Wie führt man ein Familienunternehmen in dritter Generation, ohne seine Geschichte zu verlieren und ohne stehen zu bleiben? Vor dieser Frage stehen viele Mittelständler, die einen Betrieb von Eltern und Großeltern übernehmen. Zwischen dem, was Kunden seit Jahrzehnten schätzen, und dem, was der Markt heute verlangt, müssen sie täglich abwägen.
Darüber haben wir mit Lisa Flothkötter gesprochen. Sie ist Geschäftsführerin des Autohauses Flothkötter in Nordwalde im Kreis Steinfurt und verantwortet dort unter anderem Marketing und Personal. Im Interview erzählt sie, was sie aus der Familie übernommen hat, wann aus der Tochter die Unternehmerin wurde, warum das Haus heute auch Fahrzeugabos, Vermietung und einen Online-Shop anbietet und was sie anderen Nachfolgerinnen und Nachfolgern rät.
Was von Eltern und Großeltern bleibt
Sie führen das Autohaus Flothkötter in dritter Generation. Was haben Sie von Ihren Eltern und Großeltern bewusst übernommen, und was wollten Sie von Anfang an anders machen?
Übernommen habe ich vor allem die Nähe zu unseren Kunden, Verlässlichkeit und den Anspruch, langfristige Beziehungen aufzubauen. Viele Kunden kennen unser Haus seit Jahrzehnten, und genau dieses Vertrauen ist für mich ein ganz wichtiger Teil unserer Identität. Gleichzeitig war mir früh klar, dass wir uns digitaler, schneller und breiter aufstellen müssen, um auch in Zukunft erfolgreich zu bleiben.
Gab es beim Einstieg ins Familienunternehmen einen Moment, in dem Sie gemerkt haben, dass Sie nicht nur Tochter, sondern Unternehmerin sind?
Das war weniger ein einzelner Moment als ein Prozess. Spätestens als ich begonnen habe, eigene Entscheidungen zu treffen, Verantwortung für Mitarbeiter zu übernehmen und auch schwierige Entscheidungen selbst tragen zu müssen, hat sich die Rolle verändert. Ab diesem Zeitpunkt ging es nicht mehr darum, „im Familienbetrieb mitzuarbeiten“, sondern darum, das Unternehmen aktiv mitzugestalten.
Feste Werte, neue Geschäftsfelder
Wie entscheiden Sie im Alltag, was zur Identität des Hauses gehört und was sich verändern darf?
Alles, was mit Vertrauen, persönlicher Betreuung und unserem familiären Umgang zu tun hat, gehört für mich fest zu Flothkötter. Verändern darf sich dagegen fast alles, was Prozesse, Technik, Kommunikation oder neue Angebote betrifft. Tradition bedeutet für mich nicht, alles so zu machen wie früher, sondern die Werte zu bewahren und gleichzeitig offen für Neues zu bleiben.
Sie haben neue Geschäftsfelder wie Fahrzeugabos und Vermietung aufgebaut. Woran haben Sie gemerkt, dass Ihre Kunden so etwas wollen?
Wir haben gemerkt, dass sich die Anforderungen der Kunden verändern. Viele möchten heute flexibler bleiben, sich nicht langfristig binden und möglichst wenig Aufwand mit Versicherung, Wartung oder Fahrzeugwechsel haben. Fahrzeugabo und Vermietung sind deshalb für uns eine sinnvolle Ergänzung zum klassischen Kauf, Leasing und zur Finanzierung geworden.
Mitarbeiter mitnehmen, Kunden auch online erreichen
Wie haben Ihre langjährigen Mitarbeiter auf diese neuen Angebote reagiert, und wie haben Sie sie mitgenommen?
Neue Themen stoßen natürlich nicht immer sofort auf Begeisterung, gerade wenn Abläufe über viele Jahre funktioniert haben. Uns ist wichtig, Dinge zu erklären, Mitarbeiter früh einzubinden und gemeinsam Lösungen zu finden. Viele unserer langjährigen Mitarbeiter bringen unglaublich viel Erfahrung mit. Wenn man dieses Wissen mit neuen Ideen verbindet, entstehen meistens die besten Lösungen.
Welche Rolle spielt der Online-Shop heute für ein Autohaus, in dem viele Kunden seit Jahrzehnten persönlich vorbeikommen?
Der Online-Shop ergänzt unser klassisches Geschäft sehr gut. Kunden können Zubehör und Produkte unabhängig von Öffnungszeiten bestellen, gleichzeitig bleibt die persönliche Beratung vor Ort bestehen. Für uns ist das kein Entweder-oder, sondern eine Verbindung aus lokalem Autohaus und digitalem Vertrieb.
Personal gewinnen und den Mut zu eigenen Entscheidungen haben
Sie verantworten auch Marketing und Personal. Was hat sich bei der Suche nach guten Mitarbeitern in den letzten Jahren am stärksten verändert?
Unternehmen müssen heute deutlich aktiver um gute Mitarbeiter werben. Es reicht nicht mehr, eine Stellenanzeige zu veröffentlichen und auf Bewerbungen zu warten. Arbeitsklima, Entwicklungsmöglichkeiten, Wertschätzung und die Frage, wie ein Unternehmen nach außen auftritt, spielen inzwischen eine viel größere Rolle.
Was würden Sie anderen Unternehmerinnen und Unternehmern raten, die ein Familienunternehmen übernehmen und gleichzeitig weiterentwickeln wollen?
Man sollte Respekt vor dem haben, was vorherige Generationen aufgebaut haben, aber trotzdem den Mut besitzen, eigene Entscheidungen zu treffen. Nicht jede Veränderung funktioniert sofort, und man darf auch Fehler machen. Entscheidend ist aus meiner Sicht, die eigenen Werte zu kennen und gleichzeitig neugierig auf neue Entwicklungen zu bleiben.
Das Autohaus in zehn Jahren
Wo sehen Sie das Autohaus Flothkötter in zehn Jahren?
Ich wünsche mir, dass wir auch in zehn Jahren ein inhabergeführtes, familiäres Autohaus sind, das persönlich für seine Kunden da ist, aber gleichzeitig technologisch und organisatorisch sehr modern arbeitet. Wir möchten weiter wachsen, unser Angebot erweitern und neue Marken und Mobilitätsformen integrieren. Dabei soll Flothkötter trotz aller Veränderungen immer Flothkötter bleiben.
Tradition als Haltung, nicht als Ablauf
Lisa Flothkötter trennt klar zwischen dem, was bleiben muss, und dem, was sich ändern darf. Vertrauen, persönliche Betreuung und der familiäre Umgang sind für sie gesetzt. Prozesse, Technik, Kommunikation und Angebote dagegen stehen immer wieder auf dem Prüfstand. Genau so sind Fahrzeugabo, Vermietung und Online-Shop entstanden: nicht als Bruch mit dem klassischen Autohaus, sondern als Antwort auf Kunden, die flexibler bleiben und weniger Aufwand haben wollen.
Ihre Erfahrung passt zu dem, was viele Familienunternehmen im Mittelstand gerade erleben. Der Generationswechsel ist selten ein einzelner Tag, sondern ein Weg, auf dem die Nachfolgerin schrittweise Verantwortung übernimmt. Wer diesen Weg vor sich hat, sollte früh planen, das zeigt auch unser Beitrag zur Nachfolgeplanung in Familienunternehmen. Und wer Mitarbeiter mitnehmen will, muss erklären, einbinden und deren Erfahrung ernst nehmen, statt Neues einfach anzuordnen.
Häufige Fragen zur Weiterentwicklung eines Familienunternehmens
Was sollte man bei der Übernahme eines Familienunternehmens bewahren?
Vor allem das, was das Vertrauen der Kunden ausmacht: Verlässlichkeit, persönliche Betreuung und langfristige Beziehungen. Abläufe, Technik und Angebote dürfen sich dagegen weiterentwickeln.
Was ist ein Fahrzeugabo?
Beim Fahrzeugabo nutzt man ein Auto für einen festgelegten Zeitraum gegen eine monatliche Rate. Anders als beim Kauf oder Leasing ist die Bindung meist kürzer, und Themen wie Versicherung und Wartung sind in der Regel bereits geregelt. Das spricht Kunden an, die flexibel bleiben wollen.
Wie nimmt man langjährige Mitarbeiter bei Veränderungen mit?
Indem man Neues erklärt, die Mitarbeiter früh einbindet und gemeinsam Lösungen sucht. Die Erfahrung langjähriger Kolleginnen und Kollegen ist dabei ein Vorteil, wenn sie mit neuen Ideen zusammenkommt.
Braucht ein lokales Autohaus einen Online-Shop?
Er ersetzt die Beratung vor Ort nicht, kann sie aber ergänzen. Kunden bestellen Zubehör und Produkte unabhängig von Öffnungszeiten, für Beratung und Service kommen sie weiterhin ins Autohaus.

