Blockiergebühren an E-Auto-Ladesäulen: Strafe oder Lösung? Eine Debatte, die auch Pendler in der Region aufhorchen lässt

Anzeige

Ein Foto, aufgenommen irgendwo an einer Autobahnraststätte, vielleicht an der A1, der A30 oder der A31, hat in den vergangenen Tagen eine der heißesten Debatten ausgelöst, die die LinkedIn-Community zum Thema Elektromobilität je gesehen hat. Zu sehen: mehrere Schnelllader, alle belegt. Darunter mindestens drei Fahrzeuge, die bereits deutlich über 80 Prozent Ladestand hatten. Eine Familie mit Baby wartete. Der Fahrer eines BMW iX1 trank derweil in aller Ruhe seinen Kaffee, während sein Auto von 82 auf 93 Prozent kroch.

Der Verfasser des Posts, ein Social-Media-Unternehmer, brachte die Lösung auf den Punkt: 5 Euro Blockiergebühr pro Minute ab 80 Prozent Ladestand, wenn alle Säulen belegt sind. Unlimited. Die Reaktionen: über 400 Kommentare, hitzig, gespalten und lehrreich zugleich.

Was ist eigentlich das Problem?

Der Kern der Debatte ist schnell erklärt. Schnelllader, sogenannte HPC-Säulen, liefern ihre maximale Ladeleistung in der Regel nur bis etwa 80 Prozent des Akkus. Danach drosselt das Fahrzeug selbst die Ladekurve deutlich, um die Batterie zu schonen. Was bei 20 Prozent noch 150 Kilowatt sind, können bei 85 Prozent schon 30 Kilowatt oder weniger sein. Das bedeutet: Der Fahrer des BMW iX1 blockierte die teure Schnellladesäule für eine Stunde, um die letzten zehn Prozent zu laden, die eine normale Wallbox zu Hause in vergleichbarer Zeit erledigt hätte.

Für Pendler und Langstreckenfahrer in der Region, die täglich auf funktionierende Ladeinfrastruktur angewiesen sind, ist das keine abstrakte Diskussion. Wer regelmäßig an stark frequentierten Raststätten lädt, kennt die Situation: Säulen belegt, Wartezeit ungewiss, StressLevel steigt.

Die Argumente der Befürworter

Die Stimmen für Blockiergebühren haben ein starkes Vorbild: Tesla. Der amerikanische Elektroautopionier hat das Modell längst eingeführt, situationsabhängig und intelligent. Sind alle Supercharger frei, lädt man ohne Aufpreis so lange man möchte. Ist der Standort voll ausgelastet, fällt ab Ladeende oder ab 80 Prozent eine Blockiergebühr an.
Marcus Zacher, Chefredakteur des Fachmagazins Elektroautomobil, brachte es in der Diskussion auf den Punkt: Manche Lösungen kann man einfach kopieren.

Der Vergleich mit der Tankstelle zieht ebenfalls. Wer nach dem Tanken einfach stehen bleibt, während andere warten, wird höflich, aber bestimmt aufgefordert weiterzufahren. An der Ladesäule fehlt dieser soziale Mechanismus bisher. Die Gebühr übernimmt dann diese Funktion, ohne dass es zum Konflikt kommen muss.

Die Argumente der Kritiker

Die Gegenseite ist nicht weniger laut. Mehrere Kommentatoren wiesen darauf hin, dass 80 Prozent keine magische Grenze ist, sondern eine Empfehlung für den Alltag. Wer 600 Kilometer vor sich hat und keine Lademöglichkeit zu Hause besitzt, hat durchaus nachvollziehbare Gründe, auf 100 Prozent zu laden. Manche Hersteller empfehlen das sogar gelegentlich für die Batteriekalibrierung.

Ein weiterer Einwand: Die Säule weiß gar nicht, wie voll der Akku ist. Eine automatische Abschaltung oder Gebührenauslösung auf Basis des Ladestands ist technisch komplex und diskriminiert potenziell Fahrzeuge mit geringerer Ladeleistung, die bauartbedingt länger brauchen. Auch das Argument der Klassenunterschiede kam auf: Wer einen 200.000-Euro-Schlitten fährt, lacht über 5 Euro pro Minute. Wer knapp bei Kasse ist, wird unter Druck gesetzt.

Und dann ist da noch die grundlegende Kritik: Wenn das System nur funktioniert, wenn Menschen bestraft werden, liegt das Problem woanders. Nämlich bei einer Ladeinfrastruktur, die dem wachsenden Bedarf schlicht nicht hinterherwächst.

Was wäre die richtige Lösung?

Die ehrliche Antwort lautet: wahrscheinlich beides. Mehr Ladesäulen, und zwar deutlich mehr, sind unausweichlich. Gleichzeitig braucht es intelligente Anreizmodelle, die Rücksichtslosigkeit wirtschaftlich unattraktiv machen, ohne ehrliche Langstreckenfahrer zu bestrafen. Das Tesla-Modell zeigt, dass das geht: Gebühren nur bei tatsächlicher Vollauslastung, kommuniziert über die App, bevor die Uhr tickt.

Was die Debatte auch zeigt: Elektromobilität ist längst im Alltag angekommen. Die Kinderkrankheiten sind nicht mehr technischer Natur, sie sind menschlicher Natur. Rücksicht, Information und klare Regeln werden genauso wichtig wie Kilowattstunden und Reichweite.

Für Pendler in Emsland, der Grafschaft Bentheim und dem Münsterland, die täglich zwischen Heimat und Arbeitsplatz unterwegs sind und zunehmend elektrisch fahren, ist das eine Debatte, die näher ist als sie wirkt. Die nächste überfüllte Raststätte an der A31 könnte das nächste Mal die eigene sein.

Dieser Kommentar gibt die Einschätzung der Redaktion wieder und basiert auf einer öffentlichen Diskussion in sozialen Netzwerken. Haben Sie eigene Erfahrungen mit der Ladeinfrastruktur in der Region? Schreiben Sie uns.

Weiterlesen

Jetzt den kostenlosen Regionalupdate-Newsletter abonnieren.

Gefällt dir’s? Dann teil’s doch!

Facebook
LinkedIn
WhatsApp
Email

Weitere Artikel