Die Stimmung kippt leise. Und Führung heißt heute zuhören.

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Standpunkt von Sabrina Wendt

Mir fällt es zuerst an den kleinen Dingen auf. Ein Gespräch auf dem Wochenmarkt, das früher locker lief und heute nach zwei Sätzen kantig wird. Ein Termin, in dem schneller gestritten als zugehört wird. Menschen, die ihren Job machen, aber die Leichtigkeit dabei verloren haben. Da liegt eine Anspannung in der Luft, die ich so vor ein paar Jahren nicht kannte. Am Familientisch, im Verein, im Betrieb.

Das hat nichts mit Papenburg allein zu tun. Das geht uns allen so, in ganz Deutschland.

Die Welt hört nicht an der Stadtgrenze auf

Ein großer Teil davon kommt von außen. Der Krieg in der Ukraine geht weiter, die Lage rund um den Iran bleibt angespannt, und die Wirtschaft merkt das sofort. Betriebe schieben Investitionen auf, Lieferketten wackeln, und gerade Industrie und Tourismus bekommen das direkt zu spüren.

Wer in einer Stadt lebt, die vom Schiffbau und seinen Zulieferern lebt, versteht das ohne lange Erklärung. Eine Order, die in einer Reederei in Miami verschoben wird, landet ein paar Monate später als Sorge an einem Küchentisch in Aschendorf. Die Welt hört nicht an der Stadtgrenze auf, und so tue ich auch nicht so.

Wir reden kaum noch miteinander

Dazu kommt die Lage im eigenen Land. Die Ränder werden lauter, und viele Menschen haben das Gefühl, dass die Mitte den Faden verliert. Was mich dabei am meisten beschäftigt, ist etwas anderes: Wir reden kaum noch miteinander.

Nicht nur im Bundestag, sondern beim Nachbarn, im Freundeskreis, am eigenen Esstisch. Seit der Pandemie haben sich da Risse eingeschlichen, erst beim Streit über Maßnahmen und Vertrauen, dann über alles andere. Heute steigen viele Gespräche schon mit einer fertigen Meinung ein. Wer anders denkt, wird nicht gefragt, sondern einsortiert.

Am deutlichsten sehe ich das dort, wo Menschen abgestempelt und an den Rand gedrängt werden. Antisemitismus und offener Hass sind heute wieder lauter, als ich es lange für möglich gehalten habe, oft gar nicht brüllend, sondern leise und scheinbar vernünftig verpackt. Und genau da werde ich deutlich. Zuhören heißt für mich, andere Meinungen auszuhalten. Es heißt nicht, jeden Unsinn durchgehen zu lassen.

Die sozialen Medien machen das nicht leichter. Belohnt wird dort die Zuspitzung und die Quantität, nicht der zweite Gedanke und die Qualität. Eine schnelle, einfache Parole bekommt mehr Applaus als eine ehrliche Antwort, die sagt: So einfach ist es nicht. Viele Menschen fühlen sich am Ende eines Tages nicht klüger, sondern nur müde. Und Politik läuft dann zu oft den Stimmungen hinterher, statt ihnen Ordnung zu geben. Genau das macht die Unsicherheit größer, nicht kleiner.

Deshalb braucht Politik in solchen Zeiten mehr als Verwalten und Instagram-Posts. Sie braucht wieder echte Führung. Die Geschichte zeigt, dass Gesellschaften in der Krise ihre Richtung nicht durch Lautstärke gefunden haben, sondern durch Klarheit, Geduld und Rückgrat.

Konrad Adenauer hat das auf seine Weise gezeigt. Ich vergleiche mich mit niemandem, das steht mir nicht zu. Aber das Prinzip dahinter trägt auch eine Nummer kleiner, bis hinein in einen Stadtrat. Führung ordnet, sie heizt nicht an.

Neutralität ist nicht dasselbe wie Haltung

Mir begegnet in diesen Monaten noch etwas, und das sage ich ganz freundlich. Viele Menschen haben eine klare Meinung, behalten sie aber lieber für sich. Aus Sorge um die Firma, die Kunden, die eigene Position. Ich verstehe diese Abwägung gut, ich kenne sie aus meinem eigenen Berufsleben.

Trotzdem glaube ich, dass wir Neutralität manchmal mit etwas anderem verwechseln. Sich rauszuhalten fühlt sich sicher an, ist aber oft schlicht der bequemste Weg. Haltung bedeutet nicht, jeden Streit zu suchen. Haltung bedeutet, zu dem zu stehen, was du für richtig hältst, auch wenn Schweigen leichter wäre.

Eine Stadt wird von den Menschen geprägt, die sich zeigen, mit ihrem Namen, ihrer Erfahrung, ihrer Überzeugung. Wer immer nur abwartet, überlässt die Richtung anderen. Du darfst für etwas sein. Das ist keine Provokation, das ist Mitwirkung. Und nur wer mitwirkt, kann gestalten.

Erst zuhören, dann liefern

Und an dieser Stelle kommt Papenburg ins Spiel.

Die große Frage unserer Zeit hat nämlich eine ziemlich kleine, sehr handfeste Antwort. Sie lautet nicht: lauter werden. Sie lautet: erst wieder zuhören, dann liefern. Eine Stadt wird nicht ruhiger, weil sich jemand moralisch über andere stellt. Sie wird ruhiger, wenn Menschen merken, dass ihre Anliegen ankommen und etwas passiert.

Für mich ist das nichts Abstraktes. Mein Team und ich bauen gerade ein Bürgervotum auf, mit dem alle Papenburger selbst mitentscheiden, welche Themen oben auf die Tagesordnung gehören.

Das ist Zuhören als Werkzeug, nicht als schöne Geste. Dazu gehört eine feste Zusage von mir: Auf eine Anfrage erfolgt innerhalb kurzer Zeit eine Antwort, auch wenn sie lautet, dass wir es noch nicht wissen, aber hier der nächste Schritt steht. Auch dazu gehören 50 Unternehmensbesuche im Jahr. Fest im Kalender, weil ich ein Problem in der Werkhalle besser verstehe als von einer Bühne aus.

Der Rückzug, von dem ich hier erzähle, hat in Papenburg sogar eine Zahl. Im ersten Wahlgang 2021 sind über 5.000 Menschen gar nicht erst zur Wahl gegangen. Das ist dieselbe stille Resignation, nur an der Wahlurne.

Wer das Gefühl hat, dass ihm ohnehin niemand zuhört, bringt sich irgendwann nicht mehr ein. Diese Menschen gewinnt man nicht mit lauteren Parolen oder schnellen Insta-Reels zurück, sondern mit einer Verwaltung, die zurückruft.

Meckern können viele. Schwieriger wird es da, wo jemand anfängt, wirklich etwas besser zu machen. Veränderung beginnt nicht beim lautesten Schrei, sondern da, wo wieder jemand zuhört und danach Struktur, klare Entscheidungen und den Willen mitbringt, Dinge wirklich zu lösen.

Möglichmacher ist nicht, wer das Wort sagt. Möglichmacher ist, wer den Anruf beantwortet.

Genau diese Haltung trage ich ins Rathaus: offen genug, um zu sehen, wie stark Berlin, Brüssel und die großen Krisen bis zu uns durchschlagen, und bodenständig genug, um zu wissen, dass die Lösung trotzdem zuerst hier bei uns anfängt.

Reden wir wieder mehr miteinander statt übereinander. In Papenburg fange ich damit an.

Wie erlebst du diese Stimmung in deinem Umfeld? Schreib mir gern, per eMail oder in den Kommentaren. Ich lese mit und ich antworte.

Dies ist ein Gastbeitrag/Standpunkt von Sabrina Wendt, Kandidatin für den Papenburger Stadtrat. Die darin geäußerten Meinungen geben die persönliche Auffassung der Autorin wieder und müssen nicht der Position der Redaktion von RegionalUpdate.de entsprechen. Anderen Kandidat:innen bieten wir auf Anfrage gleichermaßen die Möglichkeit zu einem Standpunkt-Beitrag.

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