Lingen – Der traditionelle Frontalunterricht hat ausgedient – zumindest, wenn es nach der Bildungsexpertin Judith Hilmes geht. Sie fordert einen radikalen Wandel in der Lernkultur: Schülerinnen und Schüler sollen selbstorganisiert lernen, während Lehrkräfte als Lernbegleiter fungieren. Doch was bedeutet das konkret, und ist eine solche Veränderung realistisch?
Lerncoaching: Mehr als ein Bildungstrend
Lerncoaching ist ein personenzentrierter Ansatz, der Schüler:innen dazu befähigt, ihre Lernprozesse selbst zu steuern. Dabei steht die Förderung von Metakognition im Fokus – also die Fähigkeit, den eigenen Lernprozess bewusst wahrzunehmen und zu optimieren. „Der Lerncoach ist kein Wissensvermittler, sondern ein Prozessbegleiter, der Reflexionsimpulse setzt und individuelle Lernstrategien unterstützt“, erklärt Hilmes. Ziel sei es, Schüler:innen lebenslang zu selbstständigem und motiviertem Lernen zu befähigen.
Wie sieht die Praxis aus?
Ein Beispiel für erfolgreiches selbstorganisiertes Lernen bietet die Wutöschingschule in Baden-Württemberg, die ohne traditionelle Klassenräume auskommt. Stattdessen arbeiten die Lernenden in offenen Lernbüros mit Kompetenzrastern und Wochenplänen. Diese Struktur ermöglicht eine individuelle Arbeitsweise und fördert die Eigenverantwortung.
Der Bildungsforscher Stefan Ruppaner bringt es provokant auf den Punkt: „Unterricht ist aller Übel Anfang.“ Hilmes stimmt zu: „Wir müssen weg von starren Strukturen und hin zu flexiblen, personalisierten Lernformaten.“
Realistische Zukunft oder unerreichbare Vision?
Lerncoaching ist kein kurzlebiger Trend, sondern basiert auf reformpädagogischen Prinzipien, die bereits im 20. Jahrhundert entwickelt wurden. Internationale Studien – etwa aus Finnland und Dänemark – belegen die positiven Effekte solcher Konzepte. Besonders spannend sei der Ansatz der Architektur als „dritter Pädagoge“, bei dem Lernräume gezielt gestaltet werden, um Kreativität und Selbstständigkeit zu fördern.
Allerdings stößt der Wandel oft auf Widerstand: „Die Geschichte des Bildungssystems zeigt, dass tiefgreifende strukturelle Veränderungen Zeit brauchen“, so Hilmes. Dennoch belegen Vergleichsstudien die überdurchschnittlichen Lernerfolge von Schulen mit konsequent umgesetzten Lerncoaching-Ansätzen.
Fazit: Ein Bildungssystem im Wandel
Lerncoaching bietet eine vielversprechende Alternative zum klassischen Unterricht und könnte langfristig die Schulstruktur revolutionieren. Doch für eine flächendeckende Umsetzung braucht es nicht nur innovative Konzepte, sondern auch den Willen, überkommene Strukturen zu überdenken.
Mehr Informationen zum Thema bietet das Ludwig-Windthorst-Haus, wo Judith Hilmes als Bildungsmanagerin tätig ist.

