Ende 2025 gehörten noch 43,8 Prozent der Menschen in Deutschland einer der beiden großen Kirchen an – rund 36,6 Millionen. Allein in diesem einen Jahr traten 657.000 Menschen aus, und die Mitgliederzahl sank um 1,13 Millionen. Was daraus für Beerdigungen folgt, merken Familien meist erst, wenn jemand gestorben ist: Der Pfarrer, der die Familie kennt und die Trauerfeier selbstverständlich übernimmt, ist keine Selbstverständlichkeit mehr.
In diese Lücke stoßen freie Trauerrednerinnen und Trauerredner. In Nordhorn arbeitet Christin Kamps in diesem Beruf, in Münster bereitet sich Sylvia Iris Kipper-Nowotsch darauf vor. Ausgebildet wurden beide bei Kathy Christina Pithan, die in Marburg das Institut WERTGESCHÄTZT betreibt.
Drei Entwicklungen treffen aufeinander
Pithan nennt für den wachsenden Bedarf drei Gründe, die sich gegenseitig verstärken. Der erste ist demografisch: In den kommenden Jahrzehnten kommen immer mehr Menschen in die Lebensphase, in der der Tod zum Alltag gehört. Der zweite sind die Kirchenaustritte. Der dritte ist der Pfarrermangel – viele Stellen sind unbesetzt, Sparmaßnahmen vergrößern die Zuständigkeitsbereiche. „So löst sich das vertraute Gefüge von ‚ein Pfarrer kennt seine Schäfchen‘ weiter auf“, sagt sie.
Dazu kommt eine Verschiebung, die nicht von Zahlen abhängt: Auch Kirchenmitglieder wünschen sich heute häufiger eine individuelle Feier, weil sie besser zu ihrem Leben passt.
Von der Pastorin zur freien Rednerin
Pithan kam über ihre eigene Geschichte zu dem Beruf. Während des Theologiestudiums zerbrach ihre junge Ehe. „Ich war voller Ideale, wie mein Leben auszusehen hat, und nun stand ich vor einem großen Scherbenhaufen.“ Sie nahm Trauerbegleitung bei einem Mentor-Pastor in Anspruch, der auch musiktherapeutisch arbeitete.
Aus dieser Erfahrung zog sie einen Schluss, der ihre Arbeit bis heute trägt: dass Trauer kein Zustand ist, den man möglichst schnell hinter sich bringt. „Für mich war die Trauer wie eine Tür in ein neues Leben“, sagt sie. Seit 2004 gestaltet sie Trauerfeiern; zuvor arbeitete sie als Pastorin, ließ sich dann beurlauben, um für alle Menschen sprechen zu können. Rund zehn Jahre bot sie zusätzlich tiergestützte Trauerbegleitung an und absolvierte eine Weiterbildung in Transaktionsanalyse.
Seit 2022 bildet sie andere aus. Den Anstoß gab eine Frage von außen: Was eigentlich mit ihrem Fachwissen passiere, wenn sie in Rente gehe oder sterbe.
Was eine Trauerrede leisten soll
Eine gute Rede, sagt Pithan, lasse bei den Gästen die eigenen Erinnerungen aufleben. Sie erwecke gerade nicht den Eindruck eines abgeschlossenen Bildes, das mal zutreffe und mal danebenliege, sondern lade die Zuhörenden ein, innerlich eigene Geschichten hinzuzufügen. Sie enthalte möglichst viele Facetten eines Lebens – laute und leise Töne, fröhliche und stille Momente.
Und sie stelle die Rednerin nicht in den Mittelpunkt. „Die Aufmerksamkeit liegt ganz bei dem Menschen, der verabschiedet und gewürdigt wird.“ Entscheidend sei die innere Haltung: Wie blicke ich auf diesen Menschen? Wie denke ich über Trauer, wie über das Leben?
Der Unterschied liegt im Gespräch davor
Worin sich eine individuelle Feier von einem standardisierten Ritual unterscheidet, beginnt nach Pithans Darstellung lange vor dem Termin. Die Trauerfeier werde nicht von vorgegebenen Texten dominiert; die Worte entstünden im Gespräch mit den Angehörigen, und die Texte würden gemeinsam bearbeitet.
Das habe einen praktischen Effekt: Die Trauernden bestimmen mit und können sich innerlich auf die Zeremonie vorbereiten. „Das stärkt die Erfahrung von Selbstwirksamkeit, und das ist Balsam in der Trauer.“
Zugleich verlangt es Zurückhaltung. Ein bisschen O-Ton, ein paar Ecken und Kanten bringen die Gäste zum Schmunzeln – aber die Rednerin müsse spüren, was Schutz braucht. Sonst entstehe Scham, wenn sich jemand vor den Nachbarn oder der Dorfgemeinschaft entblößt fühlt. In ländlich geprägten Regionen wie dem Emsland und der Grafschaft Bentheim ist das keine Nebensache.
Zwischen Kirchenlied und Lebensfeier
In vielen Familien sitzen beide Haltungen nebeneinander: Menschen, denen die christliche Tradition vertraut und lieb ist, und Menschen, die sich davon längst gelöst haben. Der christliche Glaube finde in diesen Trauerfeiern durchaus seinen Platz, sagt Pithan – es gehe darum, beide Seiten zu würdigen und herauszufinden, wie sich alle abgeholt fühlen.
Praktisch heißt das, mit der Familie zu klären, welche Traditionen bleiben sollen und wo etwas anders gemacht wird. Manchmal wird daraus eine Lebensfeier, manchmal wirkt es traditioneller. Beide Kolleginnen aus der Region hätten außerdem einen Zugang zu Musik und wüssten deren Wirkung einzusetzen.


Wer für die Arbeit taugt – und wer nicht
Zu Pithan kämen Menschen, die sich nach einer sinnstiftenden Aufgabe sehnten, die durch eigene Verluste erfahren hätten, was eine gute Trauerfeier ausmacht, und die einen gesunden Respekt davor hätten, fremde Menschen mit den passenden Worten zu begleiten.
Hilfreich seien eine verständliche Stimme und Freude am Lesen und Schreiben – die Texte schreiben die Rednerinnen selbst. Ebenso eine positive Einstellung zum Leben.
Wer dagegen beim Thema Tod zurückschrecke, sei ungeeignet; das zeige sich meist schon im Bewerbungsgespräch. In der Ausbildung selbst wird das Sprechen über eigene Trauer geübt, mit gegenseitigem Feedback dazu, ob das Gegenüber hilfreich zugehört hat. So lernen die Teilnehmerinnen, wie es sich anfühlt, sich einer fremden Person zu öffnen – die Situation, in der ihre späteren Auftraggeber sein werden.
Von Schnellverfahren hält Pithan nichts: „Es ist absurd, das in einem Wochenendkurs lernen zu wollen.“ Ihre Weiterbildung läuft über mehrere Monate und endet mit einem Zertifikat der IHK Kassel-Marburg.
„Finger weg von KI“
Ihr deutlichster Satz gilt einer Versuchung, die in einem Schreibberuf naheliegt: Trauerreden von einer Künstlichen Intelligenz formulieren zu lassen. „Finger weg von KI an dieser Stelle“, sagt Pithan. „Denn Trauernde haben ganz feine Antennen für das, was echt ist, und sie verdienen authentische, menschliche Begleitung.“
Ein Netzwerk mit gemeinsamen Regeln
Die bei ihr ausgebildeten Rednerinnen und Redner arbeiten bundesweit selbstständig, sind aber über das WERTGESCHÄTZT-Netzwerk verbunden. Was sie eint, beschreibt Pithan als Anliegen, Trauerkultur zu beleben: Trauer solle als Teil des Lebens gewürdigt werden, nicht als Störung. „Es gibt Menschen, die gehören zu uns, die haben einen Platz in unserer eigenen Geschichte, auch wenn sie nicht mehr bei uns sind.“
Christin Kamps kam über ein Studium in Marketing und Kommunikation zu dem Beruf. Sie ist zusätzlich systemische Trauerbegleiterin und arbeitet in Nordhorn, der Grafschaft Bentheim, dem Emsland und dem Münsterland.
Zur Einordnung: Die Ausbildung zur Trauerrednerin ist ein kostenpflichtiges Angebot des Marburger Instituts; die Berufsbezeichnung ist in Deutschland nicht geschützt. Wer eine Trauerfeier plant, sollte nach Ausbildung, Zertifikat und Referenzen fragen. Freie Trauerreden ersetzen keine Trauerbegleitung – für längerfristige Unterstützung gibt es Hospizvereine und Trauergruppen vor Ort.

