Ausbildung im Handwerk gilt für immer mehr junge Menschen in Baden-Württemberg als bewusste Entscheidung statt als zweite Wahl: Die Zahl neu abgeschlossener Ausbildungsverträge steigt. Peter Haas, Hauptgeschäftsführer von HANDWERK BW, ordnet im Interview mit Regionalupdate.de ein, was hinter dem Aufschwung steckt, wo weiterhin die größten Hürden liegen und was jetzt passieren muss, damit daraus eine dauerhafte Entwicklung wird.
Warum die Ausbildungszahlen im Handwerk steigen
Der Zuwachs beschränkt sich laut Haas nicht auf einzelne Trendberufe, sondern zieht sich breit durch das Handwerk – besonders stark im Bauhaupt- und Ausbaugewerbe. Im Metall- und Kfz-Bereich gab es zuletzt dagegen leichte Rückgänge; hier dürfte auch die schwierige wirtschaftliche Lage eine Rolle spielen.
„Das Handwerk tritt mit einem neuen Selbstbewusstsein auf, und das kommt bei jungen Menschen an. Sie sehen, dass hier Zukunft gestaltet wird: bei der Energiewende, beim nachhaltigen Bauen, bei moderner Mobilität oder in der Gesundheitsversorgung.“
Dazu kommen aus seiner Sicht sichere Perspektiven, die längst nicht beim Gesellenbrief enden: Meister, Führungsverantwortung, Selbstständigkeit oder die Übernahme eines bestehenden Betriebs. „Handwerk ist kein Plan B. Für immer mehr junge Menschen ist es ganz bewusst Plan A“, so Haas.
Die aktuell häufigsten Ausbildungsberufe
- Kraftfahrzeugmechatronikerin/-mechatroniker
- Anlagenmechanikerin/-mechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik
- Elektronikerin/Elektroniker
- Zimmerin/Zimmerer
- Friseurin/Friseur
Studium oder Ausbildung im Handwerk: ein Umdenken beginnt
Über Jahre wurde über Akademisierung und den Bedeutungsverlust der beruflichen Bildung diskutiert. Haas sieht inzwischen eine Verschiebung – allerdings keine Abkehr vom Studium, sondern ein wachsendes Verständnis dafür, dass Bildung und Karriere nicht nur über einen einzigen Weg führen.
„Eine Ausbildung ist keine Endstation, sondern der Einstieg in eine Karriere. Wer möchte, kann sich weiterqualifizieren, Meisterin oder Meister werden, ein Unternehmen führen oder selbst gründen.“
Gesellschaftlich sieht er trotzdem noch Arbeit vor sich: „In vielen Köpfen gilt nach wie vor: Wer gute Noten hat, studiert. Diese Logik ist überholt“, so Haas. Nötig sei echte Gleichwertigkeit statt einer Rangordnung zwischen beruflicher und akademischer Bildung – auch dabei, wie Schulen und Eltern beide Wege vermitteln.
Die größte Lücke: Bekanntheit statt fehlender Plätze
Viele Handwerksbetriebe suchen dringend Nachwuchs, gleichzeitig finden Jugendliche nicht immer den passenden Ausbildungsplatz. Die größte Lücke liegt für Haas selten am fehlenden Angebot, sondern am fehlenden Wissen darüber, was es überhaupt gibt.
„Viele Jugendliche kennen vielleicht fünf oder zehn klassische Handwerksberufe. Tatsächlich bietet das Handwerk mehr als 130 Ausbildungsberufe mit völlig unterschiedlichen Tätigkeiten und Karrierewegen.“
Dazu komme ein klassisches Passungsproblem zwischen Wunschberuf, Wohnort und dem konkreten Angebot eines Betriebs. Sein Rezept: Jugendliche viel früher mit Betrieben zusammenbringen, über Praktika, Betriebsbesuche und persönliche Begegnungen. „Ein Tag in einer Werkstatt, auf einer Baustelle oder in einem Betrieb kann mehr über einen Beruf vermitteln als viele Seiten Berufsinformation.“
Berufsorientierung muss früher beginnen – an allen Schulen
Berufsorientierung dürfe nicht erst spät und nicht nur aus Informationsmaterial bestehen, sagt Haas. Werkstatttage, Praktika, Betriebsbesuche und Gespräche mit Auszubildenden gehörten stärker in den Schulalltag – ausdrücklich auch an Gymnasien.
„Wenn handwerkliche Ausbildung dort erst dann ins Gespräch kommt, wenn ein Studium nicht funktioniert, haben wir bereits die falsche Botschaft gesendet.“
Statt „Studium oder, wenn das nichts ist, Ausbildung“ brauche es die umgekehrte Frage: Welche Form von Lernen, Arbeiten und Karriere passt zu diesem jungen Menschen? Dazu gehöre, den gesamten Karriereweg zu zeigen – von der Fachkraft über die Weiterbildung und den Meister bis zur eigenen Unternehmensnachfolge.
Was gute Ausbildung im Handwerk heute leisten muss
Ob junge Menschen einen Ausbildungsvertrag unterschreiben, ist die eine Frage. Ob sie bleiben, entscheidet sich laut Haas im Alltag: durch gute Ausbilderinnen und Ausbilder, klare Ansprechpartner, regelmäßiges Feedback und das Gefühl, dass die eigene Arbeit zählt.
„Junge Menschen wollen Verantwortung übernehmen. Sie wollen verstehen, warum sie etwas tun, eigene Fortschritte sehen und wissen, welche Möglichkeiten sich ihnen nach der Ausbildung eröffnen.“
Dazu zählt für ihn auch eine moderne Arbeitswelt: Digitalisierung und KI sind nach seiner Einschätzung längst im Handwerk angekommen, von Planung und Aufmaß über Diagnostik bis zur Organisation. Die Technik verändere das Werkzeug, mache handwerkliches Können aber nicht überflüssig, sondern kombiniere es mit moderner Technologie zu einem zukunftsfähigen Berufsbild. Das duale Ausbildungssystem bleibt dabei die Grundlage, auf der diese Entwicklung aufsetzt.
Der Blick nach vorn: Was jetzt passieren muss
Ob aus den aktuellen Zahlen eine echte Trendwende wird, entscheidet sich für Haas in den kommenden drei bis fünf Jahren. Vier Punkte nennt er dafür:
- Berufsorientierung neu denken: früher, verbindlicher und praxisnäher an allen Schularten, mit Ausbildung genauso selbstverständlich vorgestellt wie ein Studium.
- Gleichwertigkeit auch finanziell ernst nehmen: verlässliche Modernisierungspakte von Bund und Land für die Bildungszentren des Handwerks, die Fachkräfte für Energiewende und Digitalisierung qualifizieren.
- Aufstieg sichtbar machen: Die in Baden-Württemberg angekündigte Erhöhung der Meisterprämie auf 3.000 Euro wäre dafür ein wichtiges Signal.
- Praktische Hürden abbauen: bezahlbarer Wohnraum für Auszubildende und eine verlässliche Förderung für die Unterbringung beim Blockunterricht, unabhängig vom gewählten Ausbildungsberuf.
„Wenn wir mehr junge Menschen für berufliche Bildung gewinnen wollen, müssen wir aufhören, Ausbildung wie die zweite Wahl zu behandeln. Das Handwerk ist Zukunftswirtschaft, und genau so müssen Politik, Schulen und auch wir selbst darüber sprechen.“
Über Peter Haas und HANDWERK BW
Peter Haas ist Hauptgeschäftsführer des Baden-Württembergischen Handwerkstags e. V. (HANDWERK BW), der Dachorganisation des baden-württembergischen Handwerks mit Sitz in Stuttgart. Weitere Wirtschaftsthemen aus der Region finden sich im Wirtschaftsressort von Regionalupdate.de.
FAQ: Ausbildung im Handwerk
Wie viele Ausbildungsberufe gibt es im Handwerk?
Mehr als 130 – mit sehr unterschiedlichen Tätigkeiten und Karrierewegen. Das ist deutlich mehr, als den meisten Jugendlichen bekannt ist.
Welche Ausbildungsberufe im Handwerk sind aktuell am gefragtesten?
Dazu zählen laut HANDWERK BW unter anderem Kraftfahrzeugmechatroniker/-in, Anlagenmechaniker/-in für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, Elektroniker/-in, Zimmerer/Zimmerin und Friseur/-in.
Was ist die Meisterprämie in Baden-Württemberg?
Eine finanzielle Anerkennung für den erfolgreichen Meisterabschluss. Ihre angekündigte Erhöhung auf 3.000 Euro wäre laut HANDWERK BW ein wichtiges Signal für die Gleichwertigkeit beruflicher Bildung.
Wie kann Berufsorientierung an Schulen besser werden?
Durch frühere, verbindlichere Praxiskontakte wie Werkstatttage, Praktika und Betriebsbesuche – an allen Schularten, ausdrücklich auch am Gymnasium.

