Wiesbaden. Die jährlichen Drückjagden in Hessen stehen erneut im Zentrum öffentlicher Kritik. Die Tierschutzorganisation Wildtierschutz Deutschland e.V. wirft dem hessischen Landwirtschaftsministerium unter Minister Ingmar Jung (CDU) vor, die Realität dieser Jagdform zu verharmlosen. Besonders schwer wiegt der Vorwurf, das Ministerium informiere die Öffentlichkeit bewusst irreführend über die Abläufe und Auswirkungen der Drückjagden auf Wildtiere.
Die Organisation bezeichnet die in sozialen Medien verbreiteten Aussagen des Ministeriums als „nicht korrekt“ und dokumentiert in einer umfangreichen Stellungnahme tierschutzrechtliche und jagdethische Bedenken. Während das Ministerium betont, dass das Wild bei Drückjagden langsam in Bewegung gebracht werde, schildert Wildtierschutz Deutschland ein anderes Bild: Der Einsatz hochläufiger und teils nicht lenkbarer Hunde führe häufig zu Hetzjagden – mit fatalen Folgen für das Wild.
Jagdpraxis in der Kritik
Laut Wildtierschutz Deutschland bestehen bei vielen Jagden erhebliche Zweifel an der Schießsicherheit der Teilnehmenden. Revierlose Jäger und fehlende Leistungsnachweise würden das Risiko von Fehlschüssen erhöhen. In einer internen Auswertung der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz (TVT) wird belegt, dass nur ein Drittel des Schwarzwildes bei Bewegungsjagden in Hessen mit sofort tödlichem Schuss erlegt werde. Bauchschüsse und schwere Verletzungen seien keine Ausnahme, sondern häufiger Bestandteil der Strecke – ein klarer Widerspruch zum Anspruch tierschutzgerechter Jagd.
Drückjagd in der Kritik – wie geht Hessen mit Wildtieren um?
Zusätzliche Brisanz erhält die Debatte durch die geplante Neuregelung der Jagdzeiten. Nach Angaben der Organisation soll in Hessen unter anderem der Schutzstatus für den Baummarder aufgehoben werden, obwohl die Art seit 2023 auf der Roten Liste des Landes steht. Ebenso werden Bedenken geäußert, dass durch die Verlängerung der Jagdzeiten in Aufzuchtphasen massive Störungen für alle Wildtiere entstehen.
Wildtierschutz Deutschland appelliert an die Landesregierung, die Jagdpraxis kritisch zu hinterfragen und stärker auf wissenschaftlich fundierte Grundlagen zu setzen. Für die Tiere bedeuten lang andauernde Jagdperioden und intensive Bewegungsjagden enormen Stress – vor allem im Winter, wenn physiologische Anpassungen eigentlich zur Energieeinsparung führen sollten.

