Berlin. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) hat anlässlich aktueller wirtschaftspolitischer Entwicklungen erneut auf die Dringlichkeit tiefgreifender Reformen hingewiesen. Zwei zentrale Themen stehen dabei im Vordergrund: Der akute Fachkräftemangel, insbesondere in den MINT-Berufen, sowie die Notwendigkeit eines wachstumsorientierten Kurses bei der Ausgestaltung des Bundeshaushalts 2026. Beide Bereiche gelten als entscheidend für die Zukunftsfähigkeit des Standorts Deutschland.
Internationale Studierende als Fachkräftepotenzial
Ein Hoffnungsschimmer im Kampf gegen den Fachkräftemangel zeigt sich laut DIHK in der wachsenden Zahl internationaler Studierender in Deutschland – insbesondere in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT). Wie Achim Dercks, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der DIHK, betont, schließen jährlich über 50.000 ausländische Studierende ihr Studium erfolgreich in Deutschland ab, mehr als die Hälfte davon in einem MINT-Fach.
Allerdings verlässt ein Großteil dieser Fachkräfte das Land nach dem Studium wieder. Zehn Jahre nach Studienbeginn lebt weniger als die Hälfte der internationalen Absolventen noch in Deutschland – obwohl zwei Drittel ursprünglich bleiben wollten. „Das können wir uns nicht leisten“, warnt Dercks. Es gelte, den rechtlichen Rahmen für einen dauerhaften Verbleib zu verbessern und zugleich die gesellschaftliche Integration zu fördern.
Integration durch Praxis und Mentoring
Für eine stärkere Bindung internationaler Talente an den deutschen Arbeitsmarkt schlägt die DIHK eine Reihe konkreter Maßnahmen vor: Hochschulen sollten internationale Studierende durch Mentorenprogramme besser begleiten und ihnen frühzeitig Praxiserfahrungen in Unternehmen ermöglichen. Dercks betont: „Lehrformate mit Nähe zur Arbeitswelt, Kontakte zu regionalen Betrieben sowie Patenprogramme im Bewerbungsprozess sind wertvolle Brücken in die berufliche Integration.“
Insbesondere die regionale Wirtschaft könne profitieren, wenn qualifizierte Fachkräfte nach dem Studium in Deutschland bleiben. In Regionen wie dem Emsland, Osnabrück oder Münster, wo Unternehmen bereits heute Schwierigkeiten haben, offene Stellen in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen zu besetzen, könnten gezielte Unterstützungsangebote der Hochschulen und Kammern die Lücke verringern.
Bundeshaushalt 2026: Rekordausgaben, Rekordrisiken
Parallel zum Bildungssektor analysiert die DIHK kritisch die Ausgestaltung des Bundeshaushalts 2026. DIHK-Präsident Peter Adrian sieht in der derzeitigen Haushaltsplanung eine Belastung für die wirtschaftliche Entwicklung. Zwar sei der Bundeshaushalt mit geplanten Ausgaben von 525 Milliarden Euro der größte in der Geschichte der Bundesrepublik – ebenso wie die vorgesehenen Investitionen und Verteidigungsausgaben. Doch die Rekord-Neuverschuldung von 98 Milliarden Euro im Kernhaushalt rufe große Sorgen hervor.
„Bleibt es beim aktuellen Kurs, verlieren wir Handlungsspielräume, eine Last, die Wirtschaft und Gesellschaft nicht dauerhaft tragen können“, so Adrian. Entscheidend sei, dass die Mittel aus Sondervermögen wie dem Klima- und Transformationsfonds (KTF) nicht „versanden“, sondern zielgerichtet in Zukunftsinvestitionen fließen.
Prioritäten für Wachstum und Innovation
Adrian fordert eine klare Prioritätensetzung in der Haushaltspolitik: „Zukunftsorientierte Politik erfordert klare Prioritäten für wachstumsrelevante Ausgaben.“ Ein reines Aufwachsen der Summen reiche nicht aus – es komme auf die Effektivität der Mittelverwendung an. Dafür seien eine entschlackte Bürokratie, eine durchgreifende Digitalisierung der Verwaltung und mehr Vertrauen in unternehmerisches Handeln nötig.
Die Zahlen unterstreichen die Dringlichkeit: Allein die Zinsausgaben des Bundes sollen laut aktuellen Prognosen bis zum Ende der Legislaturperiode auf rund 60 Milliarden Euro pro Jahr steigen – das sind etwa zehn Prozent des Haushaltsvolumens und Mittel, die für Bildungsförderung, Innovation oder Infrastruktur fehlen könnten.
Verbindung von Bildung, Arbeitsmarkt und Haushaltspolitik
Der Zusammenhang zwischen Fachkräftesicherung, internationaler Bildungsintegration und fiskalischer Stabilität liegt für die DIHK auf der Hand. Investitionen in Bildung und die gezielte Förderung internationaler Talente sind für die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands genauso bedeutsam wie eine solide Haushaltspolitik.
„Wir brauchen einen nachhaltigen Reformkurs, der strukturelle Probleme löst“, fasst Adrian zusammen. Nur wenn Wirtschaftswachstum gestärkt und gleichzeitig die Ausgaben effizient gesteuert würden, ließen sich die Herausforderungen der nächsten Jahre bewältigen. Dazu zähle auch, Fachkräftepotenziale aus dem Ausland dauerhaft zu nutzen – ein Aspekt, der nicht nur die Wirtschaft betrifft, sondern auch die demografische Entwicklung in Deutschland.
Bedeutung für die Regionen
Auch in wirtschaftsstarken Regionen wie Osnabrück, Steinfurt oder Coesfeld stehen Unternehmen, Kammern und Bildungseinrichtungen vor ähnlichen Herausforderungen. Internationale MINT-Studierende, die etwa an der Hochschule Osnabrück oder der Universität Münster studieren, könnten einen wertvollen Beitrag zur Fachkräftesicherung leisten – vorausgesetzt, sie bleiben nach ihrem Abschluss im Land.
Initiativen wie regionale Mentoring-Programme, Praktikumskooperationen mit mittelständischen Unternehmen oder gezielte Förderformate für internationale Absolventen könnten entscheidend dazu beitragen, diese Brücke zu schlagen. Die DIHK ruft daher auch regionale Akteure auf, sich aktiv an der Gestaltung dieser Prozesse zu beteiligen.
Fazit: Zukunft braucht Integration und Investitionen
Die DIHK macht deutlich: Ohne eine entschlossene Reformagenda in Bildung, Haushaltspolitik und Integration ist die Zukunftsfähigkeit Deutschlands gefährdet. Internationale MINT-Fachkräfte könnten ein Schlüssel zur Lösung des Fachkräftemangels sein – vorausgesetzt, der Weg in den Arbeitsmarkt wird konsequent begleitet. Gleichzeitig müssen öffentliche Investitionen effizienter und gezielter eingesetzt werden, um langfristige Stabilität und Wachstum zu sichern.
Der Appell an die Politik ist klar: Strategische Prioritätensetzung, praxisnahe Bildungspolitik und eine realistische Finanzplanung müssen Hand in Hand gehen, um die Herausforderungen der kommenden Jahre zu bewältigen.

