Anzeige
Img728x90 neue standardbanner new tde 1742992361697
Porträt von Hermann Wocken, Samtgemeindebürgermeister Dörpen, vor einem Gebäude im Freien

Wirtschaftsstandort Dörpen: Bürgermeister Wocken über Flächen, Logistik und Strom aus der Nordsee

Anzeige

Kaum eine Kommune in Niedersachsen verfügt über so viel zusammenhängende Industriefläche wie die Samtgemeinde Dörpen: Mit rund 145 Hektar im Güterverkehrszentrum (GVZ) Emsland und einem zweiten Gewerbegebiet, dem Green Energy Park Heede-Dersum an der A31, hat sich die ländlich geprägte Region im Emsland zu einem der bedeutendsten Industrie- und Logistikstandorte Norddeutschlands entwickelt. Samtgemeindebürgermeister Hermann Wocken erklärt im Interview, welche Entscheidungen dafür den Grundstein gelegt haben, warum die Gemeinde seit Jahrzehnten gezielt Grundstücke kauft – und weshalb ausgerechnet die Stromverfügbarkeit über das Umspannwerk Dörpen-West zum entscheidenden Standortfaktor für Rechenzentren, Wasserstoff- und Batterieprojekte werden könnte.

Wie Nordland Papier den Grundstein legte

Die Basis für die Entwicklung zum Industrie- und Logistikstandort wurde bereits in den 1960er-Jahren mit der Ansiedlung von Nordland Papier gelegt, dem heutigen Werk von UPM. „Da die Papierfabrik sowohl in der Versorgung mit Rohstoffen als auch im Vertrieb der fertigen Produkte extrem logistikintensiv ist, hat die Gemeinde Dörpen in den Anfängen in erster Linie nur für dieses Unternehmen eine sehr leistungsfähige logistische Infrastruktur aufgebaut“, so Wocken. Nordland sei zwar bis heute der Ankernutzer dieser Infrastruktur, inzwischen profitierten aber viele weitere Unternehmen davon.

Ausgezahlt habe sich vor allem, dass die Gemeinde über Jahrzehnte kontinuierlich in Infrastruktur und Flächenerwerb investiert habe – „das hat zu jeder Zeit auch Mut erfordert und war nicht immer unumstritten“. Besonders die Investitionsentscheidungen der vergangenen zehn bis 15 Jahre, zunehmend unabhängig von der Papierfabrik getroffen, hätten den Standort noch einmal deutlich aufgewertet: die neue Ostanbindung des Industriegebiets an die B401, der Ausbau des Osthafens, die Verlegung des Personenbahnhofs sowie die neue Südanbindung an die B70 mit der Brücke über die Bahnstrecke.

Dass Dörpen mit rund 145 Hektar über eine der größten zusammenhängenden Industrieflächen Niedersachsens verfügt, führt Wocken auf eine langfristige Grundstückspolitik zurück: Die Gemeinde habe über viele Jahre hinweg Flächen im Industriegebiet erworben, „wann immer sich die Gelegenheit dazu bot“. Insgesamt sei es weniger eine einzelne Entscheidung als eine konsequente Langfriststrategie gewesen, die Dörpen zu dem gemacht habe, was es heute ist – begünstigt durch zwei Standortfaktoren, die die Gemeinde selbst nicht beeinflussen konnte: die Lage im Kreuz zweier schiffbarer Wasserstraßen und an der Bahnlinie Emden–Münster.

Die Industrieentwicklung beschränke sich zudem nicht auf die Kernstadt Dörpen, betont Wocken. Mit dem Green Energy Park Heede-Dersum an der A31 gebe es inzwischen ein zweites, überregional vermarktetes Industriegebiet. Auch in den übrigen Mitgliedsgemeinden hätten sich Unternehmen mit überregionaler Bedeutung entwickelt, darunter die HERO-Gruppe in Dersum, die Kanne-Gruppe in Heede, Gertzen in Kluse, Butterweck in Lehe, das Milchunternehmen DMK – das künftig mit Arla fusioniert – in Neubörger sowie HAWE-Wester in Wippingen.

Logistik bleibt Rückgrat der Wirtschaft

Auch für die weitere Entwicklung der ansässigen Unternehmen sei eine funktionierende Logistik zentral, sagt Wocken. Als Beispiel nennt er das Raiffeisen Kraftfutterwerk, das aktuell einen eigenen Gleisanschluss plant, um größere Mengen Rohware per Bahn abfertigen zu können.

Der Logistiksektor selbst sei zudem ein bedeutender Arbeitgeber und Wirtschaftsfaktor für die Samtgemeinde. Wegen der vorhandenen Infrastruktur und des oft großen Flächenbedarfs gehöre die Logistikbranche neben logistikintensiven Industrieproduktionsunternehmen zu den größten Interessentengruppen für Neuansiedlungen im GVZ Emsland – Unternehmen, die gezielt nach Standorten mit Autobahn-, Bahn- und Wasserstraßenanbindung suchten.

Was Unternehmen von der Gemeinde erwarten

Für ansässige Unternehmen sei entscheidend, dass die Kommune die vorhandene Infrastruktur instand hält und bei Bedarf ausbaut, so Wocken. Bei Neuansiedlungen oder Erweiterungen müsse die Gemeinde passende Flächen mit Baurecht anbieten können. Ebenso wichtig sei ein enger Draht zu den Unternehmen, Verständnis für deren Bedarfe und eine sichtbar wirtschaftsfreundliche Grundhaltung in Politik und Verwaltung.

Wo es in ihrem eigenen Einflussbereich liegt, sollten Kommunen schnell und zuverlässig entscheiden können. Bei Genehmigungen sei der unmittelbare Einfluss der Gemeinde allerdings oft begrenzt – dann brauche es Netzwerke, um in der Kommunikation mit übergeordneten Behörden zu unterstützen.

Fläche nur gegen Wertschöpfung

Auch wenn Dörpen über viel Fläche verfüge, sei diese Ressource endlich, betont Wocken. Bei Ansiedlungen achte die Gemeinde deshalb auf ein angemessenes Verhältnis zwischen Flächenverbrauch und Wertschöpfung – sei es durch möglichst hochwertige Arbeitsplätze, Steuereinnahmen oder andere finanzielle Effekte. Grundstücksanfragen ohne ausreichende Wertschöpfung lehne die Gemeinde grundsätzlich ab. Bei realisierten Ansiedlungen werde zudem streng darauf geachtet, nicht mehr Fläche zu verbrauchen als für das jeweilige Vorhaben zwingend nötig – wo möglich, fordere die Gemeinde von Unternehmen, in die Höhe statt in die Fläche zu bauen.

Strom aus der Nordsee als dritter Standortfaktor

Neben Flächenverfügbarkeit und logistischer Infrastruktur sei die hohe Verfügbarkeit erneuerbarer Energie längst zum dritten zentralen Standortfaktor geworden, so Wocken. Die zahlreichen Windparks der Region und vor allem das Umspannwerk Dörpen-West in Heede, über das nach Angaben der Samtgemeinde Offshore-Windstrom mit einer Kapazität von 3,2 Gigawatt eingespeist wird, böten hervorragende Voraussetzungen für die Ansiedlung stromintensiver Industrien. Unternehmen legten in Ansiedlungsgesprächen zunehmend Wert darauf, ihre Energie aus erneuerbaren Quellen zu beziehen – Standorte mit vergleichbar hoher Stromverfügbarkeit seien in Deutschland „dünn gesät und sehr stark nachgefragt“.

Rechenzentren, Wasserstoff und ein zu enges Umspannwerk

Die größte Chance für die kommenden fünf bis zehn Jahre sieht Wocken in der wachsenden Nachfrage nach Standorten mit hoher Stromverfügbarkeit. Die Kombination aus dem Umspannwerk Dörpen-West und verfügbaren Flächen im Green Energy Park sowie im GVZ Emsland biete dafür ideale Voraussetzungen. Interessenten aus dem Rechenzentrumsgeschäft, der Wasserstoffbranche und im Bereich Batteriegroßspeicher stünden bereits in den Startlöchern.

Die aktuelle Herausforderung sei, den vorhandenen Strom für Unternehmen auch tatsächlich verfügbar zu machen: Das Umspannwerk Dörpen-West verfüge derzeit über zu wenige physische Anschlussfelder, um mehrere Nutzer gleichzeitig anzuschließen. Unabhängig vom Stromthema sieht Wocken zudem gute Aussichten für weitere Ansiedlungen im Logistiksektor und in der flächenintensiven produzierenden Industrie – entsprechende Gespräche liefen bereits.

Bei größeren Ansiedlungsgesuchen konkurriere Dörpen inzwischen aber auch mit Standorten im europäischen Ausland, räumt Wocken ein. Geringere Arbeitskosten, weniger Bürokratie und oft bessere Fördermöglichkeiten in anderen Ländern seien Argumente, die sich mit den übrigen Standortvorteilen nicht ohne Weiteres ausräumen ließen.

Weiterlesen

Jetzt den kostenlosen Regionalupdate-Newsletter abonnieren.

Gefällt dir’s? Dann teil’s doch!

Facebook
LinkedIn
WhatsApp
Email

Weitere Artikel