Am Hauptkanal in Papenburg bewahrt das Dokumentations- und Informationszentrum Emslandlager eine der bedeutendsten Sammlungen zur Geschichte der NS-Zwangslager im Emsland – aufgebaut über 40 Jahre durch den engen Kontakt mit Überlebenden und ihren Familien. Kein Ausstellungshaus im klassischen Sinne, sondern ein lebendiges Archiv, Forschungszentrum und zivilgesellschaftlicher Erinnerungsort. Der Eintritt ist frei.

Was ist das DIZ Emslandlager?

Das Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Emslandlager in Papenburg ist kein Museum im gewöhnlichen Sinne. Es gibt keine Dauerausstellung mit Vitrinen, keinen festgelegten Besucherrundgang, keinen Eintrittspreis. Was es gibt, ist etwas Selteneres: ein über vier Jahrzehnte gewachsenes Archiv zur Geschichte der 15 nationalsozialistischen Zwangslager im Emsland und in der Grafschaft Bentheim – aufgebaut aus dem Vertrauen ehemaliger Häftlinge, ihrer Angehörigen und eines beharrlichen zivilgesellschaftlichen Vereins.

Das DIZ ist Anlaufstelle für Forschende, Schulklassen, Familien, die nach den Schicksalen ihrer Vorfahren suchen, und alle, die sich intensiver mit der Geschichte der Emslandlager auseinandersetzen wollen als eine Besichtigung der Gedenkstätte Esterwegen es erlaubt. Es versteht sich als Ergänzung, nicht als Konkurrenz – und als eigenständige zivilgesellschaftliche Stimme in der Erinnerungslandschaft des Emslandes.

Gründung gegen Widerstände: 1981 bis 1985

Die Geschichte des DIZ beginnt mit einer Weigerung. Ende der 1970er Jahre versuchten engagierte Bürgerinnen und Bürger – Studierende, Gewerkschafter, Kirchengruppen, Überlebende – in Esterwegen eine Gedenktafel aufzustellen. Die Bezirksregierung verweigerte dies 1979 mit der Begründung, bei den Häftlingen hätten sich auch „gewöhnliche Kriminelle" befunden – eine Formulierung, die die NS-Verfolgungslogik fortschrieb und bundesweit Empörung auslöste.

Dieses Scheitern wurde zum Antrieb. Im Jahr 1981 gründeten Überlebende der Emslandlager, die Tochter des Friedensnobelpreisträgers Carl von Ossietzky, Rosalinda von Ossietzky-Palm, und engagierte Menschen aus Emsland, Ostfriesland und Oldenburg den Verein „Aktionskomitee für ein Dokumentations- und Informationszentrum Emslandlager" in Papenburg. Das Ziel war klar: eine angemessene Gedenkstätte und Dokumentation für die mehr als 20.000 Toten der Emslandlager und die insgesamt rund 180.000 Menschen, die dort inhaftiert gewesen waren.

Da das historische Gelände des Lagers Esterwegen zu dieser Zeit noch von der Bundeswehr als Depot genutzt wurde, mietete der Verein 1984 mit eigenen Mitteln ein altes Papenburger Fehnhaus am Hauptkanal an und schuf dort die erste Anlaufstelle: das DIZ Emslandlager. 1985 eröffnete eine erste Dauerausstellung, erarbeitet gemeinsam mit der Universität Oldenburg. Es war die erste öffentliche Einrichtung dieser Art für die Emslandlager überhaupt.

  • 1979 Bezirksregierung verweigert Gedenktafel in Esterwegen – Empörung und Mobilisierung der Zivilgesellschaft.
  • 1981 Gründung des Aktionskomitees für ein DIZ Emslandlager in Papenburg – mit Unterstützung von Überlebenden und Rosalinda von Ossietzky-Palm.
  • 1984 Anmietung eines Fehnhauses in Papenburg, erste Mitarbeiterstellen über ABM-Programme.
  • 1985 Eröffnung der ersten Dauerausstellung – erste öffentliche Dokumentation der Emslandlager.
  • 1993 Landkreis und Stadt Papenburg stellen dem DIZ ein neues Gebäude zur Verfügung; Eröffnung im Rahmen eines internationalen Häftlingstreffens.
  • 2011 Eröffnung der Gedenkstätte Esterwegen. Das DIZ zieht als Kooperationspartner an den historischen Ort.
  • 2024 Kündigung der Räumlichkeiten des DIZ durch die Stiftung Gedenkstätte Esterwegen. Rückkehr nach Papenburg – neuer Standort: Hauptkanal rechts 58.

Die Moorsoldaten und das Vertrauen der Überlebenden

Was das DIZ von anderen Archiven und Dokumentationszentren unterscheidet, ist nicht nur sein Thema, sondern seine Entstehungsgeschichte: Es wurde wesentlich von den Überlebenden selbst aufgebaut. Die Männer und Frauen, die in den Emslandlagern inhaftiert gewesen waren – die sogenannten Moorsoldaten – übergaben dem DIZ ihre persönlichsten Dokumente: Briefe, Tagebücher, Fotos, Zeichnungen, Objekte aus der Lagerzeit, Liedblätter mit dem handgeschriebenen Moorsoldatenlied.

Von 1989 bis 2007 organisierte das DIZ zehn große, mehrtägige „Moorsoldatentreffen" in Papenburg – Zusammenkünfte ehemaliger Häftlinge aus ganz Europa, bei denen Erinnerungen geteilt, Schicksale recherchiert und Freundschaften gepflegt wurden. Diese Treffen waren das Herzstück der Arbeit. Heute, da die Generation der direkten Überlebenden kaum mehr unter uns ist, führt das DIZ diese Arbeit mit deren Nachfahren und Angehörigen fort – in „Angehörigentreffen", die die intergenerationelle Erinnerung lebendig halten.

Das Logo des DIZ zeigt einen Moorsoldaten bei der Arbeit. Es ist ein Versprechen: Das Vertrauen, das die Überlebenden in diesen Verein gesetzt haben, bleibt die Grundlage aller Arbeit.

Das Moorsoldatenlied im Archiv: Das DIZ verwahrt eine der bedeutendsten Sammlungen zum „Lied der Moorsoldaten" – darunter handgeschriebene Liedblätter aus dem KZ Börgermoor von 1933, Tonaufnahmen, Noten, Übersetzungen in Dutzende Sprachen und audiovisuelle Zeugnisse. Das Lied entstand unter Lebensgefahr und wurde zum Symbol des antifaschistischen Widerstands weltweit.

Rückkehr nach Papenburg: der Konflikt mit Esterwegen

Die jüngste Geschichte des DIZ ist auch eine Geschichte der Erschütterung. Als 2011 die Gedenkstätte Esterwegen auf dem historischen Lagergelände eröffnet wurde, zog das DIZ als Kooperationspartner dorthin. Es schien ein folgerichtiger Schritt: endlich am authentischen Ort, Seite an Seite mit der neuen Gedenkstätte.

Doch das Verhältnis zwischen dem zivilgesellschaftlichen Verein und der vom Landkreis getragenen Stiftung Gedenkstätte Esterwegen verschlechterte sich über die Jahre. Im Jahr 2023 kündigte die Stiftung dem DIZ die letzten verbliebenen Büroräume – eine Entscheidung, die in der Öffentlichkeit für erhebliche Kritik sorgte. Das Internationale Auschwitz Komitee, Historiker, Angehörigengruppen und zahlreiche Vereinsmitglieder protestierten. Die Kündigung wurde als Angriff auf die unabhängige Erinnerungsarbeit gewertet.

Seit dem 1. Juni 2024 ist das DIZ wieder in Papenburg. Der neue Standort befindet sich am Hauptkanal rechts 58 im ersten Obergeschoss – zurück in der Stadt, die es gegründet hat, herzlich aufgenommen von der Papenburger Stadtgesellschaft. Das Archiv, die Bibliothek und die Büroräume sind eingerichtet; die Bildungsarbeit geht weiter.

Die einzigartige Sammlung

Im Herzen des DIZ steht eine Sammlung, die in dieser Form weltweit einmalig ist. Sie ist das Ergebnis von 40 Jahren enger Beziehungen zu Überlebenden, ihren Familien und Forschenden aus aller Welt.

Schriftliche Zeugnisse

Briefe, Tagebücher, Erinnerungsberichte aus der Haft – viele davon handschriftliche Originale, die im Lager heimlich entstanden.

Fotoarchiv

Tausende Fotografien aus Lagerzeiten, Häftlingsporträts, Zeitdokumente – teils einzige erhaltene Bildbelege bestimmter Personen.

Kunstwerke und Objekte

Im Lager gefertigte Schnitzereien, Zeichnungen und Alltagsgegenstände – materielle Zeugnisse des Lebens unter Haftbedingungen.

Moorsoldatenlied-Sammlung

Handschriftliche Liedblätter (1933), Noten, Aufnahmen, Übersetzungen in Dutzende Sprachen – eine der bedeutendsten Sammlungen zur Geschichte dieses Liedes.

Bibliothek

Über 6.000 Bücher, Zeitschriften und Broschüren zur Geschichte der Emslandlager und des Nationalsozialismus – zugänglich für Forschende.

Archivkopien

Kopien aus Archiven weltweit zur juristischen Aufklärung und Schicksalsklärung einzelner Häftlinge – für Familienrecherchen unverzichtbar.

Viele Bestände wurden bereits digitalisiert. Die Digitalisate sind vor Ort über WLAN zugänglich. Ob und in welchem Umfang sie künftig öffentlich online gestellt werden, wird noch entschieden – das DIZ möchte dabei die Kontrolle über die Verwendung sensiblen Materials behalten.

Bildungsarbeit und Veranstaltungen

Das DIZ versteht sich nicht als statisches Archiv, sondern als lebendige Bildungseinrichtung. Es bietet Workshops für außerschulisches Lernen und dezentrale Bildungsformate für Jugend- und Erwachsenengruppen an – auch auswärts, also nicht nur am Standort Papenburg.

Das Veranstaltungsprogramm ist vielfältig: Vorträge zur Geschichte der Emslandlager, Filmabende, Lesungen und Konzerte mit Bezug zur Erinnerungskultur, die jährlichen Seminare in der Historisch-Ökologischen Bildungsstätte (HÖB) Papenburg, sowie Kooperationsveranstaltungen mit dem Stadtmuseum Meppen, der VHS Papenburg und anderen Institutionen. Im Juni 2025 öffnete das DIZ erstmals einen Tag des offenen Archivs für die Öffentlichkeit.

Besonders wichtig ist die Arbeit mit Schulklassen. Schülerinnen und Schüler aus der Region – zuletzt vom Mariengymnasium Papenburg – erarbeiten im Seminarfach oder im Projektunterricht gemeinsam mit dem DIZ historische Themen und präsentieren die Ergebnisse bei öffentlichen Gedenkveranstaltungen. Das Ziel ist nicht nur historisches Wissen, sondern demokratisches Bewusstsein: die Einsicht, dass Erinnern keine Rückschau ist, sondern eine Verantwortung für die Gegenwart.

DIZ und Gedenkstätte Esterwegen: zwei Institutionen

Wer die Emslandlager verstehen will, sollte beide Einrichtungen kennen – sie ergänzen sich, haben aber unterschiedliche Profile. Die Gedenkstätte Esterwegen am historischen Lagergelände bietet eine professionell gestaltete Ausstellung, ein Freigelände mit Erinnerungsarchitektur und ein Bildungsprogramm für Schulen. Sie ist vom Landkreis Emsland getragen und hat eine institutionelle Verankerung.

Das DIZ ist demgegenüber ein zivilgesellschaftlicher Verein – kleiner, beweglicher, stärker aus persönlichen Beziehungen gewachsen. Sein Archiv ist tiefer, sein Zugang direkter zu den Schicksalen einzelner Menschen. Wer nach konkreten Personen sucht, Familienrecherchen betreibt oder sich wissenschaftlich mit den Emslandlagern befasst, kommt am DIZ nicht vorbei.

Der Konflikt um die Kündigung der Räume in Esterwegen hat beide Institutionen belastet. Er zeigt aber auch, wie wichtig es ist, dass neben staatlich getragenen Gedenkstätten unabhängige zivilgesellschaftliche Einrichtungen existieren – als Korrektiv, als Bewahrer eigener Bestände und als Stimme, die keiner institutionellen Rücksichtnahme unterliegt.

Besuch und Nutzung des Archivs

Das DIZ ist kein klassisches Besuchermuseum, sondern ein Arbeitsarchiv. Es steht grundsätzlich allen offen, die sich mit der Geschichte der Emslandlager befassen möchten – Schulklassen, Forschende, Familien, die Spuren von Angehörigen suchen, Interessierte aus dem In- und Ausland.

Ein Besuch oder eine Archivnutzung sollte vorab per E-Mail oder Telefon angemeldet werden, damit die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – Tessa Hesener und Joscha Hollmann – sich gezielt vorbereiten können. Die Bürozeiten sind wochentags; ein spontaner Besuch ohne Absprache ist nicht immer möglich.

Familienrecherche: Das DIZ hilft bei der Suche nach Informationen über Angehörige, die in den Emslandlagern inhaftiert waren. Die Sammlung enthält Häftlingsdaten, Fotografien und persönliche Dokumente, die in keinem staatlichen Archiv zu finden sind. Anfragen auf Deutsch und in vielen anderen Sprachen sind willkommen.

Praktische Informationen

Das DIZ Emslandlager befindet sich seit Juni 2024 am Hauptkanal rechts 58, 26871 Papenburg, im ersten Obergeschoss. Eine Anmeldung vor dem Besuch wird dringend empfohlen. Der Eintritt ist frei.

📋 Alle Infos auf einen Blick

Adresse Hauptkanal rechts 58, 26871 Papenburg
(1. Obergeschoss)
Öffnungszeiten Wochentags – Besuch nur nach Anmeldung
Eintritt Kostenlos
Kontakt Tessa Hesener: [email protected]
Joscha Hollmann: [email protected]
Website diz-emslandlager.de
Träger Aktionskomitee für ein DIZ Emslandlager e.V.
Gegründet 1981 (Verein), erste Ausstellung 1985
Aktueller Standort seit 1. Juni 2024
Sammlung Briefe, Fotos, Kunstwerke, Moorsoldatenlied-Archiv, über 6.000 Bibliotheksbände
Bildungsangebote Workshops, Seminare, Vorträge, Schulprojekte
Ergänzender Besuchsort Gedenkstätte Esterwegen