Mit „Evas Tochter“ legt Annette Mingels einen Roman vor, der acht Frauenfiguren zu einem vielschichtigen Beziehungsgeflecht verwebt. Im Zentrum steht ein Zelt vor einer Villa, das eine ganze Nachbarschaft aufwühlt, und eine konfliktreiche Mutter-Tochter-Geschichte. Im Interview spricht die Autorin über Erwartungsdruck, weibliche Solidarität und ihre Erfahrungen zwischen Deutschland und den USA. Der Roman erscheint am 19. August 2026 bei Penguin.
Ein Zelt als Störfaktor
Der Roman beginnt mit einem rätselhaften und zugleich irritierenden Bild, mitten in einem Villenviertel steht ein Zelt auf dem Bürgersteig, direkt vor einer eleganten Villa. Für Mingels ist das Zelt ein offensichtlicher Fremdkörper in der bürgerlichen Idylle, der die Anwohnerinnen beschäftigt und provoziert und sie auf eigene existenzielle Fragen stößt.
Es sind Frauen an großen und kleinen Wendepunkten ihres Lebens, etwa die Künstlerin, die nach Jahren der Mutterschaft zurück in ihren Beruf möchte, die ältere Frau, die genug von der Einsamkeit hat, die Abiturientin, die sich vor der ungewissen Zukunft fürchtet, die Tochter, die nie ganz in ihre Familie passte, oder die Mutter, die sich ihren Ängsten stellen muss.
Mutter Tochter Konflikt im Zentrum
Im Zentrum des Romans steht eine konfliktreiche Mutter-Tochter-Beziehung. Mingels beschreibt, dass Mütter schon mit Beginn der Schwangerschaft mit einem unerreichbaren Ideal konfrontiert seien, es wirke, als entscheide allein ihr Handeln über Wohl und Wehe des Kindes, eine irrsinnige Bürde.
Was bleibe, sei das eigene Beste zu geben, und das sei meistens eine ganze Menge. Dennoch könnten Mutter-Kind-Beziehungen scheitern, wie in ihrem Roman, in dessen Mittelpunkt ein solches Scheitern stehe. Für sie als Autorin, aber auch als Mutter und Tochter, sei es faszinierend gewesen, dieses Beziehungsfiasko aus beiden Perspektiven zu beleuchten und den Versuch einer Wiederannäherung zu schildern.
Frauen zwischen Stärke Überforderung
Die Figuren des Romans, von Greta über Sophie bis Wanda, Lilli und Hanne, stammen aus unterschiedlichen Lebenswelten und Generationen. Die Frauen im Roman bewegten sich laut Mingels in einem Spannungsfeld, sie seien stark, talentiert und eigenständig, fühlten sich gleichzeitig aber oft überfordert von den an sie gestellten Ansprüchen.
Auch darum verfielen sie immer wieder in ein Konkurrenzdenken, das die eigene Position schwäche. Dabei liege ihre wahre Stärke in ihrer Solidarität, ihren Freundschaften und ihrer alltäglichen gegenseitigen Unterstützung. Durch den Störfaktor, das Zelt, die Abweichlerin, werde diese Dynamik erst sichtbar.
Erzählen aus vielen Perspektiven
Der Roman erzählt aus verschiedenen Blickwinkeln und verbindet präzise Alltagsbeobachtungen mit großer psychologischer Tiefe. Wie wohl die meisten Autorinnen und Autoren habe Mingels seit jeher das Verlangen, die Welt wenigstens für kurze Zeit durch die Augen eines anderen zu betrachten, für einen Moment der Fremde zu sein.
Die subjektive Wahrnehmung interessiere sie, gerade im Zwischenmenschlichen, wo keine absolute Wahrheit existiere und keine exklusive Deutung der Ereignisse. Diese Offenheit treibe sie als Erzählerin an, sie genieße es, in unterschiedliche Figuren zu schlüpfen, weshalb sie wahrscheinlich nicht oft autobiographisch schreibe. Eng verbunden damit sei ihre Überzeugung, dass jeder Mensch eine Geschichte habe, die es wert sei, erzählt zu werden. In diesem Sinne bezeichnet sie ihr Schreiben als empathisch, nicht im Sinne von Mitleid, sondern von Einfühlung.
Weibliche Lebenswelten heute
Viele Figuren ringen mit Erwartungen, als Mütter, Partnerinnen oder als Individuen im sozialen Gefüge unserer Leistungsgesellschaft. „Evas Tochter“ zeige vor allem, wie schwer es heute sei, als Frau all den überhöhten Ansprüchen gerecht zu werden, man könne an ihnen eigentlich nur scheitern.
Das sei übrigens kein reines Frauenthema, sobald Männer sich in das Nebeneinander von Vatersein, Partnerschaft und Beruf begeben, gerieten sie in ganz ähnliche Zerreißproben. Was das Buch speziell über das Leben von Frauen erzähle, sei die Suche nach einem Ausweg aus diesem Druck. Mingels glaube fest daran, dass in der Freundschaft, ganz besonders unter Frauen, ein enormes Potenzial für gegenseitige Unterstützung stecke. Wenn das erlernte Konkurrenzdenken abgelegt werde, könne daraus eine unglaubliche Kraft erwachsen.
Deutschland und die USA im Vergleich
Mingels lebt nach Jahren in den USA mit ihrer Familie wieder in Deutschland. Die Frauen, die sie in San Francisco kennengelernt hat, haderten im Grunde mit denselben hohen Ansprüchen an sich selbst wie die Frauen in Deutschland.
Unterschiedlich sei jedoch der existenzielle Druck durch ein unsicheres Gesundheitssystem und die immensen Bildungskosten gewesen. Hinzu sei die politische Dimension gekommen, viele Amerikanerinnen hätten es als zutiefst belastend empfunden, mit einem Präsidenten konfrontiert zu sein, der Frauen offen missachte und ihre Rechte beschneiden oder abschaffen wolle.
Literarische Einflüsse und Vorbilder
Die Literaturkritik hat Mingels Schreiben mit dem von Elizabeth Strout verglichen. Sie mag deren Bücher sehr gern, weshalb der Vergleich sie sehr gefreut habe.
Beeinflusst sei sie vor allem durch Autorinnen und Autoren wie Alice Munro, Jeffrey Eugenides, Richard Yates und Margaret Atwood. Zum Schreiben gebracht hätten sie vor fast 25 Jahren jedoch die Bücher junger, deutschsprachiger Frauen, die damals plötzlich Konjunktur hatten und ihr nach einem Germanistikstudium voller Bücher von alten und toten Männern die Idee und den Mut gegeben hätten, selbst zu schreiben.

