Berlin. Zwei aktuelle Themen beschäftigen die deutsche Landwirtschaft zum Jahresende: Zum einen zeigen neue Forschungsergebnisse des Thünen-Instituts, dass sich die Humusgehalte in konventionell und ökologisch bewirtschafteten Böden kaum unterscheiden. Zum anderen warnt der Deutsche Bauernverband (DBV) im Zuge der EU-Trilogverhandlungen über neue Züchtungsmethoden vor möglichen Patentfolgen für Landwirte und mittelständische Züchter. Beide Entwicklungen betreffen zentrale Fragen rund um Klima, Nachhaltigkeit und Ernährungssicherung.
Eine vom Thünen-Institut für Agrarklimaschutz veröffentlichte Studie hat den organischen Kohlenstoffgehalt von rund 2.800 landwirtschaftlich genutzten Ackerböden in Deutschland untersucht. Die überraschende Erkenntnis: Es gibt keine signifikanten Unterschiede beim Humusgehalt zwischen konventioneller und ökologischer Bewirtschaftung. Perspektivisch könnten die Humuswerte im Ökolandbau sogar tendenziell sinken – trotz häufig anderslautender Annahmen in der öffentlichen Debatte.
Maßnahme statt Methode: Humusaufbau durch gezielte Praxis
Für den Deutschen Bauernverband (DBV) ist dieses Ergebnis ein deutlicher Fingerzeig für die Agrarpolitik. „Es kommt nicht auf das System, sondern auf die konkreten Maßnahmen an“, betont DBV-Generalsekretärin Stefanie Sabet. Entscheidend seien etwa eine gezielte Fruchtfolgeplanung, der Anbau humusmehrender Kulturen wie Kleegras sowie eine bedarfsgerechte Stickstoffversorgung.
Das vom Thünen-Institut genutzte Datenmaterial stammt aus der Bodenzustandserhebung Landwirtschaft sowie dem Projekt „HumusKlimaNetz“, einem Gemeinschaftsvorhaben von DBV und dem Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Standortfaktoren wurden in der Auswertung modellgestützt herausgerechnet, um die Bewirtschaftungssysteme direkt vergleichen zu können.
Öko und Konventionell: Unterschiede in der Praxis
Im Detail zeigen sich in den beiden Produktionsrichtungen durchaus Unterschiede – jedoch nicht im Ergebnis der Humusbilanz. Im ökologischen Landbau liegt der Anteil humusmehrender Kulturen wie Kleegras bei rund 39 Prozent, im konventionellen Bereich bei nur 11 Prozent. Dennoch erzielen konventionelle Betriebe laut Studie im Durchschnitt etwa 30 Prozent höhere Biomasse-Erträge. Das liegt vor allem an der gezielten, entzugsbasierten Düngung. Diese höheren Erträge sorgen wiederum für mehr Ernterückstände wie Wurzelmasse oder Stroh – beides wichtige Bausteine für den Humusaufbau.
Ein weiteres Ergebnis: Beim Zwischenfruchtanbau und der organischen Düngung unterscheiden sich beide Systeme kaum. Auf etwa einem Drittel der untersuchten Flächen wurde gar keine organische Düngung durchgeführt – unabhängig vom Wirtschaftsmodell.
Forderung nach differenzierter Förderung
Der Bauernverband sieht in der Studie einen klaren Handlungsauftrag an die Politik: Statt pauschale Systemförderung, wie sie etwa für den Ökolandbau gewährt wird, plädiert der Verband für eine gezielte, maßnahmenorientierte Unterstützung. „Wir brauchen Anreize für klimarelevante Praktiken – unabhängig vom Bewirtschaftungssystem“, so Sabet. Das HumusKlimaNetz sei ein gelungenes Beispiel dafür, wie landwirtschaftliche Praxis, Forschung und Klimaschutz sinnvoll verzahnt werden können.
EU-Züchtungsreform: DBV warnt vor Patenten auf Pflanzen
Zeitgleich äußert sich der DBV kritisch zu den laufenden Trilogverhandlungen der EU über die Zukunft neuer genomischer Züchtungsmethoden (NGT). Zwar begrüßt der Verband grundsätzlich die geplante Öffnung hin zu innovativen Techniken wie der Genomeditierung, warnt jedoch eindringlich vor den Risiken durch Patente auf Züchtungsmerkmale. „Patente dürfen den Fortschritt nicht blockieren“, mahnt Stefanie Sabet. Die Nutzung genetischer Ressourcen müsse frei bleiben – für Landwirte ebenso wie für mittelständische Züchter.
Aktuell verhandeln EU-Kommission, Parlament und Mitgliedstaaten über eine mögliche Neuregulierung der sogenannten NGTs. Diese Verfahren ermöglichen es, gezielt einzelne Gene in Pflanzen zu verändern, ohne fremde DNA einzufügen – eine Technik, die sich deutlich von herkömmlicher Gentechnik unterscheidet.
Gefahr für Vielfalt und Wettbewerb
Der DBV fürchtet, dass durch eine Patentierung bestimmter genetischer Eigenschaften künftig zentrale Merkmale wie Krankheitsresistenz oder Ertragshöhe von wenigen Großkonzernen kontrolliert werden könnten. Dies hätte weitreichende Folgen: Höhere Saatgutpreise, geringerer Wettbewerb unter den Züchtern und ein Rückgang der Sortenvielfalt. Langfristig könnten weniger rentable, aber regional angepasste Kulturen vom Markt verdrängt werden.
„Die Stärke der europäischen Pflanzenzüchtung liegt im Mittelstand“, betont Sabet. Rund 150 meist familiengeführte Zuchtbetriebe in Deutschland arbeiten seit Jahrzehnten daran, widerstandsfähige und ertragreiche Sorten für unterschiedliche Standorte zu entwickeln – bislang ohne Patentzwang. Eine veränderte Rechtslage könnte diese bewährten Strukturen gefährden.
Qualität statt Schnelllösung
In Brüssel wird aktuell auf einen raschen Kompromiss gedrängt – möglicherweise soll die Einigung bereits am Mittwoch stehen. Der Bauernverband appelliert an die Verhandler, in dieser entscheidenden Frage keine faulen Kompromisse zu Lasten der Landwirte einzugehen. „Die Qualität der Regelung ist wichtiger als ein schneller Abschluss“, so Sabet. Innovation und Wettbewerb müssten auch künftig Hand in Hand gehen – zum Wohle von Landwirtschaft, Verbrauchern und Umwelt.
Landwirtschaft zwischen Effizienz und Nachhaltigkeit
Beide Themen – Humusaufbau und Pflanzenzüchtung – zeigen, wie komplex und vielschichtig moderne Landwirtschaft ist. Während Debatten um Bio und Konventionell oft von Grundsatzfragen geprägt sind, fordert der DBV einen differenzierten Blick auf Maßnahmen, Praxis und Forschungsergebnisse.
In Zeiten von Klimawandel, Flächenkonkurrenz und geopolitischen Unsicherheiten gewinnt eine produktive und gleichzeitig nachhaltige Landwirtschaft an Bedeutung. Der Bauernverband setzt dabei auf wissenschaftlich fundierte Entscheidungen, praxistaugliche Maßnahmen und faire Rahmenbedingungen für alle Produktionsrichtungen.
Weitere Informationen zu den Positionen des Bauernverbands gibt es auf bauernverband.de. Mehr zu landwirtschaftlichen Entwicklungen und Umweltfragen findet sich im Bereich Umwelt auf regionalupdate.de.

