Hier ist der vollständige, zusammengeführte Artikel:

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Joey Kelly: Vom Straßenmusiker zum Extremsportler – ein Leben auf Vollgas

Er ist der Sohn einer Musiklegende, Extremsportler, Unternehmer und Familienmensch – und wohnt auf einem Gehöft, das er seit zehn Jahren eigenhändig restauriert. Joey Kelly empfing seinen Gesprächspartner auf seinem weitläufigen Anwesen irgendwo abseits der großen Straßen – kein Internet, kein Navi. Aber dafür steht vor der Scheune ein original Kelly-Family-Bus, fast wieder fahrtüchtig.

Der Bus als Kindheitserinnerung

„Wir sind in diesen Bussen aufgewachsen“, sagt Joey Kelly und lacht. Sechs Busse hatte die Familie auf dem Höhepunkt ihrer Zeit als Straßenmusiker. Vier hat er noch, zwei sind verschollen – und für die sucht er nach wie vor, zahlt dafür gut. Den Bus im Hof restauriert er gerade, Bauteil für Bauteil, teilweise mit monatelanger Suche nach Ersatzteilen. Allein zwei Kühler kosteten 3.800 Euro, ein kleiner Brennzylinder 1.200 Euro nach einem halben Jahr Recherche quer durch Europa. Sein Plan für den fertigen Bus: In den unteren Teil baut er einen Irish Pub ein. Für sich selbst.

Straßenmusiker, Plattenverträge, bittere Lehren

Die Kelly Family spielte von Ende der 1970er bis Mitte der 1990er Jahre als Straßenmusiker quer durch Europa, auch regelmäßig auf dem Berliner Alexanderplatz. Herbst 1994 kam der große Durchbruch. Doch bevor es soweit war, hatten sie Verträge unterschrieben, von denen die Familie kaum profitierte. „Wir haben nichts verdient. Zero“, sagt Joey Kelly rückblickend. Polydor kassierte – die Familie lebte von der Hand in den Mund.

Als Straßenmusiker verdienten die Kellys in den guten Jahren bis zu 20.000 bis 30.000 D-Mark am Tag, an schlechten Tagen immer noch 3.000 bis 5.000. Der Jahresumsatz auf der Straße: rund 1,4 Millionen Mark – in bar, in Münzen. Diese Münzen stapelten sie in gelben Postkisten im Bauch ihres Hausboots, um Ballast zu erzeugen. Eine Million Mark in Hartgeld als Schiffsgewicht. Als der kommerzielle Durchbruch 1994 kam, explodierte der Umsatz auf bis zu 120 Millionen Mark im Jahr.

Jahrzehnte später hat Joey Kelly die ersten vier Platten vom inzwischen von Universal übernommenen Label zurückgekauft. Das gesamte Archiv der Kellys – rund 30 CDs, Fotos, Videos, alle Rechte – gehört heute der Kelly Family GbR, an der acht Geschwister beteiligt sind. Joey Kelly ist seit 25 Jahren Geschäftsführer und zuständig für die Ausschüttungen. „Deswegen reden auch noch alle mit mir“, sagt er trocken.

Millionen in Münzen, ein Hausboot als Ballaststoff

Das Hausboot der Kelly Family steht heute im Technikmuseum Speyer – dorthin hat Joey es gebracht, weil er für den „ganzen Schrott“ der Familie zuständig ist und das Museum die Unterhaltskosten trägt. 100 Tonnen schwer, 34 Meter lang, 6,20 Meter breit – darauf hat die Familie gewohnt, ab Ende der 1980er Jahre parallel zu den Bussen. Betreten darf das Schiff heute niemand ohne Joeys Genehmigung, nicht einmal die eigenen Geschwister.

Mutter, Verlust, Prägung

Joeys Mutter starb, als er acht Jahre alt war – an Brustkrebs, mit 36. Die Familie war zu dem Zeitpunkt so mittellos, dass kein Sarg gekauft werden konnte. Onkel und Bruder bauten einen aus Baumaterial. „Tiefer ging es nicht“, sagt Joey Kelly. Er beschreibt, wie er als Kind die Schwere der Krankheit nicht wahrhaben wollte, wie er bis zuletzt daran glaubte, dass seine Mutter es schafft. Erst viel später, als er ein Foto von damals nach zwanzig Jahren wieder ansah, wurde ihm das ganze Ausmaß bewusst: seine Mutter war auf dem Bild nur noch Haut und Knochen.

Vor vier Jahren verlor er seine Schwester Barbie – mit 46 Jahren. „Ich habe es bis heute nicht verstanden und nicht verkraftet“, sagt er. Barbie wurde auf dem Hof zwei Tage lang von der ganzen Familie verabschiedet. Was er daraus mitgenommen hat: Es gibt nur ein Leben, und jeder Tag zählt.

Hof, Handwerk, Haltung

Das Anwesen, auf dem Joey Kelly heute lebt und arbeitet, ist von 1776. Denkmalgeschützt, ursprünglich verputzt, in Jahrzehnten verunstaltet. Er kaufte es, riss Wände heraus, ließ Balken ersetzen, verlegte Fußbodenheizung, installierte Erdwärme, eine biologische Kläranlage, bald auch eine 30-kW-Solaranlage. Investiert hat er weit über eine Million Euro – und das mit eigenem Baubetrieb, den er seit mehr als zwanzig Jahren führt, ohne dass es viele wissen. „Das sage ich in der Öffentlichkeit nicht“, erklärt er. Der Hof ist kein Investment, sondern Hobby. Und Heimat.

Seine Maxime beim Bauen: „Ich baue einmal für hundert Jahre.“ Kein Druck, keine Eile. Qualität vor Tempo.

Zur Infrastruktur gehört auch eine ehemalige Scheune, die 1951 von einem Klosterorden zur Kapelle umgebaut wurde. Jesus, Maria und der Altar gehören laut Notarvertrag noch dem Bistum Köln – eine Art Grundschuld für Kirchenobjekte. Solange die Kapelle als solche erhalten bleibt, dürfen sie bleiben. Joey Kelly hat kein Problem damit.

Daneben steht ein alter Eiswagen, den sein Sohn Luke ihm heimlich zum 50. Geburtstag geschenkt hat – auf Basis einer Geschichte von Joeys Schwester, er habe als Kind immer von einem Eiswagen geträumt. Das stimmt zwar nicht ganz, aber als der Sohn ihm den restaurierten Wagen mit dem Aufkleber „Kelly Eis“ übergab, hat Joey geweint.

Blei, Tricks und Weltmeistertitel: Joey Kelly und die Wok-WM

Wer dachte, Joey Kelly sei bei der legendären Wok-WM von Stefan Raab fair angetreten, irrt. Mit einem selbst gegossenen Bleiklotz im Wok – Gesamtgewicht mit Körper und Gerät: 182 Kilogramm – schoss er die Bobbahn hinunter wie eine Kanonenkugel. Erst im Jahr darauf wurde die Gewichtsregel auf 130 Kilogramm gedeckelt. Dann baute er zusammen mit einem Schweizer Ingenieur einen aerodynamisch optimierten Spezialwok, ließ Spikes in die Handschuhe einarbeiten für einen schnelleren Start, und konstruierte eigene Kufen, die von der Wok-WM-Federation offiziell anerkannt wurden. „Das ist kein Bescheißen, das ist Gewinnen“, sagt er trocken. Viermal stand er ganz oben auf dem Treppchen.

Zur Beziehung mit Raab selbst: Die ersten zehn der insgesamt dreizehn gemeinsamen Jahre gab es kaum persönlichen Kontakt. Hallo, danke, tschüss. Joey Kelly lief Stefan Raab nicht hinterher – obwohl er 13 Jahre lang an sämtlichen Raab-Events teilnahm, von Turmspringen über Autoball bis Stockcar. Den eigentlichen Gewinn sah er woanders: Er mietete in der Schalke-Arena auf eigene Kosten bis zu acht Logen, lud seine Sponsoren ein, und wenn er gewann, ließ er sich mit dem Pokal fotografieren – in wechselnden Caps mit verschiedenen Sponsoren-Logos. Das echte Business passierte nicht auf der Bahn, sondern in den Pausen. Irgendwann besuchte Raab ihn auf dem Hof und sagte: „Du bist der Einzige, der es nicht braucht.“ Letzte Woche rief er an und fragte, ob Joey beim Jetski-Fahren mitmacht.

Sport, Leistung, Grenzen

Joey Kelly hat acht Ironman-Rennen in einem einzigen Jahr absolviert – auf allen Kontinenten. Er lief zehn Wüsten durch, machte die Panamerikana mit seiner Familie, 30.000 Kilometer durch 15 Länder. Einmal wurde er nach einem Ultraman-Finish – zehn Kilometer Schwimmen, 421 Kilometer Radfahren, 84 Kilometer Laufen – disqualifiziert, weil er nach der Zielankunft drei Männer wegdrängte, die seinen Bruder beim Filmen attackiert hatten. „Wenn jemand meine Familie anfasst, hat er es mit mir zu tun.“

Worklife Balance? „Ein Konzept von Losern – zumindest für Selbstständige, die von null anfangen.“ Wer etwas aufbauen will, sagt Joey Kelly, muss all in gehen. Punkt.

Vier Kinder, große Familie

Heute hat er vier Kinder, der älteste ist 25, die jüngste zehn. Sein Sohn Leon studiert in den USA Astrophysik und Astronautentechnik, macht eine Ausbildung bei der US Air Force und verbringt den Sommer als Praktikant bei der NASA – ohne Beziehungen, nur aus eigener Kraft. Mit seiner Frau ist er seit 27 Jahren zusammen. Sein Rezept: „Glück gehabt, dass man den richtigen Partner gefunden hat – und vielleicht auch nicht zu viel zu Hause sein.“

Was kommt als nächstes

In drei Monaten steht der Race Across America an, diesmal mit einem Achter-Team und dem Ziel, die Strecke auf Zeit zu gewinnen. Außerdem plant Joey Kelly auf seinem Feld eine eigene Autoball-WM – mit Heuballen als Stadion, acht Frauen und acht Männern im Wettbewerb, abends Lagerfeuer und Musik, nur für geladene Gäste. Ob er den Namen „Autoball“ benutzen darf, wartet er noch auf Antwort von Brainpool. „Wenn die nein sagen, nenne ich das halt Ballauto.“

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