Diözesanmuseum Osnabrück und Domschatzkammer erzählen zwölf Jahrhunderte Geschichte auf engstem Raum und beantworten dabei jeden Tag neu die Frage, wie sich Bewahrung und lebendige Vermittlung verbinden lassen, ohne dass die Originale zur bloßen Kulisse werden. Hermann Queckenstedt, der das Haus vor einem Vierteljahrhundert konzeptionell neu aufgestellt hat, erklärt im Interview, was Taubenfibel, Domschatzkammer und eine aktuelle Sonderausstellung über Osnabrück erzählen.
Diözesanmuseum Osnabrück: von der Taubenfibel bis zum Domklosterfundament
Wer verstehen will, was die Sammlung über Osnabrück erzählt, landet bei Queckenstedt schnell an den Anfängen der Stadt selbst. Das Haus führt die Besucher in der Geschichte zurück bis zu den Ursprüngen Osnabrücks. Die erst in den 1990er Jahren von Archäologen entdeckte Taubenfibel wurde von einer Frau getragen, die der Gründergeneration der ersten klösterlichen Siedlung an der Hase entstammte. Ihre Generation hat durch ihre Siedlungs- und Missionsinitiativen den Grundstein für das Leben in Osnabrück und seinem Umland gelegt, an das die Stadt bis heute anknüpft, ganz unabhängig davon, welchen Bezug man aktuell noch zum christlichen Glauben und seiner Tradition hat.
Beerdigt hatte man die Frau nördlich der ersten, bereits vor 800 als imposanter Steinbau errichteten Missionskirche. Als dieses erste Gotteshaus in den 830er Jahren durch einen mehrschiffigen Kathedralbau ersetzt wurde, reichten dessen Fundamente bis an das „Taubenfibel-Grab“ heran. Die Nordmauer des zweiten Ausstellungsraums ist sogar das älteste aufgehende Mauerwerk der Region: Datiert in die Zeit um das Jahr 810, gehörte es zum Gemäuer des Domklosters, in dem der Missionar und Benediktinermönch Wiho und seine Helfer ihr gemeinsames Leben führten.
Armreliquiare, Benno-Kasel und ein Canossagang: was die Domschatzkammer erzählt
Zu den besonderen Stücken gehören jahrhundertealte Originale wie die Taubenfibel, das Kapitelskreuz oder das Gewand Bischof Bennos II. Vor allem in der Osnabrücker Domschatzkammer können Besucher Stücke betrachten, die Queckenstedt ohne Übertreibung zum höchstrangigen europäischen Kulturerbe zählt. Dazu gehören etwa die beiden Armreliquiare der Gründungsheiligen Crispin und Crispinian aus dem frühen 12. Jahrhundert, die den Menschen ihrer Zeit die Wertschätzung dieser Heiligen plakativ vor Augen führen sollten. Ein älteres Paar von Armreliquiaren ist im Übrigen nicht bekannt.
Die sogenannte Benno-Kasel, ein Priestergewand des 11. Jahrhunderts aus erlesenster Seide byzantinischer Herkunft, versinnbildlicht mit dem großen Investiturstreit zwischen Papst Gregor VII. und Kaiser Heinrich IV. europäische Geschichte, die schließlich in den sprichwörtlich gewordenen Canossagang des Kaisers mündete. Der Osnabrücker Bischof Benno II. war damals dabei, nachdem er lange ein wichtiger Ratgeber und Baumeister des Salierkaisers gewesen war und nun in einen Gewissenskonflikt zwischen Treue zum Kaiser und Treue zum Papst geriet.
„Von 1088 bis 1888 trug der zelebrierende Mönch oder Priester alljährlich am 27. Juli, dem Todestag Bischof Bennos II., dieses herausragende Gewand zur Erinnerung und vor allem zur Vergegenwärtigung des Verstorbenen.“
Der Göttinger Historiker Otto Gerhard Oexle prägte für solche Traditionen das Bild von der „Gegenwart der Toten“, die so über Generationen und Jahrhunderte in ehrender Erinnerung und der Hoffnung auf ein fürbittendes Gebet greifbar blieben. Bischof Franz-Josef Bode hat sich 2007 beim Gedenkgottesdienst für seinen 50 Jahre zuvor verstorbenen, aus Freren stammenden Vorgänger Franziskus Demann an diesem Vorbild orientiert und die Messe im Weihegewand des Verstorbenen zelebriert. Die emotionale Predigt und die erinnernde Symbolik von Gewand und Bischofsstab haben besonders die Familienangehörigen Demanns so stark bewegt, dass sie dem Museum daraufhin Erinnerungsstücke wie seinen Bischofshut und seinen bischöflichen Kerzenleuchter überließen.
Abgedunkelte Vitrinen und kontrollierte Luftfeuchtigkeit: wie die Schätze bewahrt werden
Damit die Stücke die nächsten Jahrhunderte überstehen, braucht es strenge konservatorische Rahmenbedingungen. Im Museum sind Räume beziehungsweise Vitrinen mit Textilien besonders abgedunkelt, weil die Farben bei zu viel Licht verblassen würden. Bei anderen Objekten muss die Luftfeuchtigkeit streng kontrolliert und konstant gehalten werden. Dazu braucht es eine fundierte Ausbildung und gute Kontakte zu Fachrestauratorinnen und -restauratoren für Goldschmiedearbeiten, Textilien, Gemälde oder Skulpturen, die die Sammlung teils seit Jahrzehnten betreuen und Veränderungen an den Stücken regelmäßig überprüfen.
Karl der Große, Archäologie und ein Schliemann-Symptom: neue Wege der Vermittlung
Museen stehen heute vor der Aufgabe, auch Menschen zu erreichen, die zunächst wenig Bezug zu Kirchengeschichte oder sakraler Kunst haben. Als Queckenstedt vor einem Vierteljahrhundert das neue Grundkonzept für das Diözesanmuseum Osnabrück ersann, verabschiedete er sich von der Gliederung nach Kunstgattungen und setzte ganz auf eine Chronologie von den Anfängen bis in die Gegenwart. Im ersten Raum bricht das Museum dieses Konzept jedoch bewusst auf und thematisiert die in Osnabrück besonders intensive Erinnerung an Karl den Großen sowie das Thema Archäologie.
Als Geschäftsführer der Archäologischen Ausgrabungen zur Varusschlacht in Kalkriese wurde Queckenstedt zwischen 1994 und 2000 nahezu täglich mit der Faszination konfrontiert, die von archäologischer Arbeit ausgeht.
„Ich würde fast ein Schliemann- oder Troja-Symptom diagnostizieren.“
Weil die Restaurierung des Doms zwischen 1999 und 2003 auch archäologische Ergebnisse ans Licht brachte, hat das Museum sogar ein simuliertes Bischofsgrab aus dem frühen 12. Jahrhundert im Boden sichtbar gemacht. Eine ganze Vitrine zeigt darüber hinaus Funde, die Archäologen östlich des Doms entdeckt haben: Die ehemals morastige Fläche der Haseniederung wurde vom 16. bis 18. Jahrhundert als Müllkippe genutzt und enthielt unter anderem Fragmente kostbarer Tafelgläser, Knochen vom Ochsen bis zum Lamm, Fischgräten und andere Relikte. Karl der Große selbst ist nicht zuletzt durch die Traditionsbildung des benachbarten Gymnasiums Carolinum in lebendiger Schulerinnerung, die sich mit zunehmendem Abstand zur Abiturprüfung zusehends nostalgisch verklärt. Ein besonderes Objekt in diesem Zusammenhang ist die rechte Elle Karls des Großen, die 1872 aus Aachen nach Osnabrück überführt wurde und dort bis 2004 nie öffentlich thematisiert worden war.
Digitale Vermittlung mit Grenzen: warum das Original unersetzlich bleibt
Mit Audioguides, einem virtuellen 360-Grad-Rundgang durch den Dom und Formaten wie „Domgeflüster“ nutzt das Museum inzwischen auch digitale Wege der Vermittlung. Queckenstedt, Jahrgang 1963, gehört nach eigener Einschätzung zu einer Generation, die von historischen Objekten fasziniert ist. Als das Team vor 20 Jahren seine Planungen konkretisierte, entschied es sich für äußerst dezente und sparsame Objekthinweise. Heute hat das Wissen um die christliche Kultur unter jungen Menschen dagegen dramatisch abgenommen, oft ist nicht einmal mehr bekannt, wer der Mann am Kreuz ist. Flankierende Informationen haben deshalb erheblich an Bedeutung gewonnen.
Allerdings tritt das Original im digitalen Zeitalter aus seiner Sicht bisweilen zugunsten einer virtuellen Überformung in den Hintergrund. Jede Bewegung erzeugt nach einiger Zeit aber auch eine Gegenreaktion, und der Blick auf das Original ist für Queckenstedt nicht zu ersetzen: Beim Betrachten im Museum tritt das virtuell oder fotografisch behandelte Stück in die dritte Dimension, Schönheit und Schäden werden unmittelbar sichtbar.
„Wer möchte im Hochsommer schon an einem digitalen Eis lecken.“
Willi Witte zum 100.: ein unterschätzter Osnabrücker Künstler
Aktuell widmet das Diözesanmuseum Osnabrück dem Bildhauer Willi Witte anlässlich seines 100. Geburtstags eine Sonderausstellung. Als Künstler ist Willi Witte in vieler Hinsicht ein typischer Vertreter einer Generation, die durch eigene Kriegserfahrung geprägt wurde und schon in Abgrenzung zur dunklen NS-Vergangenheit gestalterisch neue Wege beschritten hat. Seine Vielseitigkeit im Umgang mit verschiedensten Materialien und Themen ist bestechend. Als Kunsterzieher am Gymnasium Carolinum und anderen Schulen hat er junge Menschen in großer Freiheit zu künstlerischer Gestaltung herausgefordert, eine Facette, die Queckenstedt erst im Gespräch mit ehemaligen Schülerinnen und Schülern geschildert wurde und die bislang kaum dokumentiert ist.
Darüber hinaus hat Willi Witte mit seinem ehemaligen Kriegskameraden und späteren Coesfelder Architekten Herbert Osterndorff vor allem im Westmünsterland „Kunst-am-Bau“-Projekte realisiert, die seit den 1960er Jahren für öffentliche Bauten obligatorisch waren. Die Bandbreite reichte von der Gestaltung des rückwärtigen Eingangsportals der Osnabrücker Tanzschule Hull bis zu Kirchenportalen wie dem der Heilig-Geist-Kirche im Georgsmarienhütter Stadtteil Oesede. Die Sonderausstellung gibt einen repräsentativen Einblick in das breite Schaffen eines regionalen Künstlers, der aus Queckenstedts Sicht bislang wissenschaftlich eher stiefmütterlich behandelt wurde.
Bischofsporträts als Vorbild: gelebter Ausgleich als Erbe für heute
Nach dem einen Objekt gefragt, das er einem jungen Menschen im Jahr 2026 zeigen würde, um zu erklären, warum sich die Beschäftigung mit der Geschichte Osnabrücks lohnt, nennt Queckenstedt sein Steckenpferd: die Bischofsporträts aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Diese Gemäldereihe legt für ihn die historische DNA Osnabrücks und des Osnabrücker Landes frei. Für den geistlichen Staat Hochstift Osnabrück brachten der Westfälische Friede und seine Ausführungsbestimmungen eine weltweit einmalige formale Gleichberechtigung von Katholiken und Lutheranern. Weil beide Konfessionen das kleine Land für sich beanspruchten, sollte es gerecht geteilt und abwechselnd von einem katholischen und einem evangelisch-lutherischen Fürstbischof regiert werden. Zudem sollten die Kirchengemeinden „auf Ewig“ jener Konfession zugehören, zu der sie sich im sogenannten „Normaljahr“ 1624 bekannt hatten.
Diese Regelung führte einerseits zu eifersüchtiger, erbsenzählerischer Beobachtung der Andersbekennenden, die man aber immerhin in der Nachbarschaft auch persönlich als Menschen kennenlernen konnte. Rigorose Feindbilder und diffamierende Ausgrenzungen waren merklich erschwert. Zudem lebte man im Bewusstsein des politischen und konfessionellen Augenmaßes, denn hätte eine Seite ihre Position bei herrscherlichem Rückenwind übertrieben ausgenutzt, wäre dies beim Herrscherwechsel ein willkommener Anlass zum Kontern gewesen.
„Für mich ist diese Tradition des pragmatischen Ausgleichs der Humus, auf dem die ‚Friedensstadt‘ Osnabrück ihre Friedenskulturarbeit sowie ihre interkulturellen und interreligiösen Initiativen entfaltet. In Zeiten von Fake-News, autoritärer und autokratischer politischer Renaissance sowie der mangelnden Bereitschaft, dem Andersdenkenden zuzuhören, ist ein Diskurs auf Augenhöhe mit offenem Ohr für dieses Gegenüber für uns alle von existenzieller Bedeutung: frei nach dem alten und doch immer gültigen Grundsatz: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Oder christlich interpretiert: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“
Einordnung
Vom Taubenfibel-Grab über die Domschatzkammer bis zur Willi-Witte-Sonderausstellung zieht sich für Hermann Queckenstedt ein roter Faden: Geschichte wird im Diözesanmuseum Osnabrück nicht museal konserviert, sondern als Erfahrung inszeniert, die auch digital affine, konfessionsferne Besucher erreichen soll, ohne dass das Original dabei an Kraft verliert. Wer verstehen will, warum sich ein Besuch lohnt, findet die Antwort weniger in einzelnen Exponaten als in der Haltung dahinter: pragmatischer Ausgleich statt Rechthaberei, ein Erbe, das Queckenstedt von den Osnabrücker Bischofsporträts bis in die Gegenwart trägt.
FAQ zum Diözesanmuseum Osnabrück
Wo liegt das Diözesanmuseum Osnabrück und was kostet der Eintritt?
Das Diözesanmuseum und die Domschatzkammer Osnabrück befinden sich am Domhof 12, 49074 Osnabrück, Telefon 0541 318 481. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, der Eintritt ist kostenlos.
Wer ist Hermann Queckenstedt?
Hermann Queckenstedt, Jahrgang 1963, leitet das Diözesanmuseum und die Domschatzkammer Osnabrück und hat das heutige chronologische Ausstellungskonzept vor rund 25 Jahren entwickelt. Zwischen 1994 und 2000 war er zudem Geschäftsführer der Archäologischen Ausgrabungen zur Varusschlacht in Kalkriese.
Was ist die Taubenfibel und warum ist sie bedeutend?
Die Taubenfibel ist ein erst in den 1990er Jahren von Archäologen entdecktes Schmuckstück, das eine Frau aus der Gründergeneration der ersten klösterlichen Siedlung an der Hase getragen hat. Ihr Grab markiert einen der frühesten fassbaren Punkte der Osnabrücker Stadtgeschichte.
Welche Sonderausstellung zeigt das Diözesanmuseum Osnabrück aktuell?
Anlässlich seines 100. Geburtstags widmet das Museum dem Osnabrücker Bildhauer Willi Witte eine Sonderausstellung, die sein vielseitiges Werk von Skulpturen bis zu „Kunst-am-Bau“-Projekten im Westmünsterland zeigt.
Wie schützt das Museum seine historischen Objekte?
Textilien lagern in abgedunkelten Vitrinen, um ein Verblassen der Farben zu verhindern, bei anderen Objekten wird die Luftfeuchtigkeit konstant kontrolliert. Fachrestauratorinnen und -restauratoren für Goldschmiedearbeiten, Textilien, Gemälde und Skulpturen betreuen die Sammlung teils seit Jahrzehnten.

