Polizei und Staatsanwaltschaft Osnabrück haben ein mutmaßlich bandenmäßig organisiertes Netzwerk für sogenannte Stellvertreterprüfungen aufgedeckt. Bei bundesweiten Durchsuchungen in Osnabrück, Melle, Lienen und Hamm wurden zwei Haftbefehle vollstreckt und umfangreiches Beweismaterial sichergestellt. Nach bisherigen Erkenntnissen sollen die Beschuldigten mit den illegalen Diensten mehr als eine Viertelmillion Euro eingenommen haben.
Prüfungen gegen Bezahlung durch Stellvertreter
Die Polizeiinspektion Osnabrück ist gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft Osnabrück gegen eine mutmaßlich bandenmäßig organisierte Gruppierung vorgegangen, die bundesweit sogenannte Stellvertreterprüfungen angeboten haben soll. Interessierte konnten demnach über Messengerdienste Kontakt zu den Beschuldigten aufnehmen und gegen Bezahlung Prüfungen durch eine andere Person ablegen lassen. Im Angebot sollen unter anderem Einbürgerungstests, Sprachzertifikate, Prüfungen für Taxiunternehmer sowie Sachkundeprüfungen nach Paragraf 34a der Gewerbeordnung gewesen sein. Je nach Prüfung sollen die Kunden zwischen mehreren hundert und mehreren tausend Euro gezahlt haben. Insgesamt sollen die Beschuldigten damit Einnahmen von mehr als einer Viertelmillion Euro erzielt haben.
Um die Täuschung zu ermöglichen, sollen ge- oder verfälschte Ausweisdokumente beschafft worden sein, die die Personalien der eigentlichen Prüflinge, aber das Foto des jeweiligen Stellvertreters zeigten. Mit diesen Dokumenten sollen sich die Stellvertreter bei den Prüfungen als die angemeldeten Teilnehmer ausgegeben und deren Identität per Unterschrift oder elektronischer Eingabe bestätigt haben. Die Ermittler gehen deshalb auch von Urkundenfälschung und der Fälschung beweiserheblicher Daten aus.
Razzia in vier Städten
Die Ermittlungen laufen seit März 2026 unter Leitung der Staatsanwaltschaft Osnabrück. Ausgangspunkt war die Auswertung eines Mobiltelefons, das zuvor in einem Verfahren wegen des Verdachts auf Drogenhandel beschlagnahmt worden war. Die Spur führte die Ermittler auf ein Netzwerk mit mindestens neun Beschuldigten im Alter zwischen 26 und 51 Jahren. Nach aktuellem Stand werden mindestens 100 Fälle geprüft, die Taten sollen auch aktuell fortgesetzt worden sein.
Am Mittwoch durchsuchten Einsatzkräfte knapp ein Dutzend Objekte in Osnabrück, Melle, Lienen und Hamm. Dabei wurden zwei Haftbefehle vollstreckt, unter anderem wegen des Verdachts des bandenmäßigen Einschleusens von Ausländern, sowie Vermögensarreste umgesetzt. Sichergestellt wurden mehr als ein Dutzend Mobiltelefone, Computer und Datenträger, diverse Ausweisdokumente, mehrere tausend Euro Bargeld sowie ein Mercedes GLE. Zudem fanden die Ermittler Kokain, XTC, Marihuana und eine Armbrust.
Verdacht gegen IHK-Prüfer
Neben den mutmaßlichen Bandenmitgliedern haben die Ermittler weitere Personen identifiziert, die als Stellvertreter einzelne Prüfungen übernommen haben sollen, ohne Teil der Gruppierung zu sein. Im Zuge der Ermittlungen ist zudem der Verdacht gegen einen nebenamtlichen Prüfer einer Industrie- und Handelskammer entstanden – ihm wird Bestechlichkeit vorgeworfen. Die sichergestellten Beweismittel werden derzeit ausgewertet, auch die Echtheit der gefundenen Ausweisdokumente wird noch geprüft. Die Ermittlungen der Polizeiinspektion Osnabrück unter Leitung der Staatsanwaltschaft dauern an.

