Migräne ist für Betroffene oft weit mehr als „nur Kopfschmerz“. Zum bundesweiten Tag des Kopfschmerzes am 5. September macht die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) auf eine Versorgungslücke aufmerksam: Die Erkrankung werde häufig zu spät erkannt oder nicht passend behandelt, obwohl die Möglichkeiten der modernen Migränetherapie nie besser gewesen seien als heute.
Millionen Betroffene, oft späte Diagnose
Mit rund acht bis zehn Millionen Betroffenen zählt Migräne laut DGS zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen in Deutschland und gehört weltweit zu den führenden Ursachen für krankheitsbedingte Einschränkungen im erwerbsfähigen Alter. Trotz moderner Therapiemöglichkeiten würden viele Betroffene zu spät diagnostiziert oder nicht konsequent nach aktuellem Stand behandelt.
„Migräne ist keine Schwäche, sondern eine neurologische Besonderheit. Viele Menschen mit Migräne verfügen über außergewöhnliche Fähigkeiten und Ressourcen“, sagt Dr. Michael Überall, DGS-Vizepräsident und Experte für Migräneprophylaxe aus Nürnberg, der selbst mit Migräne lebt. „Wichtig ist es, dass Migräne frühzeitig erkannt und passgenau behandelt wird. Wir haben heute wirksame Optionen für Akuttherapie und Prophylaxe, von Triptanen über CGRP-Antikörper bis zu nichtmedikamentösen Ansätzen. Wer frühzeitig behandelt wird, hat eine realistische Chance, Attackenfrequenz und Leidensdruck deutlich zu reduzieren und einer Chronifizierung vorzubeugen.“
Neue Anlaufstelle: der Migräne-Lotse in Berlin
Mit der Initiative „Berlin migränefrei 2027“ wollen die Schmerzmediziner Dr. Jan Peter Jansen, Leiter des DGS-Landeszentrums Berlin/Brandenburg, und seine Tochter Dr. Wiebke Jansen Betroffenen helfen, ihre Migräne zu verstehen und wirksam zu behandeln. Am 1. Oktober startet in Berlin der „Migräne-Lotse“, eine niedrigschwellige Anlaufstelle für Menschen mit Verdacht auf Migräne oder gesicherter Diagnose, die Orientierung und Zugang zu einer leitliniengerechten ambulanten Versorgung bieten soll. „Die Folgen einer unzureichenden Versorgung sind vermeidbare Schmerzen, Einschränkungen der Lebensqualität sowie erhebliche gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Belastungen“, sagt Dr. Wiebke Jansen.
Frühe Diagnose als Schlüssel
Prof. Dr. Hartmut Göbel, Leiter des DGS-Exzellenzzentrums Kiel und Experte für Kopfschmerz- und Migränemedizin, ordnet die Erkrankung medizinisch ein: „Migräne entsteht aus einer neurobiologischen Disposition heraus, die durch genetische und Umweltfaktoren geprägt ist. Wenn Attacken zu häufig werden oder nicht adäquat behandelt werden, kann sich ein chronischer Schmerz entwickeln. Eine gute Behandlung bedeutet heute, frühzeitig zu diagnostizieren, leitliniengerecht zu therapieren und digitale sowie verhaltensbasierte Angebote sinnvoll zu kombinieren.“ Gemeinsam mit der Techniker Krankenkasse hat Göbel eine Migräne-App entwickelt, die dabei hilft, Attacken, Trigger und Therapieerfolge im Überblick zu behalten.
DGS im Überblick
Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin zählt nach eigenen Angaben 4.035 Mitglieder, 16 Landes- und 125 Schmerzzentren und ist damit die größte deutsche Fachgesellschaft zur Versorgung von Menschen mit chronischen Schmerzen. Den aktuellen Stand der Migräneversorgung diskutiert die DGS unter anderem auf ihrem Innovationsforum am 20. und 21. November 2026 in Kassel sowie auf den Schmerz- und Palliativtagen vom 11. bis 13. März 2027 in Frankfurt am Main.

