Die Grafschaft Bentheim ist eine über Jahrhunderte gewachsene Kulturlandschaft, geprägt von Heiden, Wallhecken und artenreichen Wiesen. Wie sich Naturschutz und Landnutzung in dieser Region vereinbaren lassen, weiß kaum jemand besser als Anke Maria Plümers, Geschäftsführerin des Naturschutzvereins Grafschaft Bentheim. Im Interview spricht sie über die Kernaufgaben ihres Vereins, das Verhältnis von Naturschutz und Wirtschaft, die drängendsten Themen der Region und ihre Wünsche für die kommenden zehn Jahre.
Kernaufgabe und persönliche Motivation
Der Naturschutzverein Grafschaft Bentheim ist aus der Region für die Region entstanden. Gegründet wurde er von Flächenbesitzern, Landwirten und Menschen, die ihre Landschaft nicht nur erhalten, sondern aktiv weiterentwickeln möchten. Es ging und geht darum, Naturschutz gemeinsam mit den Menschen vor Ort umzusetzen, nicht über ihre Köpfe hinweg. Ausgangspunkt war die Überzeugung, dass erfolgreicher Naturschutz nur gemeinsam mit den Menschen gelingen kann, die diese Landschaft seit Generationen bewirtschaften und kennen.
Die Grafschaft Bentheim ist keine unberührte Wildnis, sondern eine über Jahrhunderte gewachsene Kulturlandschaft. Heiden, Wallhecken, Hutewälder, Wiesen und viele andere Lebensräume sind eng mit der traditionellen Landnutzung verbunden. Diese Verantwortung möchte der Verein gemeinsam mit den Eigentümern fortführen. Die Kenntnis der Flächen, der Eigentümer, der Landwirte und der Besonderheiten der Region macht die Stärke des Vereins aus. Kernaufgabe ist es, Natur und Landschaft dauerhaft zu erhalten und gleichzeitig Lösungen zu entwickeln, die ökologisch sinnvoll und für die Menschen vor Ort tragfähig sind.
Persönlich motiviert Plümers vor allem, dass Naturschutz dann erfolgreich ist, wenn Menschen miteinander sprechen und gemeinsam Verantwortung übernehmen. Sie möchte Brücken bauen und zeigen, dass Naturschutz keine Verzichtsdebatte sein muss, sondern eine Chance für die Region ist.
Brücken zwischen Naturschutz und Wirtschaft
Naturschutz und Wirtschaft sind aus Sicht von Plümers keine Gegensätze. Beide sind auf funktionierende Lebensgrundlagen angewiesen. Eine gesunde Landschaft ist nicht nur Lebensraum für Tiere und Pflanzen, sondern auch Grundlage für Tourismus, Wasserhaushalt, Landwirtschaft und Lebensqualität.
Die eigentliche Herausforderung besteht darin, unterschiedliche Interessen frühzeitig zusammenzubringen. Wenn Unternehmen, Kommunen, Landwirte und Naturschutz bereits bei der Entwicklung von Projekten gemeinsam an einem Tisch sitzen, entstehen häufig Lösungen, von denen alle profitieren. Viele Tier und Pflanzenarten, die heute geschützt werden sollen, sind an genau diese Kulturlandschaft angepasst.
Gerade in der Grafschaft Bentheim gebe es viele Menschen, die bereit sind, Verantwortung für ihre Flächen zu übernehmen. Dieses Engagement sollte unterstützt und nicht gegeneinander ausgespielt werden. Kooperation sei der Schlüssel für erfolgreichen Naturschutz.
Die drängendsten Themen der Region
Ein zentrales Thema ist der Umgang mit Flächen. In den vergangenen Jahren wurden immer mehr Flächen von öffentlichen Stellen oder Stiftungen aufgekauft. Das führt häufig dazu, dass Eigentümer und Bewirtschafter das Gefühl haben, Gestaltungsmöglichkeiten zu verlieren.
Plümers ist überzeugt, dass Naturschutz nicht nur durch Flächenkauf erreicht wird. Viel wichtiger sei es, die Menschen einzubinden, denen die Flächen bereits gehören. Wenn Eigentümer freiwillig langfristige Naturschutzmaßnahmen umsetzen und dabei fachlich begleitet werden, könnten deutlich größere Erfolge erzielt werden. Daneben beschäftigen den Verein der Rückgang vieler Tier und Pflanzenarten, die Vernetzung von Lebensräumen sowie der Waldumbau angesichts des Klimawandels. Diese Aufgaben ließen sich aber nur gemeinsam mit den Menschen vor Ort lösen.
Menschen für Naturschutz begeistern
Der Verein setzt darauf, Naturschutz verständlich zu machen und zu zeigen, dass jeder etwas beitragen kann. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Umweltbildung. Kinder erleben heute häufig gar nicht mehr, wie Landwirtschaft, Wälder oder heimische Tierarten wirklich funktionieren. Deshalb setzt der Verein bewusst auf praktische Erlebnisse statt auf theoretische Vorträge.
Gleichzeitig werden viele unterschiedliche Themen behandelt, von heimischen Wildtieren über Pflanzen bis hin zu Landschaftspflege oder nachhaltiger Landwirtschaft. Über Social Media Kanäle, Veranstaltungen und Mitmachaktionen soll gezeigt werden, dass Naturschutz nicht kompliziert sein muss. Gleichzeitig wird erklärt, warum die Landschaft so aussieht, wie sie aussieht. Viele Menschen wissen gar nicht mehr, dass Heiden, Wallhecken oder artenreiche Wiesen Teil einer gewachsenen Kulturlandschaft sind. Wer diese Zusammenhänge versteht, entwickle meist auch mehr Verständnis für Naturschutz.
Wer einmal selbst einen Baum gepflanzt, ein Insektenhotel gebaut oder ein Rebhuhn in freier Natur gesehen hat, entwickle oft einen ganz anderen Bezug zur Natur.
Ehrenamtliche Strukturen lebendig halten
Ehrenamt lebt von Wertschätzung. Menschen engagieren sich freiwillig, weil sie etwas bewegen möchten, nicht, weil sie dafür bezahlt werden. Deshalb ist es dem Verein wichtig, Danke zu sagen und das Engagement sichtbar zu machen. Das können kleine Aufmerksamkeiten sein, gemeinsame Veranstaltungen oder einfach ehrliche Anerkennung für die geleistete Arbeit.
Gleichzeitig wird versucht, Ehrenamtliche nicht mit Bürokratie zu belasten, sondern ihnen Aufgaben zu geben, bei denen sie ihre Stärken einbringen können. Wenn Menschen merken, dass ihr Einsatz wirklich etwas bewirkt, bleiben sie dem Verein oft über viele Jahre verbunden.
Ein besonders bewegendes Projekterlebnis
Besonders bewegt hat Plümers zuletzt das Projekt Grafschafter Pflanzlinge. Gemeinsam mit Schulkindern wurden Obstbäume gepflanzt, ein Bauernhof besucht und mit Unterstützung der örtlichen Jägerschaft die heimische Tierwelt kennengelernt.
Dabei sei aufgefallen, wie wenig viele Kinder heute noch über ihre eigene Heimat wissen, obwohl sie auf dem Land aufwachsen. Manche hatten noch nie bewusst einen Obstbaum gesehen, wussten nicht, wie Getreide wächst, wo Lebensmittel eigentlich herkommen oder welche Wildtiere direkt vor ihrer Haustür leben.
Das habe nachdenklich gemacht, gleichzeitig aber gezeigt, wie wichtig Umweltbildung ist. Kinder seien unglaublich neugierig. Wenn Landwirte, Jäger und Naturschützer gemeinsam ihr Wissen weitergeben und Kinder Natur selbst erleben dürfen, entstehe Begeisterung ganz von allein. Denn nur was man kennt und versteht, ist man später auch bereit zu schützen.
Wünsche für die kommenden Jahre
Plümers wünscht sich, dass in zehn Jahren wieder stärker miteinander statt übereinander gesprochen wird. Weniger ideologische Debatten und mehr gemeinsame Lösungen. Die Grafschaft Bentheim ist eine über Jahrhunderte gewachsene Kulturlandschaft. Wer sie erhalten möchte, muss diejenigen einbeziehen, die sie täglich bewirtschaften und Verantwortung für sie tragen. Eigentum bedeute dabei nicht nur ein Recht, sondern auch eine Verpflichtung gegenüber kommenden Generationen.
Der Wunsch gilt artenreichen Wäldern, gesunden Gewässern, blühenden Feldrändern und einer Landwirtschaft, die wirtschaftlich erfolgreich und gleichzeitig ökologisch nachhaltig arbeiten kann. Wenn Naturschutz als gemeinschaftliche Aufgabe verstanden wird und nicht als Gegeneinander verschiedener Interessen, habe die Region hervorragende Zukunftsperspektiven.

