Eine gefeierte Krimiautorin verschwindet spurlos – und ausgerechnet ein Ermittler, der seine freie Zeit selbst mit Kriminalromanen verbringt, soll sie finden. Mit dieser Ausgangslage setzt Ragnar Jónasson seine Reihe um Kommissar Helgi Reykdal fort. „Stille“ erscheint am Mittwoch, 23. September 2026, im btb Verlag und ist der zweite von drei geplanten Bänden.
Eine Vergangenheit, seltsamer als ihre Romane
Im Mittelpunkt steht Elín S. Jónsdóttir, 70 Jahre alt und eine der bekanntesten Krimiautorinnen Islands. Eines Tages ist sie fort. Helgi Reykdal soll den Fall klären, bevor die Presse davon erfährt – und je mehr Menschen aus ihrem Umfeld er befragt, desto weniger passt das öffentliche Bild der erfolgreichen Schriftstellerin zu dem, was er über ihr Leben herausfindet. Der Verlag fasst es so: Ihre Vergangenheit ist seltsamer als alles, was sie je erfunden hat.
Das Motiv ist für einen Kriminalroman besonders reizvoll. Eine Frau, die beruflich von erdachten Verbrechen lebt, wird selbst zum Mittelpunkt eines echten Falls. Helgi muss nicht nur herausfinden, was geschehen ist, sondern auch, welche Rolle ihre Bücher dabei spielen.

Vier Zeitebenen und ein Ermittler mit Christie-Tick
Jónasson erzählt nicht geradeaus. Die Handlung greift auf mehrere Jahrzehnte zurück – unter anderem auf 1965, 1976, 2005 und 2012 –, und zwischen Helgis Ermittlungen stehen Auszüge aus Gesprächen, die den Fall Stück für Stück verschieben. Parallel setzt dem Kommissar sein Privatleben zu: Seine Ex-Partnerin Bergþóra macht ihm die Arbeit schwer.
Ablenkung sucht Helgi bei Agatha Christie. Das ist mehr als eine Marotte, denn Christie steht für den logisch konstruierten Fall, in dem jedes Detail zählt. Der Ermittler liest also Krimis, während er selbst in einem Fall steckt, der wie ein Krimi gebaut ist – ein Spiel mit dem Genre, das Jónasson sichtlich Spaß macht.
Was die internationale Kritik sagt
Deutschsprachige Besprechungen gibt es vor dem Erscheinungstermin noch nicht. Auf Englisch liegt der Roman dagegen seit September 2025 als „The Mysterious Case of the Missing Crime Writer“ vor, und dort fällt das Echo überwiegend freundlich aus. Das Branchenmagazin Shelf Awareness lobt die klug gesetzten Hinweise und die Anspielungen auf die Detektivliteratur der 1930er- und 1940er-Jahre. Rezensenten heben hervor, dass der Roman von Atmosphäre lebt statt von Tempo, und dass die Auflösung mit einigen Wendungen aufwartet.
Die Einschränkungen sind ebenfalls deutlich. Bei rund 4.500 Bewertungen auf der Leseplattform Goodreads steht der Roman bei etwa 3,6 von 5 Sternen – solide, aber kein Spitzenwert. Mehrere Leser kritisieren das abrupte Ende: Der Band schließt mit einem offenen Handlungsstrang, der erst im dritten Teil aufgelöst werden dürfte. Wer rasante Thriller sucht, ist hier ohnehin falsch. „Stille“ ist ein ruhiger, psychologisch grundierter Fall.
Erst „Frost“, dann „Stille“
Der Roman funktioniert für sich, doch Helgis Vorgeschichte lässt sich leichter nachvollziehen, wenn man mit Band eins beginnt. Der ist auf Deutsch unter dem Titel „Frost“ erschienen. Wer die Reihe in der richtigen Reihenfolge liest, versteht auch, warum der Ermittler an manchen Stellen so gereizt reagiert.
„Stille“ wurde von Anika Wolff aus dem Isländischen übersetzt; das Original trägt den Titel „Hvítalogn“ und erschien bei Bjartur Veröld. Die deutsche Ausgabe hat 320 Seiten und kostet 17 Euro, das E-Book 14,99 Euro.
Ragnar Jónasson in Kürze
- Geboren: 1976 in Reykjavík.
- Beruf: Schriftsteller und Jurist; er unterrichtet Urheberrecht an der Universität Reykjavík und arbeitete als Investmentbanker sowie für Fernsehen und Radio.
- Bekannt für: die „Dark Iceland“-Reihe um Ari Þór Arason und die „Hulda“-Serie.
- Reichweite: Seine Bücher erscheinen in 36 Ländern, mehr als fünf Millionen Exemplare wurden verkauft.
- Besonderheit: Mit 17 Jahren begann er, Romane von Agatha Christie ins Isländische zu übersetzen – am Ende waren es mehr als ein Dutzend.
- Engagement: Mitbegründer des Krimifestivals „Iceland Noir“ in Reykjavík; er lebt mit seiner Familie in der isländischen Hauptstadt.
Ragnar Jónasson: „Stille“. Aus dem Isländischen von Anika Wolff. btb Verlag, Paperback, 320 Seiten, 17 Euro, ISBN 978-3-442-75932-3. Erscheint am 23. September 2026.

