Über 10,1 Millionen Rentnerinnen und Rentner sind in Deutschland von Altersarmut betroffen, Menschen, die ihr ganzes Leben gearbeitet haben und im Alter trotzdem nicht wissen, wie sie die nächste Nebenkostenabrechnung oder eine neue Brille bezahlen sollen. Eine von ihnen wollte das nicht länger nur beobachten: Lydia Staltner gründete 2003 in München den Verein Lichtblick Seniorenhilfe e.V., den ersten seiner Art in Deutschland. Aus anfänglich 70 unterstützten Senioren sind mittlerweile mehr als 31.000 Betroffene deutschlandweit geworden. Im Interview erzählt Lydia Staltner, wie der Verein entstanden ist, wie sich Altersarmut im Alltag konkret zeigt, welche Hilfe der Verein leistet und was sie sich von Politik und Gesellschaft wünscht.
Der Verein: Lichtblick Seniorenhilfe e.V.
Lichtblick Seniorenhilfe e.V. wurde 2003 von Lydia Staltner in München gegründet und war der erste Verein in Deutschland, der sich gezielt gegen Altersarmut engagierte. Der Verein unterstützt bedürftige Rentnerinnen und Rentner deutschlandweit mit finanziellen Soforthilfen, Lebensmittelgutscheinen, monatlichen Patenschaften und sozialen Veranstaltungen gegen Einsamkeit. Zwischen 2020 und 2024 hat sich die Zahl der unterstützten Senioren von 16.000 auf mehr als 31.000 nahezu verdoppelt. Finanziert wird die Arbeit ausschließlich über Spenden.
Das Interview
Wie ist Lichtblick Seniorenhilfe e.V. entstanden, und was war der konkrete Auslöser, sich gezielt gegen Altersarmut zu engagieren?
Lydia Staltner: „Ich habe vor über 20 Jahren auf der Straße jeden Tag eine alte Frau gesehen, die immer die gleiche Jacke trug, im Sommer wie im Winter. Irgendwann kam mir: Sie hat nichts anderes zum Anziehen. Ich dachte, da muss ich helfen. 2003 habe ich den Verein gegen Altersarmut in München gegründet, der erste seiner Art. Mit 70 Senioren fing damals alles an.“
Über 10,1 Millionen Rentnerinnen und Rentner sind in Deutschland von Altersarmut betroffen. Welche Formen nimmt diese Armut in der Praxis konkret an?
Lydia Staltner: „Die Senioren haben jahrzehntelang gearbeitet, trotzdem reicht ihre Rente nicht für das Nötigste. Ab dem 10. des Monats rufen sie an, weil sie kein Geld mehr für Lebensmittel haben. Sie wissen nicht, wovon sie die neue Brille bezahlen sollen, deren Kosten die Kasse nicht übernimmt. Die Rente reicht auch nicht, wenn eine Energienachzahlung ins Haus flattert. In solchen Momenten sind wir für die Senioren da und unterstützen sie finanziell.“
Können Sie ein Beispiel aus Ihrer Arbeit schildern, das zeigt, wie Altersarmut den Alltag eines Menschen ganz konkret verändert?
Lydia Staltner: „Wir kennen Senioren, die aus Geldnot auf ein warmes Mittagessen verzichten, Teebeutel zweimal verwenden und sich die Haare selbst schneiden. Viele Rentner sind zudem ständig in Sorge, falls eine unvorhergesehene Anschaffung ansteht, beispielsweise wenn der Kühlschrank kaputt geht. Dann benötigen sie heute Hilfe, nicht in vier Wochen. Lichtblick Seniorenhilfe hilft schnell und unbürokratisch.“
Ihr Hilfsprogramm ist sehr vielfältig. Welche Arten von Unterstützung bieten Sie Betroffenen im Alltag konkret an?
Lydia Staltner: „Wir unterstützen bedürftige Rentner mit finanziellen Soforthilfen für dringend benötigte Dinge wie eine neue Brille, Medikamente oder für die Nebenkostenrechnung. Die Senioren erhalten Lebensmittelgutscheine von einem Einkaufsladen oder Discounter in ihrer Nähe, damit sie selbstbestimmt im Supermarkt einkaufen gehen können. Zudem bekommen die Rentner monatliche Patenschaften von 35 Euro zur freien Verwendung, zum Beispiel für ein Stück Kuchen im Café. Im Rahmen unseres Tier-Projekts ‚Tierisch wichtig‘ erhalten Senioren finanzielle Unterstützung für ihren Vierbeiner, für Tierarztkosten und Futter. Da die Geldnot die Rentner zudem vom gesellschaftlichen Leben isoliert, bieten wir auch viele soziale Veranstaltungen gegen Einsamkeit.“
Wie viele Menschen erreichen Sie mittlerweile mit Ihrer Arbeit, und wie hat sich diese Zahl in den letzten Jahren entwickelt?
Lydia Staltner: „Lichtblick Seniorenhilfe unterstützt deutschlandweit mehr als 31.000 bedürftige Rentner. Die Zahl hat sich zwischen 2020 und 2024 von 16.000 auf mehr als 31.000 nahezu verdoppelt. Dabei steht uns die große Welle der Babyboomer noch bevor.“
Wie finanziert sich Lichtblick Seniorenhilfe e.V., und wie wichtig sind dabei Spenden aus der Bevölkerung?
Lydia Staltner: „Wir finanzieren alle unsere Projekte rein aus Spenden, daher sind diese für unsere Arbeit natürlich immens wichtig. Bisher mussten wir noch keinen hilfesuchenden Senior abweisen, aber wir wissen nicht, was die Zukunft bringt.“
Was macht die Arbeit für Sie und Ihr Team besonders bewegend, und was besonders belastend?
Lydia Staltner: „Wir erleben jeden Tag emotionale Situationen mit den Senioren. Viele sind so dankbar, dass sogar Tränen fließen. Auch die Lebensgeschichten der Menschen sind oft sehr bewegend, viele haben schwere Schicksalsschläge erlebt. Solche Begegnungen sind natürlich emotional, aber sie zeigen uns auch immer, wie wertvoll unsere Arbeit ist. Belastend ist eher, wenn wir mit unserer Hilfe an Grenzen stoßen, zum Beispiel, weil dringend benötigter bezahlbarer Wohnraum fehlt.“

Wie können Privatpersonen konkret helfen, durch Spenden, Zeit oder auf andere Weise?
Lydia Staltner: „Die Hilfe ist ganz vielfältig möglich: einerseits natürlich durch Spenden, hier zählt jeder Euro. Es gibt viele Menschen, die eine Patenschaft übernommen haben und jeden Monat 35 Euro spenden. Es gibt auch Spender, die den Senioren Zeit schenken. Wir freuen uns auch immer sehr, wenn sich Unternehmen für Lichtblick einsetzen, etwa mit Weihnachtsaktionen oder indem sie Senioren zum Mittagessen einladen.“
Was wünschen Sie sich von Politik und Gesellschaft, um Altersarmut künftig wirksamer zu begegnen?
Lydia Staltner: „Wir wünschen uns eine Gesellschaft, die hinschaut und nicht wegschaut. Eine Politik, die auch die Gegenwart im Blick hat. Wer eine kleine Rente hat, muss endlich spürbar entlastet werden. Ganz konkret fordere ich zum Beispiel eine Netto-Mindestrente von 1500 Euro nach 40 Jahren Lebensleistung. Das ist kein Luxus, sondern ein Mindestmaß an Respekt: Wer jahrzehntelang gearbeitet, Kinder erzogen oder gepflegt hat, darf im Alter nicht arm sein.“
Was wünschen Sie sich für die Zukunft von Lichtblick Seniorenhilfe e.V.?
Lydia Staltner: „Ich wünsche mir, dass wir auch künftig den vielen Senioren in Not helfen können. Dafür sind wir auf die Unterstützung von Spendern angewiesen, jede Spende macht einen spürbaren Unterschied. Gleichzeitig hoffe ich, dass Altersarmut noch stärker in den Fokus rückt und betroffene Menschen die Unterstützung erhalten, die sie verdienen.“
So können Sie helfen
Lichtblick Seniorenhilfe e.V. finanziert sich ausschließlich aus Spenden. Wer helfen möchte, kann dies auf mehreren Wegen tun:
- Direkte Spende: Stadtsparkasse München, IBAN DE20 7015 0000 0000 3005 09, BIC SSKMDEMM, oder Sparda-Bank, IBAN DE30 7009 0500 0004 9010 10, BIC GENODEF1S04.
- Patenschaft: monatlich 35 Euro zur freien Verwendung für eine Seniorin oder einen Senior, zum Beispiel für ein Stück Kuchen im Café.
- Zeit statt Geld: persönliche Zeit und Zuwendung gegen Einsamkeit.
- Unternehmensengagement: gemeinsame Aktionen wie Weihnachtsaktionen oder Einladungen zum Mittagessen für Seniorinnen und Senioren.
Weitere Informationen und aktuelle Kontaktmöglichkeiten finden sich unter www.seniorenhilfe-lichtblick.de.
Über die Gründerin
Lydia Staltner gründete Lichtblick Seniorenhilfe e.V. im Jahr 2003 in München als ersten deutschen Verein, der sich gezielt gegen Altersarmut engagiert. Unter ihrer Leitung ist der Verein von anfänglich 70 unterstützten Senioren auf mittlerweile mehr als 31.000 Betroffene deutschlandweit gewachsen.

