisches Geschick stieg er schnell in Führungspositionen auf und vertrat den Verband Ende 1919 bereits bei Verhandlungen in Berliner Ministerien.

1920 wurde Kuhr zum Vorsitzenden des VCH gewählt, der unter seiner Leitung zur zweitwichtigsten wirtschaftspolitischen Kraft im Raum Emsland und Grafschaft Bentheim aufstieg. Der Verband forderte vor allem schriftliche Pachtverträge und wirksamen Pachtschutz gegen willkürliche Kündigungen. Bis Ende 1923 wuchs er auf über 3.000 Mitglieder und dehnte seinen Einfluss bis ins nördliche Emsland aus.

Zentrumspolitiker mit Bindeglied-Funktion

Politisch war Kuhr fest in der katholischen Zentrumspartei verwurzelt. Von 1921 bis 1933 gehörte er dem Lingener Kreistag an, ab 1925 vertrat er die Region im hannoverschen Provinziallandtag. Er fungierte dabei als Bindeglied, um die Heuerleute und die ländliche Arbeiterschaft, die sich von den großbäuerlich geprägten Parteigremien teils vernachlässigt fühlten, an das Zentrum zu binden, was sich 1930 auch in seiner Wahl in den Vorstand der preußischen Zentrumspartei zeigte. Als Redner trat er auf zahlreichen Kundgebungen auf und positionierte sich klar gegen die extremen Ränder des politischen Spektrums, insbesondere gegen Nationalsozialismus und Kommunismus.

Heinrich Lübke und Heinrich Kuhr auf einer agrarpolitischen Tagung in Melle
Heinrich Lübke und Heinrich Kuhr (re.) auf einer agrarpolitischen Tagung in Melle, 1953/59 (Foto: Alois Teipen)

Fast 2.500 Hektar Ödland kultiviert

Ein zentraler Teil von Kuhrs Wirken war die Kultivierung und Besiedlung von Ödland. Als Leiter der Siedlungsgenossenschaft „Emsland“ des VCH machte er von 1926 bis 1933 fast 2.500 Hektar Land für Heuerleute und Kleinbauern nutzbar. Dabei verfolgte er teils radikale Ansätze und forderte notfalls die Entschädigung und Enteignung von Großgrundbesitzern, die sich Verkauf und Kultivierung widersetzten. Das brachte ihm in großbäuerlichen Kreisen den Beinamen „roter Heinrich“ ein. Zu seinen bedeutendsten Leistungen zählt der Ankauf des Gutes Geeste 1932 für die Siedlungsgenossenschaft, aus dem das Dorf Osterbrock hervorging. Auch auf nationaler Ebene war Kuhr vernetzt: Er war eng mit dem späteren Bundespräsidenten Heinrich Lübke (1894 bis 1972) befreundet, dem er den Vorsitz des Reichsverbandes landwirtschaftlicher Klein- und Mittelbetriebe ermöglichte.

Verfolgung durch die Nationalsozialisten

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 endete Kuhrs öffentliche Karriere abrupt. Auch der bis zuletzt der Weimarer Republik treue VCH wurde Ziel von Repressionen: Ende März 1933 kam es bei Kuhr in Bienerfeld zu einer mehrstündigen Hausdurchsuchung, angeordnet von der Staatsanwaltschaft Berlin gegen sämtliche Führungskräfte der „Deutschen Bauernschaft“. Anfang April besetzte die SA in Lingen die Büros der christlichen Gewerkschaften und des VCH in der Marienstraße. Auf Druck der NSDAP musste zudem die Vergabe der Siedlerstellen auf dem Gut Geeste vorläufig eingestellt werden. Kuhr wurde zur Aufgabe seines Amtes gezwungen, der VCH aufgelöst. Weil er den Eintritt in die NSDAP ablehnte, verlor er rasch alle politischen Funktionen in den nun gleichgeschalteten landwirtschaftlichen Gremien.

Neuanfang nach 1945

Nach dem Ende des NS-Regimes berief die britische Besatzungsmacht Kuhr aufgrund seiner unbelasteten Vergangenheit rasch wieder in politische Verantwortung, unter anderem in den Bezirkslandtag für den Regierungsbezirk Osnabrück. Anders als viele Heuerleute, die der Zentrumspartei treu blieben und sich dem Bauern-, Pächter- und Siedlerbund anschlossen, entschied sich Kuhr, die CDU im Landkreis Lingen mitzugründen, was zu Spannungen mit früheren Weggefährten führte. Politisch blieb er dennoch erfolgreich: 1955 gewann er das Direktmandat für den Niedersächsischen Landtag mit fast 59 Prozent der Stimmen.

Auch lokal blieb Kuhr aktiv und kämpfte jahrelang für die Umgemeindung des nördlichen Teils von Bienerfeld nach Osterbrock sowie für eine formelle Umpfarrung. Der Umgemeindungsversuch scheiterte zunächst, die Schulkinder durften aber die näher gelegene Osterbrocker Schule besuchen. Die Eingemeindung von Bienerfeld-Nord nach Osterbrock kam erst nach Kuhrs Tod zum 1. April 1974 im Zuge der Gemeinde- und Gebietsreform zustande.

Bundesverdienstkreuz und Ehrenbürgerschaft

Für seine Verdienste um die Modernisierung und Kultivierung des Emslandes erhielt Heinrich Kuhr am 18. Juni 1962 das Bundesverdienstkreuz. Zudem war er Ehrenbürger von Osterbrock. Er starb am 22. Dezember 1971 im Alter von 79 Jahren in Lingen und wurde auf dem Friedhof in Osterbrock beigesetzt.

Quelle: Gemeinde Geeste. Weiterführend: Helmut Lensing, Art. Kuhr, Heinrich, in: Emsländische Geschichte Bd. 6, hrsg. von der Studiengesellschaft für Emsländische Regionalgeschichte, Dohren 1997, S. 238–245.

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