Im flachen Emsland, zwischen Küstenkanal und Hochmoor, steht eine der bedeutendsten NS-Gedenkstätten Niedersachsens: die Gedenkstätte Esterwegen. Sie erinnert an 15 Konzentrations-, Straf- und Kriegsgefangenenlager, die der NS-Staat zwischen 1933 und 1945 im Emsland und in der Grafschaft Bentheim unterhielt. Schätzungsweise 250.000 Menschen waren in diesen Lagern und ihren Arbeitskommandos inhaftiert. Annähernd 20.000 von ihnen überlebten die Haft nicht. Der Eintritt ist frei.
Inhalt
- Die 15 Emslandlager – ein System des Terrors
- Das KZ Esterwegen: von 1933 bis 1945
- Die Moorsoldaten und das Lied des Widerstands
- Carl von Ossietzky – der bekannteste Häftling
- Jahrzehnte des Widerstands: die Entstehung der Gedenkstätte
- Die Ausstellung: Hauptausstellung, Freigelände und Sonderschauen
- Das Freigelände: Spuren im Gelände lesen
- Interview: Erinnerungsarbeit heute
- Hinweise für den Besuch
- Praktische Informationen
Die 15 Emslandlager – ein System des Terrors
Wer heute durch das Emsland fährt, passiert eine Landschaft, die von ihrer Geschichte kaum etwas preisgibt. Die Felder sind bestellt, die Dörfer ruhig, die Straßen schnurgerade. Und doch: In dieser Gegend unterhielt der NS-Staat zwischen 1933 und 1945 ein einzigartiges System aus 15 Lagern – Konzentrationslager, Strafgefangenenlager, Kriegsgefangenenlager. Die sogenannten Emslandlager erstreckten sich über weite Teile des Landkreises Emsland und der Grafschaft Bentheim, eingebettet in die Moore und Heideflächen zwischen Ems und niederländischer Grenze.
Die Lager begannen unmittelbar nach der NS-Machtübernahme: Am 20. Juni 1933 wurde das erste Lager, das KZ Börgermoor, eröffnet. Wenige Wochen später folgten das KZ Esterwegen und das KZ Neusustrum. Ihr Zweck war zunächst die Unterbringung politischer Gegner – Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter – in sogenannter „Schutzhaft". Mit dem Verlauf des Krieges wandelten sich viele Lager zu Straf- und Kriegsgefangenenlagern.
Die Dimensionen sind erschütternd: Insgesamt litten in allen 15 Emslandlagern bis zu 10.000 KZ-Häftlinge, rund 70.000 Strafgefangene und weit mehr als 150.000 Kriegsgefangene – darunter sowjetische und französische Soldaten sowie italienische Militärinternierte. Annähernd 20.000 Menschen, die meisten sowjetische Kriegsgefangene, kamen ums Leben – durch Verhungern, Erschöpfung, Krankheit, Misshandlungen oder als sogenannte „Auf-der-Flucht-Erschossene". Die Emslandlager sind damit einer der größten Verbrechensschauplätze des Nationalsozialismus auf niedersächsischem Boden.
Das KZ Esterwegen: von 1933 bis 1945
Im Sommer 1933 errichtete der preußische Staat auf dem Gelände des heutigen Gedenkorts das Konzentrationslager Esterwegen – zunächst als Doppellager (Lager II und III) für bis zu 2.000 politische Häftlinge. Es war zeitweilig nach dem KZ Dachau das zweitgrößte Konzentrationslager im Deutschen Reich.
Die Häftlinge wurden zur Zwangsarbeit in der Moorkultivierung eingesetzt – ohne technische Hilfsmittel, mit Spaten und bloßen Händen. Sie mussten Entwässerungsgräben anlegen, Wege bauen, das Moor urbar machen. Diese Arbeit war körperlich besonders schwer, und Morde und Misshandlungen gehörten zum Lageralltag. Im Oktober 1933 wurde der frühere Polizeipräsident von Altona, Otto Eggerstedt, im Lager erschossen.
1936 löste die SS das KZ auf; die Häftlinge wurden in das neu errichtete KZ Sachsenhausen verlegt. Das Lager Esterwegen blieb aber bestehen – nun in der Hand der Reichsjustizverwaltung als Strafgefangenenlager. Während des Zweiten Weltkriegs kamen von Militärgerichten verurteilte Soldaten hinzu. 1943 und 1944 saßen rund 2.700 sogenannte „Nacht-und-Nebel-Gefangene" hier ein – Widerstandskämpfer aus westeuropäischen Ländern, die nach einem geheimen Hitler-Erlass verschleppt und verurteilt worden waren, ohne dass ihre Familien davon wussten.
Nach der Befreiung durch alliierte Truppen im April 1945 diente das Gelände zunächst als Internierungslager für NS-Täter, danach als Strafgefängnis, später als Bundeswehr-Depot. Erst als sich die Bundeswehr 2006 vom Gelände zurückzog, beschloss der Landkreis Emsland, es zu erwerben und der Gedenkstättennutzung zuzuführen.

Die Moorsoldaten und das Lied des Widerstands
Der Name, der mit diesen Lagern für immer verbunden ist, lautet: Moorsoldaten. So nannten sich die politischen Häftlinge der frühen Konzentrationslager selbst – in bitterer Ironie über ihre Situation, aber auch als Zeichen des inneren Widerstands. Im August 1933 entstanden im KZ Börgermoor drei Zeilen, die Geschichte schreiben sollten:
Das Lied wurde zum Symbol des antifaschistischen Widerstands – weit über Deutschland hinaus. Es wurde in viele Sprachen übersetzt, in Konzentrationslagern auf der ganzen Welt gesungen und ist bis heute ein Dokument menschlicher Würde unter unmenschlichen Bedingungen. Die Häftlinge, die es schufen, riskierten ihr Leben dabei.
Die „Moorsoldaten" hinterließen noch ein weiteres wichtiges Zeugnis: Der Schriftsteller Wolfgang Langhoff, der 13 Monate in Börgermoor und Lichtenburg inhaftiert war, veröffentlichte 1935 im Schweizer Exil das Buch „Die Moorsoldaten" – eines der ersten literarischen Zeugnisse über den NS-Terror. Es wurde in viele Sprachen übersetzt und half, die Welt über die Lager zu informieren, als die meisten Deutschen noch schwiegen.
Carl von Ossietzky – der bekannteste Häftling
Unter den Tausenden von Häftlingen im KZ Esterwegen gab es einen, dessen Name weit über das Emsland hinaus bekannt wurde: Carl von Ossietzky. Der Publizist und Pazifist, Chefredakteur der Weltbühne und entschiedener Gegner der Nationalsozialisten, wurde im Februar 1933 verhaftet und gelangte 1934 nach Esterwegen. Dort war er bis 1936 inhaftiert.
Mitgefangene berichteten, dass Ossietzky in der Haft besonders schwer misshandelt wurde. 1935, während er noch im Lager saß, wurde ihm der Friedensnobelpreis verliehen – eine Entscheidung, die das NS-Regime international blamierte. Hitler verbot allen Deutschen daraufhin, je wieder einen Nobelpreis anzunehmen. Ossietzky selbst durfte die Auszeichnung nicht entgegennehmen. Er wurde aus dem Lager in ein Krankenhaus verlegt und starb im Mai 1938 an den Folgen der erlittenen Misshandlungen.
Ossietzky wurde zur Symbolfigur des deutschen Widerstands. Die Universität Oldenburg wurde 1973 nach ihm benannt. 1963 errichteten Gewerkschaftsjugendliche auf dem Lagerfriedhof an der B 401 einen Gedenkstein zu seinem Andenken – einer der ersten sichtbaren Erinnerungszeichen an die Emslandlager überhaupt.
Jahrzehnte des Widerstands: die Entstehung der Gedenkstätte
Die Geschichte der Gedenkstätte ist selbst eine Geschichte des Widerstands – diesmal gegen das Vergessen. Schon kurz nach Kriegsende trafen sich ehemalige Häftlinge, um zu gedenken. Doch konkrete Schritte hin zu einer würdigen Gedenkstätte am historischen Ort stießen jahrzehntelang auf Widerstand.
1979 verweigerte die Bezirksregierung Weser-Ems dem Arbeitskreis Carl von Ossietzky sogar die Aufstellung einer einfachen Gedenktafel in Esterwegen – mit der Begründung, bei den Häftlingen hätten sich schließlich auch „gewöhnliche Kriminelle" befunden. Dieses Argument, das die NS-Verfolgungslogik fortschrieb, empörte viele.
1981 gründeten ehemalige Häftlinge gemeinsam mit der Tochter Carl von Ossietzkys, Rosalinda von Ossietzky-Palm, und engagierten Bürgerinnen und Bürgern das Aktionskomitee für ein DIZ Emslandlager in Papenburg. Da der Wunschstandort – das historische Gelände in Esterwegen – noch von der Bundeswehr genutzt wurde, eröffnete der Verein 1985 in einem alten Papenburger Fehnhaus eine erste Dauerausstellung: das Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Emslandlager.
Erst als die Bundeswehr sich 2006 vollständig vom Gelände in Esterwegen zurückzog, übernahm der Landkreis Emsland das Areal. Nach umfangreichem Umbau und der Gestaltung des Freigeländes wurde die Gedenkstätte Esterwegen am 31. Oktober 2011 eröffnet. Es hatte 78 Jahre gedauert, von der Errichtung des ersten Lagers bis zu einer würdigen Gedenkstätte am historischen Ort.
Die Ausstellung: Hauptschau, Nebenausstellung und Sonderschauen
Hauptausstellung
Die Hauptausstellung dokumentiert die Geschichte der Emslandlager von 1933 bis 1945 und stellt das Geschehen chronologisch im Kontext der Geschichte des Dritten Reiches dar. Im Mittelpunkt stehen die Erfahrungen der Häftlinge bei der Arbeit im Moor sowie ihr Leben und Leiden in den Lagern. Die Ausstellung arbeitet multiperspektivisch: Täter, Opfer und Zuschauer werden gleichermaßen in den Blick genommen. Individuelle Schicksale, Handlungsspielräume und Formen des Widerstands erhalten dabei ebenso Raum wie die Systemebene des Terrors.
Historische Fotografien, Originaldokumente, persönliche Gegenstände ehemaliger Häftlinge und moderne Medieninstallationen ergänzen sich zu einem dichten, anspruchsvollen Rundgang. Wer die Ausstellung ernsthaft auf sich wirken lässt, sollte mindestens zwei Stunden einplanen.

Nebenausstellung und Wanderausstellungen
Die Nebenausstellung behandelt die Nachgeschichte der Emslandlager – einen komplexen, verschiedene Phasen durchlaufenden und bis heute andauernden Prozess. Sie zeigt, wie lange es dauerte, bis die Lager angemessen erinnert wurden, welche Widerstände es gab und welche Gruppen sich für ein würdiges Gedenken einsetzten. In zwei weiteren Ausstellungsbereichen werden regelmäßig Wanderausstellungen präsentiert.
Im Jahr 2026 ist unter anderem die Graphic-Novel-Ausstellung „Das Unvorstellbare zeichnen / Picturing the Unimaginable" zu sehen, die vom 17. Mai bis 6. Dezember 2026 in Esterwegen gezeigt wird. Zehn Zeichnerinnen und Zeichner haben sich darin mit Biografien aus Konzentrationslagern auseinandergesetzt und eigene Comics entwickelt.
Gedenkstättenpädagogik
Die Gedenkstätte legt großen Wert auf Bildungsarbeit. Im Jahr 2025 zählte sie über 23.500 Besucherinnen und Besucher, davon mehr als 7.800 Schülerinnen und Schüler – mehr als ein Drittel aller Gäste. Die gedenkstättenpädagogische Betreuung erfolgt durch ein Team von über 20 ausgebildeten Guides. Für Schulklassen, Jugendgruppen und Erwachsenenbildungseinrichtungen gibt es spezifische Programme. Im Mai 2025 wurde der 300.000. Gast seit der Eröffnung 2011 begrüßt.
Das Freigelände: Spuren im Gelände lesen

Das Freigelände der Gedenkstätte ist ein Ort ganz eigener Art. Hier stand einmal das Lager – Baracken, Wachtürme, Stacheldraht. Heute ist das Areal eine stille, sorgfältig gestaltete Landschaft, die das Vergangene sichtbar macht, ohne es zu rekonstruieren.
Die Landschaftsgestaltung macht die Spuren des früheren Lagers kenntlich und übersetzt nicht mehr sichtbare Teile der Lagertopographie in eine moderne Formensprache aus Stahlelementen. Die Standorte der früheren Baracken werden durch „Baumpakete" visualisiert. Die Überschotterung des ehemaligen Häftlingsareals mit Lava deutet eine rotbraune Moorlandschaft an. Ein Stahlsteg verbindet den historischen Lagerort mit einem benachbarten renaturierten Moor – dem Ort der Zwangsarbeit.
Unmittelbar am Gelände befindet sich auch ein Franziskanerkloster, das 2007 gegründet wurde. Drei Ordensschwestern leben dort und pflegen das Gedenken auf ihre eigene Weise. Im sogenannten „Raum der Sprachlosigkeit“ im Inneren des Klosters befinden sich ein Drehkreuz aus Eichenholz mit Moorbahn-Schienen, gestaltet vom Bildhauer Klaus Simon. Es ist ein Ort zum Innehalten – und einer der bewegendsten Räume, die das Emsland zu bieten hat.
Das Nebeneinander von historischem Ort, wissenschaftlicher Ausstellung und geistlichem Ort gibt der Gedenkstätte eine besondere Atmosphäre.
Interview: „Es ist unser Mindestauftrag, ihre Namen zu bewahren“
Rund 250.000 Menschen waren in den Emslandlagern und ihren Arbeitskommandos inhaftiert. Was bedeutet Erinnerungsarbeit an diesem Ort heute, wie reagieren Jugendliche, und welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz? Darüber hat regionalupdate.de mit Dr. Martin Koers und Dr. Sebastian Weitkamp gesprochen, die die Gedenkstätte Esterwegen seit 2021 gemeinsam leiten.
Die Gedenkstätte Esterwegen erinnert an einen der dunkelsten Orte der Regionalgeschichte. Was treibt Euch persönlich an, diese Arbeit jeden Tag zu tun?
Das Emsland ist eine Region mit hoher Lebensqualität, für die Demokratie, Frieden und Freiheit das Fundament bilden. Der Blick in die Geschichte hilft uns zu verstehen, wie essenziell diese Werte für unser Zusammenleben sind und welches Leid durch Ausgrenzung und Hass entstehen kann. Die Gedenkstätte ist ein Ort der Erinnerung und der grenzüberschreitenden Versöhnung. Menschen dies erlebbar zu machen, ist die zentrale Motivation unserer täglichen Arbeit. Zudem forschen die Mitarbeitenden der Gedenkstätte zur regionalen NS-Geschichte, tragen zur Schicksalsklärung Verfolgter bei und engagieren sich in zahlreichen weiteren Bildungs- und Forschungsprojekten.
Die Emslandlager waren ein System aus 15 Lagern. Was wissen die meisten Menschen aus der Region noch nicht darüber, was sie wissen sollten?
Zwischen 1933 und 1945 waren in den 15 Emslandlagern sowie den zahlreichen regionalen Arbeitskommandos schätzungsweise 250.000 Menschen aus ganz Europa inhaftiert. Annähernd 20.000 von ihnen verloren dort ihr Leben. Eine kritische Bemerkung, ein falscher Witz, die Verweigerung des Grußes, eine ‚unerwünschte‘ Herkunft oder die Zugehörigkeit zu einer falschen Partei reichten im Nationalsozialismus oft schon für eine Verfolgung aus. Uns immer wieder vor Augen zu führen, wie tief NS-Verfolgung und Kriegswahn in den Alltag der Menschen eingriffen, schärft den Blick, um neue Irrwege zu verhindern. Die NS-Diktatur bekämpfte nicht ‚nur‘ Minderheiten; sie entfesselte einen Weltkrieg und hinterließ innerhalb von zwölf Jahren weite Teile Europas in Krieg und Zerstörung.
Seit 2020 arbeitet Ihr an einem Online-Gedenkbuch für Häftlinge, Strafgefangene und Kriegsgefangene. Was bedeutet es, Menschen aus dieser Zeit ihren Namen zurückzugeben?
Die Folgen der nationalsozialistischen Verfolgung wirken in vielen Familien über Generationen hinweg nach. Das Schicksal eines Angehörigen zu kennen, es einordnen zu können und einen Ort der Trauer zu haben, sind wesentliche Voraussetzungen für Aussöhnung und inneren Frieden. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ermutigt uns, für eine Zukunft einzutreten, in der das Verbindende stärker ist als das Trennende. Zudem führen uns die Gedenk- und Erinnerungsbücher eindringlich vor Augen, wie viele Menschen unterschiedlichster Nationen in den Emslandlagern inhaftiert waren. Jeder und jede von ihnen hatte ein individuelles Leben, eine Familie und Zukunftsträume – all das wurde ihnen gewaltsam genommen. Es ist unser Mindestauftrag, ihre Namen zu bewahren und ihr Andenken lebendig zu halten. Daraus erwächst die Verantwortung, uns aktiv dafür einzusetzen, dass künftigen Generationen ein ähnliches Schicksal erspart bleibt.
Ihr arbeitet intensiv mit Schulklassen und Jugendgruppen zusammen. Wie reagieren junge Menschen heute auf diese Geschichte, wenn sie direkt vor Ort damit konfrontiert werden?
Je weiter die historischen Ereignisse zurückliegen, desto abstrakter wird die damalige Lebensrealität. Sobald Jugendliche und junge Erwachsene jedoch in konkrete Lebensgeschichten eintauchen, historische Dokumente analysieren und Fotografien betrachten, entsteht ein persönlicher Bezug. Ein Schicksal aus der eigenen Gemeinde oder der vertrauten Region macht die Geschichte unmittelbar greifbar. So wird historische Bildung erlebbar und verankert sich nachhaltig im Bewusstsein der jungen Menschen.
KI-Systeme greifen zunehmend auf digitale Quellen zurück. Welche Chancen und Risiken seht Ihr darin für die Erinnerungsarbeit?
KI-Systeme bieten große Chancen: Sie unterstützen beim Entziffern alter Handschriften sowie beim Erschließen und Rekonstruieren historischer Dokumente und Bildquellen. Damit erweisen sie sich als wertvolles Werkzeug für die historische Forschung. Gleichzeitig birgt die Technologie Risiken: KI kann in Sekundenschnelle täuschend echte, aber frei erfundene Bild- und Filmdokumente erzeugen. Dadurch drohen die Grenzen zwischen historischer Überlieferung und Fälschung zu verschwimmen, was Raum für Geschichtsrevisionismus und politische Instrumentalisierung schafft. Vor diesem Hintergrund gewinnen Archive, Gedenkstätten und Museen als Orte authentischer Überlieferung an Bedeutung: Sie bewahren Originalquellen, garantieren deren Herkunft und bilden das verlässliche Fundament für eine wahrhaftige Erinnerungskultur.
Die Gedenkstätte Esterwegen liegt mitten im Emsland, einer Region, die heute für ganz andere Dinge bekannt ist. Wie geht die Bevölkerung mit diesem historischen Erbe um?
Das historische Erbe der NS-Zeit ist vielerorts in Deutschland präsent – so auch im Emsland. Die lokale Bevölkerung unterstützt die Arbeit der Gedenkstätte mit großem Engagement und schätzt sie als wichtige Institution für historische Bildungs- und Demokratiearbeit. Während in den Nachkriegsjahrzehnten häufig das Verdrängen und der materielle Wiederaufbau dominierten, stehen wir heute vor neuen gesellschaftlichen Aufgaben. Die Gegenwart verlangt nach historischer Einordnung, fundiertem Wissen und einer klaren Haltung für jene demokratischen Werte, auf denen unser Zusammenleben gründet.
Was wünscht Ihr Euch für die Zukunft der Erinnerungskultur in der Region?
Wir wünschen uns eine lebendige Erinnerungskultur, in der Menschen generationenübergreifend über Geschichte ins Gespräch kommen – sei es über die regionale Vergangenheit oder die eigene Familiengeschichte. Es gilt, den Raum für Fragen, Forschung und kritischen Diskurs offenzuhalten. Zugleich müssen wir Populismus entgegentreten, der versucht, das Gedenken zu relativieren oder historisch zu vereinnahmen. Erinnerungsarbeit dient nicht der Schuldzuweisung, sondern der Übernahme von Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft. Je besser wir historische Zusammenhänge verstehen und je wachsamer wir gegenüber vermeintlich einfachen Antworten sind, desto gestaltungsmächtiger bleibt unsere vielfältige Demokratie.
Hinweise für den Besuch
Ein Besuch in Esterwegen ist kein leichter Ausflug – er soll es auch nicht sein. Die Ausstellung konfrontiert mit schweren Zeugnissen: mit Biografien von Häftlingen, mit Täterkarrieren, mit dem bürokratischen Apparat der Verfolgung. Wer Kinder mitbringt, sollte das Alter und die Reife der Kinder vorab einschätzen. Die Gedenkstätte bietet für Schulgruppen ab Klasse 5 geführte pädagogische Programme an, die altersgerecht aufbereitet sind.
Erwachsene Besucherinnen und Besucher sollten mindestens zwei bis drei Stunden einplanen, wer das Freigelände ausführlich erkunden möchte, mehr. Ein Museumscafé gibt es derzeit nicht – die Versorgung in unmittelbarer Umgebung ist begrenzt. Die Gedenkstätte selbst verfügt über einen kleinen Buchshop mit Literatur zur Geschichte der Emslandlager.
Praktische Informationen
Die Gedenkstätte ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Montags ist Ruhetag. Der Eintritt ist frei. Führungen für Gruppen sind buchbar; für Schulklassen gibt es spezielle pädagogische Programme.
📋 Alle Infos auf einen Blick
| Adresse | Hinterm Busch 1, 26897 Esterwegen |
| Öffnungszeiten | Di–So 10:00–18:00 Uhr Montag Ruhetag |
| Eintritt | Kostenlos |
| Führungen | Auf Anfrage, auch außerhalb der Öffnungszeiten |
| Schülergruppen | Spezielle pädagogische Programme ab Klasse 5 |
| Telefon | 05955 8989 |
| Website | gedenkstaette-esterwegen.de |
| Anfahrt PKW | B 401 zwischen Papenburg und Sögel; Parkplatz vor Ort vorhanden |
| Eröffnet | 31. Oktober 2011 |
| Träger | Stiftung Gedenkstätte Esterwegen / Landkreis Emsland |
| Besucher/Jahr | ca. 23.500 (2025), davon ⅓ Schüler |
